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Portrait: Thomas Nast und seine hessischen Lesungen: Die Wiederentdeckung des Hessischen in Hamburg

Eigentlich war Thomas Nast nie besonders heimatverbunden. Vor mehr als 15 Jahren hat er seine hessische Heimat hinter sich gelassen, um in Hamburg ein Literaturcafé zu eröffnen und Schriftsteller zu sein. Mittlerweile hat er sich aber Bembel und Anker gemeinsam unter die Haut stechen lassen und veranstaltet Lesungen für „Hessen in Hamburg“. Wie kam es dazu?
Thomas Nast Foto: Privat: Sabrina Adeline Nagel Thomas Nast
Hamburg/Kronberg.  Stellen Sie sich vor, ein Abend in einer Sachsenhäusener Apfelweinkneipe beendet den Dauer-Konflikt um den Gazastreifen: Der legendäre Showmaster Heinz Schenk singt, alle saufen Äppler; am Ende wundert man sich noch gemeinsam über die sonderbaren Hessen - und dann ist Frieden. Thomas Nast hat sich das vorgestellt, dann hat er es aufgeschrieben und vorgelesen. Mit Texten wie diesem begeistert er ausgewanderte Hessen, die in Hamburg ihre neue Heimat gefunden haben.

Ei Gude, wie?

Ein Dienstagabend im Stadtteil Ottensen, Ausgehviertel in Hamburg-Altona: Die Mathilde Bar, der Laden von Thomas Nast, brummt. Die Bedienung schenkt Apfelwein aus, auf der Bühne liest ein Autor mit dem Künstlernamen Bronco Butzbach mit breiten hessischen Akzent eine Geschichte über Grie Soß‘. An der Kasse begrüßt der Chef seine Gäste mit „Ei Gude“ statt mit dem klassisch norddeutschen Gruß.  „Die Gäste freuen sich sehr: Sie sind ja eigentlich auf ein ‚Moin‘ eingestellt“, erzählt der 47 Jahre alte Bar-Besitzer Nast. „Für viele ist das auch ein bisschen eine Heimkehr.“

Vor drei Jahren hat Nast auf seiner Lesebühne die Reihe „Der Käs im Gerippte“ ins Leben gerufen. Das Projekt „Hessen in Hamburg“ entstand. Seitdem ist seine Bar eine kleine Anlaufstelle für Exil-Hessen im deutschen Norden geworden.
Thomas Nast Bild-Zoom Foto: Privat: Sabrina Adeline Nagel
Thomas Nast


Das Wunderliche: In seiner hessischen Heimat ist Nast kaum noch verwurzelt. Ein paar Freunde wohnen zwar noch dort und vor einiger Zeit gab es mal ein Klassentreffen, aber selbst zu Weihnachten gibt es keinen Grund mehr, in die Rhein-Main-Region zu fahren. Seine Mutter wohnt längst auch in Hamburg. Auch Dialekt spricht er nicht.

Ob er Hessen vermisst? „Nö.“ Ein kurzes Nachdenken. Nast hat sich ja trotz allem einen Anker mit einem Bembel davor tätowieren lassen: Das Tattoo spiegelt  das Logo der hessischen Lesungen wieder. „Ich habe anscheinend schon etwas vermisst, bevor ich die ganzen Hessen wiedergetroffen habe. Aber jetzt, wo ich sie hier hab, vermisse ich nichts mehr, außer dem Mittelgebirge“, sagt er dann. Als er den Laden das erste Mal mit seinen Landsleuten voll hatte, habe er gemerkt, wie cool das sei: „Weil wir anscheinend doch anders sind.“ Aber bis zu dieser Erkenntnis war es ein langer Weg.

Kaffee, Bier, Literatur

Nast wächst in Kronberg im Taunus auf, nicht weit von Frankfurt entfernt. Für Literatur interessiert er sich schon früh. Nach der Schulzeit studiert Nast Bauingenieurswesen in Darmstadt. „Meine Liebe zur Literatur wurde nicht durch ein gesellschaftswissenschaftliches Studium versaut“, feixt er. Irgendwann, da ist er schon 30 Jahre alt, begreift Nast, dass ihn diese Liebe auch nicht mehr loslässt,  dass er Schriftsteller sein möchte. 

Nach Hamburg zieht Nast, um den Segelschein zu machen. Die Hafenstadt gefällt ihm so gut, dass er beschließt, zu bleiben – und ein Literaturcafé eröffnet. Schreiben als Beruf, das funktioniere nur, „wenn man Übersetzer oder Journalist wird.“ Nach einiger Zeit stellt sich allerdings heraus: Viele Bücher, gemütliche Möbel, 15 Teesorten, 30 Kakao-Varianten, leise Hintergrundmusik – das ist zwar schön, Geld verdienen kann Nast aber auch damit nicht.  „Wir müssen irgendwas aufmachen, wo Leute auch mal fünf Astras und ein paar Cocktails trinken“, denkt sich Nast und gründet Anfang der 2000er die Bar Mathilde.

Seit die Bar nach Ottensen gezogen ist, finden dort auch die Lesungen wie „Der Käs im Gerippte“ statt. Die Leidenschaft für Literatur ist hier Konzept. In der dichten Kneipenlandschaft der Großstädte brauche man eben eine Nische: „In Hamburg hat einfach schon jedes Kiosk seinen eignen Poetry Slam.“ Sein Laden hebt sich ab: Mal lesen Tätowierer, Türsteher und DJs zusammen Texte, mal wird Berthold Brecht hervorgekramt und ab und an präsentieren hessische Autoren ihre Geschichten.

 „Nachdem ich zum ersten Mal einen Text über die Hessen gelesen hatte, hat meine damalige Freundin zu mir gesagt: ‚Diese Gebrauchsanweisung hättest du mir ruhig mal früher geben können‘“, erzählt Nast lachend. Sie hätte immer gedacht, dass er eben ein wenig komisch sei. „Aber dann war da halt ein Raum voll mit Leuten, die genauso waren.“

Hört, hört, ihr Hessen

Wie sind die Hessen denn so? Ein wenig grummelig, sie meckern gern, werden auch mal laut, obwohl sie gerade gar nicht streiten, erklärt Nast. Aber letztlich seien die Hessen auch freundlicher und geerdeter als die feinen Hamburger. Speziell Zugezogene hätten es in der Hansestadt nicht leicht, Einheimische kennenzulernen.

„Die Hessen schleppen viele Hamburger mit zu den Lesungen, oft natürlich ihre Lebenspartner“, sagt Nast. Darüber freut sich der Schriftsteller: Schließlich war das Event von Anfang an nicht nur für Hessen-Besessene gedacht.  „Die Leute erwarten häufig, dass wir die ganze Zeit über Hessen reden, dass wir am besten noch so eine Art Badesalz sind.“ Tatsächlich sei aber die Sichtweise der Autoren auf Hamburg und die Welt viel öfter das Thema. Die Ex-Frankfurterin Ina Bruchlos, mit der er auf der Bühne liest, habe beispielsweise mal das Tuten der Schiffe mit dem der Lastwagen verwechselt und darüber später geschrieben. Natürlich wird  in den Texten trotzdem regelmäßig Offenbach veralbert und auch der Dialekt kommt beim Publikum gut an.

Wenn die „Hessen in Hamburg“ lesen, ist die Bar Mathilde „rappelvoll“, sagt Nast . Seit neustem lässt er T-Shirts mit dem Bembel und Anker-Logo drucken. Und in seiner Facebook-Gruppe haben sich inzwischen mehr als 200 Landsleute zusammengefunden. Am meisten freut sich Nast aber über die vielen Hessen, die er kennengelernt hat. Rund um das Projekt sind schon einige Freundschaften entstanden. Es ist die Wiederentdeckung des Hessischen in Hamburg.

Letzten Endes hat diese Wiederentdeckung angefangen mit Eintracht Frankfurt. Längst ist Thomas Nast auch Fan des FC St. Pauli, dem „sympathischsten Klub in Deutschland“. Aber damals in den 80er Jahren stand Nast im legendären G-Block und „Eintracht-Fan bleibt man immer im Herzen“, sagt er. Als er einen alten Freund aus Hessen wiedertraf, der gerade einen Eintracht-Fan-Klub in Hamburg aufbaute, war es deshalb um ihn geschehen: Eine Bar mitten in Hamburg komplett in Schwarz-Rot. Warum nicht mal diesen Menschen vorlesen? „Ich bin durch die ganze Sache viel mehr wieder in die Eintracht reingewachsen“, sagt Nast und wiederholt: „Das ist genau das Ding. Ich habe nie gedacht, dass ich besonders was vermisse und freue mich jetzt, dass da wieder etwas da ist.“
 
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