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Tragischer Tod: Der Silke-Thielsch-Prozess hat begonnen

Sie wollten nach einem Volksfest endlich Zeit für sich haben, standen knutschend am Fahrbahnrand. Ein Autofahrer fuhr das Paar um, die 41-jährige Silke Thielsch kam dabei ums Leben. Nun steht der Todesfahrer in Frankfurt vor Gericht.
Ein Blick auf das Gebäude vom Landgericht in Frankfurt am Main. Foto: Fredrik von Erichsen/Archiv Ein Blick auf das Gebäude vom Landgericht in Frankfurt am Main.
Frankfurt. 

Immer wieder ringt der Mann auf der Anklagebank um Worte, seine Stimme dringt kaum durch den Gerichtssaal, als er vom «größten Fehler meines Lebens» spricht. Der 27-Jährige muss sich vor dem Frankfurter Landgericht wegen Totschlags, Körperverletzung und eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr verantworten. Was ging in ihm vor, als er im September 2015 gegen Mitternacht an einem Zebrastreifen ein knutschendes Liebespaar umfuhr? So erschüttert der schmächtige Mann auch nach mehr als zwei Jahren über den Tod einer 41 Jahre alten Frau wirkt - die Antwort bleibt er am ersten Prozesstag schuldig.

Der alkoholisierte Angeklagte habe nicht gemerkt, dass sein Fahrzeug die Frau überrollte und mitschleifte, sagt einer seiner Verteidiger zu Verhandlungsbeginn. Zuhörer quittieren dies mit Hohngelächter. «Ich dachte, es sei alles in Ordnung», sagt der 27-Jährige über die tödliche Begegnung am Zebrastreifen. Wenig später, als er den Vorfall schildern soll, bricht er ab, seine Stimme versagt, die Verteidiger bitten um eine kurze Pause. Doch auch wenn der Angeklagte anschließend etwas ruhiger wirkt - er fühlt sich nicht in der Lage, weiter auszusagen oder Fragen zu beantworten.

Äußerlich gefasst wirkt dagegen ein heute 40-Jähriger, der mit leichten Verletzungen davon kam, während seine Freundin starb. Die beiden hatten ein Volksfest besucht, mit Freunden der Handballmannschaft gefeiert, deren Team-Managerin seine Freundin war. Kurz vor Mitternacht verabschiedete sich das Paar. «Wir wollten endlich Zeit für uns haben», sagt der drahtig wirkende Mann mit dunkelblondem Kurzhaarschnitt, in dem sich das erste Grau abzeichnet.

An dem Zebrastreifen an einem Kreisel warteten sie auf ein Taxi und knutschten, schildert der 40-Jährige in seiner Zeugenaussage. Das Fahrzeug des 27-Jährigen habe er kaum wahrgenommen. Nur als der Fahrer erst hielt, dann anfuhr und wenig später unmittelbar neben dem Paar erneut zum Stehen kam, habe er eine Handbewegung gemacht, um zum Ausweichen aufzufordern.

Was unmittelbar danach geschah - das kann auch der Zeuge und Nebenkläger nicht erklären. Er habe die Stoßstange am Bein gespürt und erinnere sich erst wieder an den Moment, an dem er auf der Straße lag. «Ich habe dann geschrien, wo ist meine Frau? Wo ist meine Frau?», sagt er. Auf das Auto habe er gar nicht weiter geachtet und in den umliegenden Büschen nach seiner Freundin gesucht. Dann habe er gedacht, sie sei vielleicht auf der Motorhaube des Fahrzeugs gelandet und dem Auto hinterher gelaufen.

Zwei Freunde, die bereits das etwas 400 Meter entfernt stehende Fahrzeug sahen, versuchten den 40-Jährigen festzuhalten. «Sie sagten, du solltest das besser nicht sehen.» Er habe sich aber losgerissen und sei zu dem Auto gelaufen. «Da sah ich aus dem vorderen Radkasten Silkes Bein rausgucken.» Hier droht auch der ruhig wirkende Mann die Fassung zu verlieren. «Vor einer Minute hatten wir noch geknutscht - und nun war sie tot.»

Unter den Folgen der tragischen Nacht, das macht die Befragung des Gerichts deutlich, leidet der 40-Jährige bis heute. Er musste sich psychotherapeutischer Behandlung unterziehen, war drei Monate lang krankgeschrieben und sagt auch heute noch über seine Arbeitsfähigkeit: «Ich bin anwesend, aber nicht wirklich da.» Die Vorladung zur Gerichtsverhandlung habe «alles wieder aufgewühlt». Auch die als Nebenkläger auftretende Familie der Toten leide bis heute massiv.

Auch ein 26-jähriger Zeuge und damaliger Freund des Angeklagten, der in jener Nacht mit im Auto saß, sagt am Dienstag vor Gericht aus. Etwa drei bis fünf Äppler habe der 27-Jährige auf dem Volksfest getrunken. Alles sei «vollkommen normal» gewesen, bis der Angeklagte unmittelbar vor dem Liebespaar stand und losgefahren sei, «als ob nichts ist». Er sei in Panik geraten, als er die Frau auf der Motorhaube gesehen habe, sagt der Zeuge. Der 27-Jährige will sich nach eigenen Angaben da mit seinem Navi beschäftigt haben.

Er habe auch gespürt, dass der Wagen über etwas hinweggerollt sei, sagt der 26-jährige Zeuge. «Ich habe immer wieder gerufen: Halt an, bleib stehen!» Doch der Angeklagte sei immer weiter gefahren, bis er an der etwa 400 Meter entfernten Kreuzung doch noch gehalten habe, so der Zeuge in dem Prozeß, der am (morgigen) Mittwoch fortgesetzt werden soll. Mit einem Urteil wird noch im November gerechnet.

Lesen Sie auch: Silke-Thielsch-Prozess: Was heißt "Totschlag"?

(dpa)
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