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Von Finanzierungsberaterin zur Heilpraktikerin: Die Glücksbilanz stimmt

Von Zuerst war es nur der Gedanke, etwas anderes machen zu wollen. Dann bildete sich Doris Mill neben ihrem Bankjob zur Heilpraktikerin für Psychotherapie weiter. Viele Jahre versuchte sie, beides miteinander zu vereinbaren. Doch Anfang dieses Jahres hat sich die 51-Jährige endgültig selbständig gemacht. Sie ist eine von mehreren früheren Bankern, die wir in dieser Serie mit ihrem neuen Leben vorstellen.
Foto: Johannes Koenig Das E-Piano im Therapieraum nutzt Doris Mill, um Gefühle bei ihren Patienten auszulösen. Sie selbst entspannt sich dabei ebenfalls.
Limburg-Dietkirchen. 

Die „Freudigkeit im Herzen“ tut ihre Wirkung. Wenn Doris Mill am E-Piano dieses Lied spielt, fällt von den sechs Menschen in dem kleinen Raum mit den roten Wänden der Stress ab. „Danach können wir meditieren, malen oder uns anderweitig entspannen“, berichtet die 51-jährige Heilpraktikerin für Psychotherapie.

Früher stand bei Gesprächen mit ihren Kunden Entspannung nicht gerade im Vordergrund, schließlich ging es ums Geld. 16 Jahre lang war Mill Finanzierungsberaterin im Immobiliencenter der Kreissparkasse Limburg. „Das war ein guter Job, er hat mir viel Spaß gemacht“, betont sie. Ihr gesamter Lebenslauf schien folgerichtig. Nach dem Abitur hatte die gebürtige Dehrnerin eine Ausbildung zur Bankkauffrau gemacht, sich weitergebildet zur Sparkassenbetriebswirtin im Kreditbereich. Insgesamt 32 Jahre lang war sie bei der Bank tätig.

Abschied mit Tränen

Aber 2004, nach einem privaten Umbruch und einem Umzug, veränderte sich etwas in ihr. „Es klopfte immer wieder das Gefühl an, dass ich mal etwas anderes machen wollte“, erinnert sie sich heute.

Bild-Zoom

Es klopfte noch eine Weile, bevor sie aktiv wurde. 2008 begann sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie an der Paracelsus-Schule in Gießen – die war ohne Psychologie-Studium möglich. Gleichzeitig arbeitete sie weiterhin in der Bank. „Es war sehr schwierig, alles zu vereinbaren“, räumt sie ein. Zudem musste sie sich um zwei Kinder und teilweise um ihren Vater kümmern. „Ich weiß gar nicht, wie ich das alles geschafft habe“, meint sie im Rückblick, „aber es ging.“ Um praktische Erfahrungen zu sammeln, arbeitete sie außerdem in der Praxis eines anderen Heilpraktikers mit. „Viele Patienten waren Norweger, weil es dort keine Heilpraktiker gibt“, erzählt sie. Für sie habe sie auch Therapien in Englisch angeboten.“

Besonders freute sie sich, als sie die heilsame Wirkung der Musik entdeckte. „Ich spiele schon seit meinem achten Lebensjahr Klavier, das hat mich immer begleitet“, betont die Frau mit den kurzen braunen Haaren und der Brille. „Und ich habe festgestellt, dass Musik auch eine wunderbare Möglichkeit ist, um bei anderen Menschen Gefühle zu wecken.“

Doris Mill machte weitere Fortbildungen und Kurse in Richtung Psychotherapie, die Doppelbelastung mit ihrem Bankjob wurde größer. Als dann der Stress in der Bank noch zunahm, entschloss sie sich Ende 2014 zum endgültigen Wechsel in ihr neues Leben. „Es gab nicht einen bestimmten Anlass, es war einfach eine Entwicklung“, resümiert sie heute.

Sie kündigte im Juni 2015 zum Jahresende. Ihr Mann und die Kinder unterstützten sie, ihrem 92-jährigen Vater sagte sie es „erst ganz zuletzt“. Aber der Rückhalt war da. „Der Abschied von den Kollegen fiel mir natürlich sehr schwer, erinnert sie sich, „da sind viele Tränen geflossen. Und es ist erst einmal eine große Umstellung, ohne Kollegen zu arbeiten.“ Die frischgebackene Selbständige ist dennoch glücklich über ihren Schritt. „Ich habe jetzt mehr Zeit für meinen neuen Job.“ Die Euphorie überwiegt, Existenzängste quälten sie derzeit nicht. „Kann ja noch kommen“, meint sie augenzwinkernd.

Mehrere Gruppen und täglich zwei bis drei Einzelpatienten kommen in ihre neu gestalteten Therapieräume, die an ihr Wohnhaus angegliedert sind. Durch Mundpropaganda hat sie schon viele Patienten gewonnen, durch ihren Bankjob ist sie im Ort bekannt.

Gespräche gehen tiefer

Mal geht es um Achtsamkeit, mal um Beratungen bei Trennung, Krisen – oder beruflichen Umbrüchen. „Immer mehr Menschen wollen heute etwas anderes machen“, hat sie festgestellt, „da kann ich meine eigenen Erfahrungen natürlich gut einbringen.“ Sich von den Problemen der anderen abzugrenzen sei ihr erst nicht leichtgefallen, inzwischen habe sie es gelernt.

Außerdem ist Mill Therapeutin bei der Dehrner Krebsnothilfe, hat eine Hospizhelfer-Ausbildung absolviert. „Es ist für mich wichtig, mich mit der Vergänglichkeit auseinanderzusetzen“, betont sie, „aber ich bin froh, dass ich auch in anderen Bereichen arbeite.“ Das sei eine ideale Mischung.

Natürlich gebe es eine Gemeinsamkeit mit ihrem vorherigen Job: die Gespräche mit den Menschen. „Jetzt jedoch gehen sie tiefer. Ich kann anderen mehr geben als bei einem Finanzierungsgespräch. Und deswegen“, so die Glücksbilanz der Ex-Bankerin, „erhalte ich auch viel mehr zurück.“

Mehr Informationen gibt es unter www.doris-mill.de/ Alle Folgen unter www.fnp.de/banker

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