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Schulserie: Digitaler Unterricht: Zeitenwende im Klassenzimmer

Von Die Wiesbachschule im Hochtaunus ist eine der wenigen Schulen in Hessen, die mit einem digitalen Konzept unterrichtet. In ihrer Reportage geht Digitalredakteurin Rebecca Röhrich dem Sinn und Unsinn digitaler Hilfsmittel im Unterricht auf den Grund. In der Serie „Schule besser machen“.
Foto: Ralf Stegmaier

Es ist ein Dienstagmorgen im März, 8.30 Uhr. Langsam trudeln die ersten Kinder der Eisbärenklasse ein. Dick eingemummelt mit Ranzen auf dem Rücken. Klassenlehrer Sebastian Wauch steht an seinem Schreibtisch und begrüßt jedes einzelne. Der 39-Jährige hat seine Kaffeetasse in der Hand. Entspannt sieht er aus. Die Kinder auch.

Orchidee in der Schullandschaft

Die Klasse ist in einem großen, hellen Raum untergebracht. An zwei Seiten reihen sich hohe Fenster. Blick auf den Taunus. Denn die Wiesbachschule steht in Grävenwiesbach. Ein kleines Örtchen im Hintertaunus. Dort ticken die Uhren ein wenig anders - zumindest was das pädagogisches Konzept betrifft. Tablets und Aktive Boards sind dort fester Bestandteil des Unterrichts. Das kleine Dorf geht voran. Denn die Wiesbachschule kann digital – und steht damit ziemlich allein in der hessischen Schullandschaft.

Dominik hat heute „Tafeldienst“. Deshalb hat der blonde Achtjährige es ziemlich eilig, seinen Ranzen an seinen Platz zu stellen. Zügig hebt er noch den Stuhl vom Tisch und steuert das Active Board an. Ein überdimensionales Tablet, das dort hängt, wo einst die Tafel war. Dominik zieht das Display zu sich herunter und stellt das Gerät mit geübten Handgriffen an. Schnell fährt der Bildschirm hoch, ein leeres Dokument öffnet sich. Der Unterricht kann beginnen.

Fortbildung in der Freizeit

Jan Drumla sitzt in seinem Büro, die Beine übereinandergeschlagen. Ein großer Typ. Angegrautes Haar, modisch zurückgekämmt, markante Brille. Der Mitfünfziger ist Rektor an der Wiesbachschule. Nebenberuflich ist er Pionier. „Digitale Aufklärung funktioniert nicht an der Kreidetafel“, sagt er. Die Schulen würden die Verantwortung tragen, den Nachwuchs auf eine digitale Gesellschaft vorzubereiten, findet er. Deshalb hat sich Jan Drumla schon vor Jahren auf den Weg gemacht; hat in seiner Freizeit Lernplattformen im Internet durchstöbert, Software ausprobiert, mit den Herstellern von Hard- und Software Kontakt aufgenommen.

Er hat mit Kollegen eine Arbeitsgruppe gegründet. Gemeinsam haben sie ein digitales Unterrichtskonzept erarbeitet. Autodidaktisch. Drei Jahre hat das gedauert. Als das Konzept fertig war, sind die Lehrer damit zum Hochtaunuskreis gegangen. Und der Kreis hat mitgemacht. Seit Sommer 2017 gestaltet die Wiesbachschule ihren Unterricht mit 66 Tablets und 11 Active Boards. Die Kosten für die Hardware belaufen sich auf rund 175.000 Euro.

Lehrer ist Dirigent

Die Schulbildung ist in Deutschland eine Komposition. Und die wird von einem komplexen Orchester gespielt. Bund, Länder, Kreise und Kommunen sitzen gemeinsam im Orchestergraben. Und wer ist der Dirigent? Der Lehrer. Denn es hänge „vom Engagement des Einzelnen ab“, ob die Angebote von Bund, Land und Kreis genutzt werden, sagt Drumla.
Medienkompetenz, beziehungsweise Medienbildungskompetenz, ist in der Aus- und Fortbildung der Lehrer keine Pflicht. Es ist die Kür. Offiziell muss sich in Hessen jeder Lehrer regelmäßig fortbilden. Dabei handelt es sich allerdings um eine wässrige Beamtenpflicht. Wie sie dabei ihre Schwerpunkte setzen, bleibt ihnen überlassen. So verhält es sich auch mit der Digitalisierung an Schulen. Keine Pflicht, nur Kür. Das ist auch im Lehramtsstudium so. Zwar hat das Kultusministerium die fünf hessischen Universitäten vertraglich verpflichtet, Module zum Thema Medienkompetenz anzubieten. Die Teilnahme  ist für die Studierenden keine Pflicht.

Software noch nicht perfekt

Mittlerweile ist es 9 Uhr in der Eisbärenklasse. Die Kinder fangen an, ihre Wochenarbeitsblätter abzuarbeiten. Die einen schreiben mit Bleistift und Papier, die anderen lesen in einem Buch. Lia öffnet die App auf einem der Schultablets und klickt auf das Lernprogramm für die 2. Klasse. Deutsch muss sie noch machen. Lia ist ziemlich gut in der Schule. In Mathe hat sie eine glatte 1, in Deutsch eine 1 mit Minus. „Die App funktioniert nicht so gut“, sagt das Mädchen. Immer wieder schiebt sie mit ihrem Finger das „ie“ in das freie Kästchen im Wort Sp_len. Immer wieder springt das „ie“ wieder zurück. Lia ist genervt.


Das Erlernen von Medienkompetenz ganz nah an der Realität, nennt Klassenlehrer Wauch das. Schließlich funktioniere Technik am Alltag auch nicht immer. Die Software, mit der die Tablets bestückt sind, kommen von renommierten Schulbuchverlagen. Sie wurde gemeinsam mit Pädagogen entwickelt. Trotzdem. „Wir sind noch Lernende und sammeln Erfahrungen“, sagt Drumla. Auch die Schulbuchverlage.


Er habe deshalb lange überlegt, welche Hardware sinnvoll ist. Er hat sich schließlich für Active Boards entschieden. Mit denen könne man auch in ein paar Jahren mit aktuellerer Software arbeiten. Die Software könne da noch „reinwachsen“. Der Hochtaunuskreis gehört bundesweit zu den ärmsten Landkreisen. Trotzdem war die Digitalisierung der Wiesbachschule möglich. „Es ist eine Frage des Willens“, sagt Drumla. „Wir haben einfach Glück, dass hier ein Bewusstsein für die Situation vorhanden ist.“


Die Situation in der Bundesrepublik  ist alles andere als ideal. Laut der International Computer and Information Literacy Study (ICILS) liegt Deutschland im internationalen Vergleich im unteren Mittelfeld. Die Studie untersuchte die Medienkompetenz von Achtklässlern im Hinblick auf Informationsbewertung, Nutzung von Technologie und dem verantwortungsvollen und reflektierten Umgang mit digitaler Technik. Ungefähr elf Schüler teilen sich hier im Durchschnitt einen Computer – selbst in Thailand und Chile kommt digitale Technik häufiger zum Einsatz.

Digitales Lernen mit Verstand

Bei der Frage, inwiefern digitales Lernen bereits in der Grundschule notwendig ist, gehen die Meinungen auseinander. Die einen sagen, es verbessere die Leistung. Die aktuelle Pisa-Studie indes stellt digitalen Geräten eher ein schwaches Zeugnis aus. Sie konnte keine spürbare Änderung des Leistungsniveaus feststellen.
Digitales Lernen funktioniert eben nur dann, wenn diesem ein pädagogisches Konzept zugrunde liegt. „Für alle Lerninhalte, bei denen es um Automatisierung geht, zum Beispiel bei der Rechtschreibung und Aussprache, ist der Einsatz von Software sinnvoll“, erklärt Drumla. Denn das Programm korrigiere sofort. Fehler könnten sich schwerer einschleichen. Auch der Einsatz von visuellen und akustischen Reizen würde den Lernerfolg spürbar erhöhen.

Alle Kinder kommen mit

An der Wiesbachschule sind alle Endgeräte, also Tablets, Boards und die Smartphones der Lehrer über einen schuleigene Server miteinander vernetzt. Daten der Schulverwaltung und pädagogische Inhalte sind dabei streng voneinander getrennt. Betreut wird der Server vom Kreis. Wenn was hakt, schickt Drumla ein Ticket. „Wir Lehrer sagen, was wir brauchen, und die IT-Abteilung liefert“, sagt der Rektor. Er ist begeistert. Von Strukturen, wie sie in mittlerweile jedem mittelgroßen Unternehmen in Deutschland zu finden sind. Eine Revolution.
10.30 Uhr in der Eisbärenklasse.

Die 23 Kinder versammeln sich vor dem Active Board. Dort ist ein abfotografiertes Arbeitsblatt zu sehen, das Wauch von seinem Smartphone auf das Board spiegelt. Eine spezielle Software legt eine Ebene über das Foto, auf der nun geschrieben werden kann. „Das Board macht es sehr viel einfacher, Aufgaben gemeinsam zu besprechen“, sagt der Lehrer. Außerdem könnten bis zu zehn Kinder gleichzeitig daran arbeiten.

Die Unterrichtsvorbereitung dauere zwar jetzt etwas länger, dafür sei der Unterricht an sich sehr viel einfacher zu gestalten. Vor allem, seitdem inklusive Beschulung Pflicht ist. In Wauchs Klasse sind ein körperlich eingeschränktes und zwei lernschwache Kinder. Durch die Lernsoftware auf den Tablets, die unterschiedliche Schwierigkeitsstufen anbietet, könne jedes Kind gemäß seiner Fähigkeiten lernen. Trotzdem gilt für den Rektor: „Wir arbeiten mit Kopf, Herz und Verstand.“ Die Kinder werden auch in Zukunft lernen, mit der Hand zu schreiben, mit einem Federmäppchen zur Schule kommen. Nur dass neben Füller, Bunt- und Bleistiften vielleicht irgendwann auch ein Pen fürs Tablet liegen wird.

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