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Wohnraum: Die große Mehrheit aller Stadtbewohner klagt über hohe Mieten

Die Wohnungspolitik ist für alle Parteien eines der Top-Themen im Landtagswahlkampf. Kein Wunder, denn gerade im Ballungszentrum Rhein-Main sind bezahlbare Wohnungen auch für Durchschnittsverdiener knapp – aber nicht nur dort.
. Foto: Bernd Kammerer (Presse- und Wirtschaftsdienst) Die Wohnungsnot treibt Frankfurter auf die Straße.
Frankfurt. 

Kräne und Bauzäune bestimmen in vielen Teilen Frankfurts das Stadtbild, doch die Frankfurter Altenpflegerin Almuth Meyer zweifelt, dass sie sich eine Wohnung in einem der neuen Apartmenthäuser leisten kann. Viele der neuen Wohnungen haben einen höheren Standard als ihre Mietwohnung in einem Haus aus den 1950er Jahren – und einen höheren Preis. Neuer Wohnraum wird in der Mainmetropole dennoch dringend benötigt.

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Im vergangenen Jahr stieg die Frankfurter Wohnbevölkerung um fast 11 500 Menschen, voraussichtlich im Herbst erreicht die Stadt die Marke von 750 000 Einwohnern. Vor zehn Jahren hatte Frankfurt noch 100 000 Einwohner weniger, und Städteplaner stellen sich auf weiteres Wachstum ein.

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Wer aus privaten Gründen oder wegen eines Jobwechsels nach Frankfurt zieht, steht erst einmal vor einem Problem: Für Normalverdiener ist es äußerst schwer geworden, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Die Mieten zählen zu den höchsten der Bundesrepublik. 13 bis 15 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter sind normal, deutlich teurere Angebote gibt es auch. Studenten oder Auszubildende, die 700 Euro für ein WG-Zimmer zahlen müssen, sind keineswegs eine Ausnahme.

Frankfurter sind sauer

Kein Wunder, dass fast zwei Drittel aller Frankfurter über hohe Mieten und knappen Wohnraum klagen. Das ist das Ergebnis der 25. Bürgerbefragung, die am Donnerstag vorgestellt wurde. „In den zentralen Kritikpunkten wird deutlich, was die Bürgerinnen und Bürger als besonders vordringlich erachteten“, sagte der für die Frankfurter Statistik zuständige Dezernent Jan Schneider (CDU). „Das ist das Ziel der Bürgerbefragung.“ Für die repräsentative Bürgerbefragung wurden 1321 Menschen befragt. Die Parteien im Landtagswahlkampf haben das Problem erkannt: Das Thema spielt eine zentrale Rolle im Werben um Stimmen für den Wahltag am 28. Oktober.

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„Der Polizist, die Krankenschwester, die Grundschullehrerin können sich das Leben in Frankfurt angesichts der Mietpreisentwicklung gar nicht leisten“, sagt Frank Junker, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG. Ein möglicher Ansatz zur Lösung könnte im Stadtteil Niederrad wachsen: 48 Wohnungen, kostengünstig gebaut, Kaltmieten von zehn Euro pro Quadratmeter. Die Gebäude sind nicht unterkellert, haben kein Treppenhaus im Innern, stattdessen gibt es in den Wohnungen Abstellräume und Treppen entlang der Außenfassade.

„Das sind Wohnungen für den Mittelstand, aber vielleicht nicht gerade für den Chefarzt oder den Bankdirektor“, sagt Junker. Die Wohnungen sind noch nicht vermietet, doch Anfragen gibt es reichlich. „Es gibt Leute, die fragen nach einer Warteliste, wenn wir gerade den Bauzaun hochziehen“, so Junker. Das kostensparende Bauen in Niederrad soll zur Blaupause für weitere Wohnanlagen werden. An einem wesentlichen Kostenfaktor lässt sich aber auch mit Technik und Planung nichts ändern: „Die Preise für Bauland gehen immer weiter nach oben.“

Frankfurt ist kein Einzelfall. Auch in Kassel und dem direkten Umland wird die Wohnungssuche seit Jahren schwerer und das Wohnen teurer: Seit 2007 stiegen die Mieten in der Stadt nach Angaben des Immobilienverbands IVD im Durchschnitt um 70 Prozent. Allerdings kostet den Angaben nach dort eine gute Wohnung kalt nur zwischen 7,50 Euro bis 9,90 Euro pro Quadratmeter.

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Dabei stehen in Hessen auf dem Land zahlreiche Wohnungen leer, bilanzierte das hessische Verbraucherschutzministerium im vergangenen Herbst. So kommen im Werra-Meißner-Kreis 110 Wohnungen auf 100 Haushalte, in Frankfurt sind es zum Vergleich lediglich 98 Wohnungen. Nach Berechnungen des Ministeriums fehlen bis zum Jahr 2040 mehr als 500 000 Wohnungen in Hessen, 86 Prozent davon in Südhessen, Kassel und einigen mittelhessischen Universitätsstädten.

In Marburg etwa studieren mehr als 20 000 Hochschüler. Das könne der Wohnungsmarkt nicht einfach so auffangen, wie es beim Studentenwerk heißt. „Umso wichtiger, dass wir Wohnheimplätze anbieten“, sagt Sprecherin Franziska Busch. 2100 Plätze gibt es in Marburger Studentenwohnheimen, weitere sind im Bau oder in der Planung. Gerade zu Beginn der Wintersemester übersteigt die Nachfrage das Angebot. Auch wegen der vergleichsweise günstigen Preise: Die Warmmiete für einen Platz inklusive Internetzugang kostet im Schnitt 250 Euro.

EZB treibt Ostend-Preise

In vielen Frankfurter Stadtteilen geht unterdessen die Furcht vor Gentrifizierung um – also die Befürchtung, dass Eigentümer und Investoren ihre Wohnungen aufwerten, mehr Miete verlangen und Zug um Zug eingesessene Bewohner aus den Vierteln vertrieben werden, weil sie sich das Wohnen dort nicht mehr leisten können. Zum Beispiel im Ostend, wo seit dem Bau der Europäischen Zentralbank eine zahlungskräftige neue Klientel Einzug gehalten hat, im Bahnhofsviertel, das immer mehr zum In-Viertel wird, oder im Gallus, wo seit den Baufortschritten im benachbarten Europaviertel zunehmend Hemden-Bügel-Dienste an die Stelle von Döner-Buden treten.

„Statt teurer Wohnungen in Luxuswohntürmen wünschen wir uns mehr innovative Bauprojekte in Frankfurt, durch die bezahlbare und attraktive Mietwohnungen geschaffen werden“, heißt es daher beim Mieterschutzverein Frankfurt.

Im Ostend blickt Marianne Ried von ihrem Balkon auf das Baugerüst davor. Die 83-Jährige lebt seit fast 60 Jahren in dem Mehrfamilienhaus, das vor fünf Jahren von Investoren aufgekauft wurde. Die Wohnungen sollten modernisiert und in Eigentumswohnungen umgewandelt werden – seitdem gibt es Klagen und Zivilprozesse. Kein Einzelfall, heißt es bei Mieterbund und Nachbarschaftsinitiativen.

Einige Mieter haben zermürbt aufgegeben, wenn wieder einmal im Dezember die Heizung ausfiel oder im Februar durch ein geöffnetes Dach Regen eindrang. Dort fand mittlerweile ein Bewohnerwechsel statt, die übrigen wollen nicht ausziehen. „Ich bin Altenpflegerin. Wo sollte ich in Frankfurt eine bezahlbare Wohnung finden?“, fragt Almuth Meyer, eine der betroffenen Mieterinnen. An dem Baugerüst haben sie Schilder angebracht: „Wir bleiben!“

Doch was ist mit denen, die überhaupt erst ankommen wollen in Frankfurt? Wohnungssuchende kennen den Stress, wenn im Fünf-Minuten-Takt Bewerber zum Besichtigungstermin eintreffen, mit Bewerbungsmappen und Selbstauskünften. Ein Mainzer, der gerade in Frankfurt eine neue Bleibe sucht, berichtet. „Mal gibt es völlig überhöhte Abstandsforderungen, mal wird erwartet, irgendwelchen alten Kram zu übernehmen. Es ist ganz einfach: Die haben etwas, du willst etwas. Und es gibt einfach nicht genug Wohnungen.“

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