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Im Wald oberhalb von Wiesbaden: Der älteste russisch-orthodoxe Friedhof in Westeuropa

Die goldenen Kuppeln der russisch-orthodoxen Kirche im Wald oberhalb von Wiesbaden sind von Weitem zu sehen. Sehr viel versteckter liegt der Friedhof. Die Gräber sind Zeugen der deutsch-russischen Geschichte – und Freundschaft.
Russisch-orthodoxer Friedhof Wiesbaden Foto: Boris Roessler (dpa) Letzte Ruhestätte für russische Kurgäste aus vergangenen Zeiten: Kreuze und aufwendig gestaltete historische Grabsteine bestimmen das Bild auf dem russisch-orthodoxen Friedhof auf dem Neroberg in Wiesbaden.
Wiesbaden. 

Auf dem Neroberg oberhalb von Wiesbaden liegt ein kleines Stückchen Russland. Der rund 160 Jahre alte russisch-orthodoxe Friedhof erzählt viel über die Beziehungen zwischen Deutschland und dem großen Reich im Osten. Hier ruhen viele hochrangige Militärs, Staatsmänner, Künstler und auch Mitglieder der Zarenfamilie. Einige von ihnen waren als Patienten in die Kurstadt Wiesbaden gekommen und hatten vergeblich auf Heilung gehofft. Das Gräberfeld ist der älteste russisch-orthodoxe Friedhof in Westeuropa, wie die Leiterin des Wiesbadener Stadtarchivs, Brigitte Streich, erklärt. Eingeweiht wurde er 1856, ganz in der Nähe der russisch-orthodoxen Kirche.

Kurz nach der Hochzeit

Das Gotteshaus mit seinen prägnanten goldenen Kuppeln ist ein Wahrzeichen der Landeshauptstadt – und Zeugnis einer tragischen Liebesgeschichte. In der Kirche ist die russische Großfürstin Elisabeth begraben, eine Nichte des Zaren und erste Frau des Herzogs Adolph zu Nassau. Sie starb 1845 kurz nach der Hochzeit im Alter von 18 Jahren im Kindbett gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter.

Der Herzog war untröstlich und ließ mit dem Geld aus der Mitgift die prächtige Kirche in Wiesbaden erbauen. Kurze Zeit später kam der Friedhof dazu. Für die Mutter der verstorbenen Herzogin, Großfürstin Jelena, war es ein ausdrücklicher Wunsch, dass Russen auch fern der Heimat ein angemessenes Begräbnis nach russisch-orthodoxem Glauben ermöglicht werden sollte.

Prächtiges Grab

Olga Schmidt ist Vorsitzende des Vereins Russisch-Orthodoxer Fonds, der sich für die Pflege des Friedhofes einsetzt. „Wir wollen Geschichte erhalten, denn vieles geht langsam verloren“, erzählt sie und zeigt auf einen Grabstein, bei dem der Name kaum noch zu erkennen ist. „Die große Politik trennt uns oft, zeigt die schlechten Seiten der deutsch-russischen Geschichte“, sagt Schmidt. „Dem sollte man etwas entgegensetzen.“

Der Friedhof sei ein Symbol für die enge Verbundenheit von Deutschen und Russen, betont sie. Beispielsweise das prächtige Grab des Staatsrats August Theodor von Grimm. Der Prinzenerzieher aus Thüringen unterrichtete Kinder der russischen Zaren Nikolaus I. und Alexander II.. 1878 wurde von Grimm in Wiesbaden bestattet. Neben ihm fanden rund 800 Verstorbene auf dem Neroberg ihre letzte Ruhestätte.

Unter ihnen auch der expressionistische Maler Alexej von Jawlensky sowie die Kinder des Zaren Alexander II., Olga Gräfin von Merenberg und Georgij Fürst Jurjewskij. Viele Grabstätten sind aufwendig verziert und tragen Marmor-Reliefs mit Porträts der Verstorbenen. So sind bei Generalleutnant Magnus Johann von Grotenhelm auch die Orden des deutsch-baltischen Adeligen in voller Pracht präsentiert. Er starb im November 1867 in Wiesbaden. Die militärischen Auszeichnungen stechen auch bei dem 1874 beigesetzten General Konstantin Dieterichs ins Auge – neben seinem imposanten Schnurrbart.

Zum letzten Mal wurde der Friedhof 1977 erweitert, inzwischen ist er für neue Grabanlagen geschlossen. Ausnahmen gebe es nur für russisch-orthodoxe Geistliche, sagt Schmidt. Nach russisch-orthodoxem Glauben werden Gräber nicht eingeebnet oder neu belegt.

Höhere Kreise

Wiesbaden mit seinen heißen Thermalquellen und dem Casino war bei Russen von jeher beliebt, erklärt auch Brigitte Streich. Die Gästelisten der Hotels belegten, dass vor allem die höheren Kreise gerne hierher zur Kur kamen. Die touristische Bedeutung der russischen Kapelle und des Friedhofs sei bis heute groß. Olga Schmidt würde es freuen, wenn künftig nicht nur Erwachsene, sondern mehr Gruppen von Jugendlichen und Schulkinder den Ort besuchen – quasi als Geschichtsunterricht unter freiem Himmel.

Auch in Russland ist der Friedhof in Wiesbaden präsent. „Wir bekommen regelmäßig Anfragen von Menschen, die das Grab ihrer Vorfahren suchten“, erzählt Schmidt. Manchmal könne der Verein helfen. Wie im Falle der russischen Stadt Vladimir, deren Delegation einen früheren bedeutsamen Bürger gesucht habe – und in Wiesbaden fündig wurde. Inzwischen zieren ein Foto, eine Gedenktafel und ein (Plastik-)Blumenkranz das Grab in rund 2500 Kilometer Entfernung von der Gemeinde.

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