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"Der Widerstand geht weiter"

Ingrid Kopp (60) aus Wiesbaden ist seit 13 Jahren Sprecherin des Bündnisses der Bürgerinitiativen "Kein Flughafenausbau".
Wiesbaden. 

Frau Kopp, warum engagieren Sie sich gegen Fluglärm, wenn Sie selbst davon doch gar nicht soviel abbekommen? Sie selbst leben ja in einem ruhigen Gebiet von Erbenheim.

INGRID KOPP: Ich habe mein ganzes Leben lang Ehrenämter gehabt. Ich war im Wehrdienstverweigerungsausschuss, Schöffin am Landgericht Wiesbaden und Beisitzerin beim Rechtsamt der Stadt Wiesbaden. Ende der neunziger Jahre habe ich erfahren, dass der Flughafen erweitert werden soll, durch Infoveranstaltungen und Betroffenheit von Bekannten. Ich habe eine sinnvollere Aufgabe darin gesehen, mich gegen den Flughafenausbau zu engagieren und keine weiteren Ehrenämter mehr angenommen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Leipziger Urteil?

KOPP: Na gut, es ist eine gewisse Genugtuung gegen die Landesregierung einen Prozess zu gewinnen. Es ist aber befremdend, dass die Landesregierung in die Revision gegangen ist. Das Nachtflugverbot stand uns ja zu. Das ist jetzt bestätigt worden. Aber das reicht bei weitem nicht aus. Und am Taglärm hat das ja überhaupt nichts verändert. Die Leute haben immer noch 18 Stunden am Tag den Lärm.

Was halten Sie vom Vorhaben des scheidenden Wirtschaftsministers Posch, das verkürzte Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr noch im Schnellverfahren festklopfen zu wollen, bevor er zum 1. Juni aus dem Amt scheidet?

KOPP: Ich denke, er macht da mit dem "Planklarstellungverfahren" etwas, das es ja rechtlich überhaupt nicht gibt. Er erfindet wieder irgendetwas, um das Gesetz zu umgehen und ohne die Beurteilung aus Leipzig abzuwarten. Vielleicht macht er das auch deshalb so schnell, damit sein Nachfolger aus der Schusslinie ist und damit nichts mehr zu tun hat. Aber eins ist klar: Auch das ist einklagbar.

Sie haben also weiterhin Forderungen?

KOPP: Wir fordern für die gesetzliche Nacht von 22 bis 6 Uhr das Nachtflugverbot und nicht nur von 23 bis 5 Uhr, eine Reduzierung der Flugbewegungen, damit der Lärm tagsüber auch weniger wird. Und wir wollen keine Verschiebung von irgendwelchen Flugrouten von einem Bezirk in den anderen, sondern eine Gesamtlösung für die Region.

Wie soll die aussehen?

KOPP: Die kann man nur durch die Reduzierung der Flugbewegungen erreichen. Das ist die einzige Möglichkeit, aktiv Schallschutz zu betreiben. Das, was bis jetzt angeboten wurde, waren nur passive Schallschutzmaßnahmen. Ich finde, das verstößt gegen die Menschenrechte, die Bevölkerung 18 Stunden am Tag zu verlärmen und nachts hinter geschlossenen Fenstern einzusperren und zuzumuten mit einem Lüftergeräusch im Schlafzimmer zu schlafen. Bis jetzt sind eigentlich nur kosmetische Maßnahmen angeboten worden. Aber wenn man wirklich den Menschen helfen will, dann muss mit dem Skalpell gearbeitet werden. Wir denken daran, eine Verfassungsbeschwerde eines Ehepaars in Frankfurt-Sachsenhausen zu unterstützen oder den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte anzurufen.

Was heißt Reduzierung der Flugbewegungen in konkreten Zahlen?

KOPP: Wir haben zurzeit 490 000 Flugbewegungen im Jahr, und man sieht am Widerstand und an den Protesten, dass das zu viel ist. 100 000 weniger – da könnten wir wahrscheinlich mit leben. Das Bündnis hat schon immer 380 000 Flugbewegungen gefordert – und dann Deckel drauf. Hier sind vier, fünf Großstädte betroffen, da kann man dem Flughafen nicht ungezügelten Wachstum zustehen, Rücksicht auf die Menschen, die hier leben, müsste an erster Stelle stehen.

Glauben Sie, dass Sie mit der Forderung, die Flugbewegungen auf 380 000 pro Jahr zu reduzieren, realistische Chancen auf Erfolg haben?

KOPP: Es gab schon Kernkraftwerke, die stillgelegt worden sind. Schauen Sie mal, was durch Fukushima alles passiert ist. Das hätte in Deutschland kein Mensch geglaubt, dass man die Atomkraft abschalten wird, das wäre vor zwei drei Jahren undenkbar gewesen. Und ich meine: Auch am Frankfurter Flughafen kann ein Unglück passieren. Durch die neue Landebahn sind ja in den letzten Monaten Vorfälle bekannt geworden, wo sich Flugzeuge ganz gefährlich nah gekommen sind.

Ein Unglück könnte also das Umdenken bringen?

KOPP: Das will doch keiner hoffen, dass etwas passiert. Nein, ich meine, man muss auch daran denken, deshalb sollte man vorbeugen und sagen, das wird zu gefährlich in dem Luftraum über dem dicht besiedelten Gebiet. Die neue Bahn ist an eine Stelle gebaut worden, die hoch brisant ist. Ich glaube, es haben inzwischen einige gemerkt, dass es die falsche Stelle ist.

Warum?

KOPP: Erst durch die Intervention der Bürgerinitiativen musste Ticona wegziehen. Die hätten die Flugzeuge über das Chemiewerk fliegen lassen. Das Tanklager in Raunheim liegt in der Anflugschneise. Da ist der Main mit dem Hauptvogelschutzgebiet, Tausende von Vögeln, die genau in dieser Flughöhe die Landebahn queren; es ist eine Risiko-Bahn geworden, mit Problemen und Gefährlichkeiten – ich glaube, dass es den Verantwortlichen jetzt erst bewusst wird, was sie da gebaut haben.

Wo wäre denn die richtige Stelle für die Landebahn gewesen?

KOPP: Es gibt keine richtige Stelle für eine weitere Bahn. Jede Erweiterung des Flughafens ist ein Angriff auf die Gesundheit der Bevölkerung. Der Schutz der Menschen hätte Vorrang vor den wirtschaftlichen Interessen von Fraport haben müssen.

Aber mehr Jobs sind doch gut, oder nicht?

KOPP: Warten wir ab, wie viele Jobs wirklich entstehen werden: Das ist wahrscheinlich nicht der Rede wert. Fraport hat Gelände dazugekauft, Speditionen siedeln sich dort an, dadurch entstehen aber keine neuen Arbeitsplätze, sondern dorthin werden nur vorhandene Speditionen und Firmen umgesiedelt.

Woher wissen Sie das?

KOPP: Ich gehe ab und zu mal auf die Seite der Jobangebote der Fraport AG. Da waren kürzlich an die 60 Jobs drin, davon waren über 30 Praktikantestellen für Studenten, Aushilfsjobs und Ausbildungsplätze, wobei keiner weiß, ob er nachher übernommen wird. Das ist das, was jetzt nach Inbetriebnahme der Bahn angeboten wird. Das Wort Job-Maschine benutzt die Fraport AG in letzte Zeit selbst nicht mehr, ich glaube darüber soll nicht mehr geredet werden. Auch liest man in den letzten Tagen von Stellenabbau bei der Lufthansa.

Wie geht Ihr Widerstand weiter?

KOPP: Die Montagsdemonstrationen gehen weiter. Sie haben auch erst begonnen, nachdem wir ein Nachtflugverbot schon hatten. Im vergangenen Oktober kam das vorläufige Nachtflugverbot, und im November gingen die Montagsdemonstrationen erst los. Es gibt überhaupt keinen Grund zu sagen, durch das Urteil in Leipzig ändere sich etwas daran. Das Urteil hat den Taglärm nicht verringert. Da gibt es Spitzenzeiten, in denen fliegen in 250 Metern Höhe über Flörsheim und Hochheim im Abstand von 30 Sekunden Flugzeuge.

Wie lange sollen die Demonstrationen im Terminal 1 fortgesetzt werden?

KOPP: Wir haben die Demonstrationen bis zu den Sommerferien angemeldet – vielleicht machen wir dann eine Pause. Solange die Leute als einziges Ventil diese Montagsdemos haben, machen wir weiter. Wir werden dann irgendwann entscheiden, ob wir damit aufhören oder ob wir eine andere Form des Widerstandes wählen werden. Auf jeden Fall wird der Widerstand weitergehen.

Werden die Ausbaugegner nicht langsam müde?

KOPP: Ich glaube, dass es sogar Zulauf gibt. Bei einer Demonstration während der Osterferien waren es genauso viele wie immer – immer zwischen 2000 und 3000 – und das in der Ferienzeit und trotz aller Schwierigkeiten, denn es kommt immer wieder vor, dass an den Demo-Montagen S-Bahnen ausfallen.

Glauben Sie, das hat Methode?

KOPP: Ich weiß es nicht. Bombenalarm ist meistens die Begründung – das können Sie ja nicht nachprüfen. Damit werden wir leben müssen, aber das ändert nichts.

Welche Auswirkungen hat ihr Widerstand über die Rhein-Main-Region hinaus?

KOPP: Wir haben inzwischen die bundesweite Vernetzung, wir hatten die erste bundesweite Demonstration. Frankreich hat inzwischen signalisiert, mitmachen zu wollen und ich denke, England auch. Ich nehme an, dass es in spätestens einem Jahr eine europaweite Vernetzung geben und in ganz Europa demonstriert werden wird. Zumal eine EU-Verordnung geplant ist, die keine Beschränkung für Großflughäfen in der Nacht vorsieht. Und das betrifft ja dann alle, und ich glaube, dann werden alle in Europa auf die Straße gehen. Man kann in ganz Deutschland feststellen, dass die Bürger auf die Straße gehen und für ihre Rechte kämpfen und die Zeiten vorbei sind, wo die Politik über die Menschen verfügen kann. Es ist ein ziemlich große Solidarität entstanden in der Bevölkerung. An den Montagsdemos nehmen immer wieder Besucher als Unterstützer teil, auch Vertreter von Stuttgart 21 waren schon bei uns.

Die werden aber ja gerne auch als "Wutbürger" bezeichnet.

KOPP: Als Wut kann ich das nicht bezeichnen. Es ist Verzweiflung. Was glauben Sie, wie viele Leute bei mir anrufen und am Telefon weinen, weil sie nicht mehr weiterwissen, aus Flörsheim aber auch aus anderen Gebieten.

Wie lautet jetzt die Marschrichtung der Bürgerinitiativen im Rhein-Main-Gebiet?

KOPP: An erster Stelle steht die Reduzierung der Flugbewegungen. Es darf kein ungezügeltes Wachstum geben. Es muss eine Grenze geben für diesen Flughafen.

Sie fordern also nicht mehr, dass die Bahn weg muss?

KOPP: Doch. Auch weiterhin. Aber ich denke, wenn wir die 380 000, 390 000 Flugbewegungen hätten, wären wir unseren Zielen nah. Die Bahn wegzubekommen, das ist jetzt rechtlich sehr, sehr schwer geworden. Obwohl: Man kann alles erreichen, wenn man es will. Aber man muss sich auch klarmachen, dass es ja sicher nicht die letzte Bahn sein wird, die am Flughafen Frankfurt gebaut werden soll. Die Arbeiten für Terminal 3 haben ja schon begonnen. Das wird so groß wie der ganze Münchner Flughafen, mit 75 Andockstellen. Das Terminal 1 hat vielleicht die Hälfte. Dann kann man sich ausmalen, was auf uns zukommen soll. Wir brauchen eine Gesamtlösung.

Werden Sie gelassener?

KOPP: Meinen Blutdruck beeinflusst auch kein Gespräch mit einem Politiker mehr. Man verliert im Laufe der Zeit jeglichen Respekt.

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