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Anwohner klagen über Lärm der neuen Strecke zum Lerchenberg: Die Mainzer "Rumpelbahn" sorgt für massiven Ärger

Von Die Mainzelbahn ist das Vorzeigeprojekt der Mainzer in Sachen ÖPNV und Klimaschutz, doch wenige Wochen nach dem Start gibt es massiven Ärger: Anwohner wollen gegen die Bahn wegen Mängel klagen, auch der Fahrplan ist in der Kritik.
Im Mainzer Stadtteil Bretzenheim führt die Strecke durch enge Straßen dicht an den Häusern vorbei. Im Mainzer Stadtteil Bretzenheim führt die Strecke durch enge Straßen dicht an den Häusern vorbei.
Mainz. 

„Mein Bett wackelt bei jeder Bahn“, berichtet ein Anwohner im Mainzer Stadtteil Bretzenheim, ein zweiter erzählt von vibrierenden Bodenplatten und Scheppern in der Dusche, wieder andere sogar von Rissen in den Häusern. Seit knapp acht Wochen rollt die Mainzelbahn, die neue Straßenbahnlinie vom Hauptbahnhof auf den Lerchenberg, nun schon, seither wächst die Kritik: Dauerhafte Verspätung, rumpelnde Bahnen, quietschende Gleise – und ein ausgedünnter Fahrplan.

Es ist das Mega-Infrastrukturprojekt für die Stadt Mainz, knapp 90 Millionen Euro teuer. Stolz feierten Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) und Stadtvorstand in Mainz am 11. Dezember die pünktliche Fertigstellung der Strecke nach 32 Monaten Bauzeit. Doch Anwohner argwöhnen inzwischen, der Termin sei auf Kosten der Gründlichkeit gehalten worden: „Man hat sich offenbar von Termindruck und Fahrplanstart hetzen lassen, den Betrieb zu beginnen, bevor alle Probleme gelöst waren“, glaubt Anwohner Ralf Blank.

Dicht an den Häusern

Die 9,2 Kilometer lange Strecke mit 15 neuen Stationen plus Bedarfshalt am Fußballstadion beginnt am Rand der Innenstadt kurz hinter der Haltestelle Hauptbahnhof West und führt bis zur Endstation Lerchenberg. Blank wohnt im Mainzer Stadtteil Bretzenheim, hier wurde die neue Straßenbahnlinie mitten durch Wohnbebauung verlegt, zum Teil nur wenige Meter entfernt von den Häusern.

Bei der Bürgerbeteiligung habe es geheißen, die Bahn werde so leise, dass man sie gar nicht hören werde, erzählen die Anwohner, nun sei das Gegenteil der Fall: „Ich habe keine Nacht durchgeschlafen seit die Bahn fährt“, klagt eine Anliegerin. Im 1. Stock gingen die Schwebetüren der Kleiderschränke auf, jeden Tag bröckele der Putz von den Wänden. Knapp 40 Anwohner aus 20 Häusern entlang der neuen Strecke haben inzwischen Beschwerde bei der MVG eingelegt und drohen offen mit Klagen. Ihr Hauptproblem: Der durch den Boden weiter geleitete Körperschall. Drei Bahnen hintereinander, das sei „wie ein Sommergewitter“, bestätigt ein weiterer Anwohner, und bei Stoßzeiten kommt hier alle fünf Minuten eine Bahn. Man habe ihnen versprochen, der Wert der Häuser werde durch die Bahn steigen, stattdessen kündigten die ersten Mieter schon wegen der Belastungen.

Als Gründe machen die Anwohner vor allem Geschwindigkeit und mangelhafte Gleise aus: Die Bahnen seien viel zu schnell unterwegs, schlechte Schweißnähte führten zu lautem Rattern, die versprochenen Flüstergleise und Rasengleise seien nicht eingebaut worden. „Es gibt Bahnen, die hört man nicht“, berichtet ein Anwohner, „die neuen fahren wohl mit sechseckigen Rädern.“

Von Hand geschmiert

Tatsächlich schrieb der Planfeststellungbeschluss vor, dass Lärm dämpfende Rasengleise vor Inbetriebnahme verlegt sein müssten, geschehen ist das nicht. Bei der MVG heißt es, man könne die Rasengleise erst verlegen, wenn sich die Strecke eingefahren und sich das Gleisbett zurechtgerüttelt habe. Auch fehlen Schmieranlagen für die Straßenbahnen, was besonders in engen Kurven für lautstarkes Quietschen sorgte, die MVG lässt jetzt die Stellen von Hand schmieren.

Beim Verkehrsunternehmen spricht man von nicht ungewöhnlichen Ablaufschwierigkeiten und verspricht, auf die Anwohner zuzugehen. Ein Gutachter soll nun Messungen in den betroffenen Häusern vornehmen. Für die betroffene Strecke in Bretzenheim wurde ein Tempolimit von 30 Stundenkilometern für die Bahnen verhängt. „Geholfen hat es bisher nicht“, sagt Architekt Andreas Horn, ein Sprecher der Anwohner, auch wolle die MVG erst Messungen starten, wenn der Frost vorbei sei – der gefrorene Boden verstärke gerade den Schall.

„Ich kann mir doch nicht den Zeitpunkt raussuchen, der mir passt“, kritisiert der Chef der CDU-Oppositionsfraktion im Mainzer Stadtrat, Hannsgeorg Schönig empört, „ich muss doch die Realitäten messen.“ Die CDU fordert nun kommende Woche im Stadtrat massive Nachbesserungen, sofortige Messungen und Nachbesserungen beim Fahrplan: Eine ganze Menge Buslinien, etwa aus der südlichen Altstadt, seien gekappt worden, berichtet CDU-Verkehrsexperte Thomas Gerster, die Leute führen jetzt wieder mehr Auto, der ÖPNV drohe unattraktiv zu werden: „Der Fahrplan dient jetzt der Mainzelbahn, anstatt dass die Mainzelbahn dem ÖPNV dient.“

Die Mainzelbahn ist das Vorzeigeprojekt der Mainzer in Sachen ÖPNV und Klimaschutz, doch wenige Wochen nach dem Start gibt es massiven Ärger: Anwohner wollen gegen die Bahn wegen Mängel klagen, auch der Fahrplan ist in der Kritik.

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