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Vorwürfe: Der tiefe Fall des Dieter Wedel

Er war einer der großen Stars im deutschen Film, Fernsehen und Theater. Regisseur Dieter Wedel galt als einer der Besten seines Fachs. Mittlerweile liegen dunkle Schatten auf seinem Lebenswerk.
Schauspielerin Julia Stemberger AUT und Regisseur Dieter Wedel GER anlässlich eines Pressetermin Foto: (imago stock&people) Ein Frauenliebling? Schauspielerin Julia Stemberger und Wedel vor der Serie „Der König von St. Pauli.“
Hamburg/Bad Hersfeld. 

Dieter Wedel hat es nicht leicht in diesen Tagen. Über Jahrzehnte wurde der preisgekrönte Film- und Theaterregisseur für seine Fernseh- und Bühnenerfolge in Deutschland gefeiert. Doch seit Jahresbeginn ist für den Macher von „Der große Bellheim“, „Der Schattenmann“ oder „Der König von St. Pauli“ nichts mehr wie es einmal war.

Unter dem Druck immer neuer Anschuldigungen von Frauen, die inzwischen von sexueller Belästigung bis zur Vergewaltigung reichen, trat Wedel am 22. Januar als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurück. Die Vorwürfe setzten dem 75-Jährigen nach Angaben seines Anwalts derart zu, dass er mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus musste.

Werden Filme verbannt?

Ob Wedels künstlerische Karriere noch eine Fortsetzung finden kann, scheint ungewiss. Es ist düster geworden um die einstige Lichtgestalt, die Fernsehgeschichte in Deutschland schrieb. Nun fordern sogar manche, dass seine TV-Mehrteiler verbannt werden.

Ihren Anfang nimmt die Affäre um Dieter Wedel am 3. Januar: Das „Zeit-Magazin“ berichtet über heftige Vorwürfe von Schauspielerinnen. Es geht um angebliche gewalttätige und sexuelle Übergriffe in der 90er Jahren.

Wedel weist die Anschuldigungen zurück und gibt dazu – wie einige der Frauen – eine eidesstattliche Erklärung ab. Er habe zu keinem Zeitpunkt diesen oder anderen Frauen in irgendeiner Form Gewalt angetan.

Erstmals seit Beginn der sogenannten #MeToo-Debatte – von Schauspielerinnen in den USA mit Berichten über sexuelle Übergriffe in Gang gesetzt – erheben damit auch Frauen in Deutschland konkrete Vorwürfe gegen einen prominenten Mann aus der Filmbranche.

Wegen eines Falls im Sommer 1996, bei dem Wedel eine der Frauen zum Sex in einem Münchner Hotel gezwungen haben soll, ermittelt die Staatsanwaltschaft München. Es gehe um den Anfangsverdacht einer Sexualstraftat. Wegen einer relativ neuen Änderung des Strafgesetzbuches ist die Wedel vorgeworfene Tat noch nicht verjährt.

Macht missbraucht

Einige Schauspielerinnen und Weggefährten verteidigen Wedel. Sie können sich nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist. Andere belasten den Regisseur weiter: Er wird beschrieben als Exzentriker und Choleriker, der seine Macht als einflussreicher Regisseur missbraucht habe, der Schauspielerinnen schikanierte. Wedel versichert in einer persönlichen Erklärung: „Ich verabscheue jede Form von Gewalt, gegen Frauen ebenso wie gegen Männer.“

Vom „Zeit-Magazin“ zu Wedel befragt, sagt Schauspielerin Corinna Harfouch: „Viele haben gewusst, dass Wedel Schauspielerinnen schlecht behandelt und demütigt. Das war ein von allen gestütztes System.“ Nach den Vorwürfen gegen den Regisseur bemühen sich Sender und Produktionsfirmen nun um Aufklärung. Die ARD-Intendanten wollen sich bei ihrer nächsten Sitzung Anfang Februar mit dem Thema befassen.

Für die geschäftsführende Familienministerin Katarina Barley (SPD) erweckt der Fall Wedel den „Eindruck eines Schweigekartells“. Die SPD-Politikerin sagt dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND): „Wenn sich die Anschuldigungen bestätigen, dann ist das ein Skandal, von dem sehr viele Menschen gewusst haben müssen. Ich hoffe sehr, dass viele Frauen den Mut finden, ihr Schweigen zu brechen.“

Der Regisseur Simon Verhoeven kritisiert das ganze Filmgeschäft. „Jeder, der in der Filmbranche eine Zeitlang gearbeitet hat, wusste von den ätzenden Geschichten über Wedel“, schreibt Verhoeven auf seiner Facebook-Seite. „Ich schäme mich für die Mechanismen meiner Branche.“ Sender, Produktionen und Filmschaffende hätten jahrzehntelang geschwiegen. „Es wurde verharmlost, verdrängt, verschwiegen. Aus Angst. Aus Scham.“

Wedel hatte noch Pläne für ein neues Filmprojekt. Es handelt von der Mafia auf Mallorca („Die Piraten-Insel“). Doch nun muss der 75-Jährige erst einmal mit seinem abrupten Absturz zurechtkommen.

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