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Eika-Land ist abgebrannt

Von Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit ringt im beschaulichen Fulda ein traditionsreicher Betrieb ums Überleben. Mehr als hundert Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Blick hinter die Kulissen eines Unternehmens, das am Abgrund steht – und wo Manager im Einsatz sind, die ziemlich durchtrieben agieren.
Fulda. 

"Eika" – das ist eine fast 200 Jahre alte Kerzen-Manufaktur in Fulda, einst ein stolzer Mittelständler, über Generationen in Familienbesitz, heute Arbeitsplatz für rund 120 Frauen und Männer. Eigentlich ein Hort der Gediegenheit und Verlässlichkeit, und doch steht das Unternehmen im Zentrum eines wilden Wirtschaftskrimis: Es geht um Millionen, es geht um einen Großinvestor von umstrittenem Ruf, es geht um harsche Vorwürfe gegen die Geschäftsführung. Am wenigsten, das nur am Rande, geht‘s um die Jobs der Mitarbeiter, aber das ist wohl nicht unüblich in so einem Fall, die müssen jetzt zittern…

Auf dem Tisch liegt ein Urteil des Frankfurter Oberlandesgerichts (OLG), druckfrisch noch, mit dem Aktenzeichen 14 U 141/11. Die Entscheidung der Richter umfasst 38 Seiten, in einem Satz zusammengefasst lautet sie: "Eika" muss ein Darlehen in Höhe von drei Millionen Euro zurückzahlen, und zwar sofort!

Das ist hart. Das gefährdet die Existenz des Betriebes. Aber die Wahrheit ist noch viel härter: "Eika" müsste an das Unternehmen "ACI Real Estate LLC", das vertreten wird durch den Gütersloher Robin Lohmann, Darlehen in Höhe von insgesamt 12,7 Millionen zurückzahlen. Plus Zinsen. Macht mehr als 15 Millionen Euro.

Das ist der Todesstoß für den Traditionsbetrieb. Deshalb wurde jetzt Insolvenz angemeldet, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, was einigen Leuten nicht unlieb zu sein scheint: So bleibt ihnen die Frage erspart, wie das passieren konnte – wo "Eika"-Geschäftsführer Markus Toschek doch immer wieder beteuert, die Geschäfte gingen blendend.

Das große Rad drehen

Robin Lohmann, der Geldgeber, könnte bei dieser Insolvenz leer ausgehen. Weshalb er argwöhnt, das Ganze sei ein infamer Trick, ihn um seine Millionen zu bringen. Er hat deshalb Strafanzeige gegen den "Eika"-Chef erstattet: wegen des Verdachts des Betruges, der Untreue, der Bilanzmanipulation, des Prozessbetruges, der Insolvenzverschleppung – ein Parforceritt durchs Strafgesetzbuch. Die Staatsanwaltschaft Fulda leitete daraufhin ein Ermittlungsverfahren gegen Toschek ein (Az 27 Js 7293/10).

Wer in den "Eika"-Akten blättert, droht im Dschungel undurchsichtiger Geschäftsvorgänge und mangelhaft dokumentierter Geldtransaktionen schnell den Überblick verlieren. Unstrittig ist nur: Bei "Eika" ist viel Geld geflossen. Doch wer zahlte? An wen? Wofür? Und wo blieb das ganze Geld? Vieles liegt bis heute im Dunkeln.

Dafür finden sich die Namen von Männern, die sich als Unternehmer und Investoren in Fulda gerierten, dabei aber kaum ernsthaft in Erwägung gezogen haben dürften, sich auf Dauer der betulich anmutenden Herstellung von warmem Kerzenlicht in der hessischen Bischofsstadt zu widmen. Eher wollten sie "das ganz große Rad drehen", wie Sandra Mitter mutmaßt. Die Rechtsanwältin aus der renommierten Kanzlei Westerhelle und Partner (Kassel) wurde dem Unternehmen, wie schon nach der Insolvenz 2008, als Sachwalterin zugeordnet.

Milliarden im Wüstensand

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Es war 2008, als "Eika" erstmals die Pleite drohte, wegen der Billig-Konkurrenz aus China. Es meldeten sich daraufhin zwei Herren, Peter Rasenberger und Markus Toschek, die sich als "Schweizer Finanzinvestoren" vorstellten und Hilfe anboten. Sorgen, so ihre Botschaft, solle es fortan in der Kerzenfabrik keine mehr geben: "Der ,Rasenberger Toschek International Industry Fonds‘, der die ,Eika‘-Übernahme finanziert, verfügt über ein Volumen von rund 100 Millionen Euro", ließen sie unwidersprochen von der Lokalzeitung vermelden.

Die Wahrheit ist schlichter: Die beiden Herren verfügten keineswegs über das große Kapital, sondern vor allem über einen geschäftlichen Kontakt zu Robin Lohmann. Der Gütersloher war zu jener Zeit ganz dick im Geschäft in den Vereinigten Arabischen Emiraten: Er plante Hochhäuser in Dubai, legte über seine Firma "ACI Real Estate LLC" diverse Fonds auf und sammelte gegen das Versprechen, traumhafte zwölf Prozent Rendite zu zahlen, Gelder ein. Gelder? Millionen! Hunderte Millionen! Lohmann heute: "Ich hatte mit Milliarden zu tun."

Dumm nur, dass wenig später die Immobilienblase im Wüstensand platzte. Lohmanns Anleger, es waren etliche Tausend, schauten in die Röhre: Ihr schönes Geld – alles weg. Hunderte verklagten den Investor, Staatsanwaltschaften ermittelten, erste Urteile zur Zahlung von Schadenersatz liegen vor, jede Menge Verfahren laufen noch.

Aus Lohmanns damaliger Perspektive – wir gehen kurz zurück ins Jahr 2008 –, als die arabischen Geschäfte noch glänzend liefen, als er Promis wie Michael Schumacher, Boris Becker und Niki Lauda vor seinen (Werbe-)Karren spannen konnte, um weitere Anlegergelder einzutreiben, als er einen Maybach für vierhunderttausend Euro fuhr und laut Medienberichten ein halbes Dutzend Bentleys bestellt hatte, für jeden Wochentag einen, also damals war "Eika" für ihn ein kleines Lichtlein, wenn überhaupt. Nie im Leben hätte der umtriebige Finanz-Jongleur von Dubai aus die handgeformten Kerzen in Fulda erblickt.

Als Rasenberger und Toschek mit der Idee zu ihm kamen, in eine Wachsfabrik zu investieren, dachte er eher an einen Scherz. "Aber irgendwie klang das auch richtig nett", sagt Lohmann heute. Er fuhr nach Osthessen, sah sich das Unternehmen an – und, ja, irgendwie habe es ihm gefallen. "Kerzen, Wachs – das ist Emotion, das spricht Frauen an, das hätte was werden können", sagt er. Er versprach, Geld einzubringen. Die erste Million überwies er, noch ehe auch nur ein Papier auf dem Tisch lag. "Es musste ja alles ganz schnell gehen. Die Insolvenz lief, das Geld drohte denen auszugehen."

Das war im Mai 2008. Binnen Wochen überwies Lohmann weitere Millionen auf das Konto des Schweizer Unternehmens von Rasenberger und Toschek. Nur vorübergehend sollte das Geld dort liegen, wie er dachte. Es gab noch keinen Vertrag, keine Unterschrift unter irgendeinem Papier. Es gab nur raffinierte Entwürfe aus der schillernden Welt der globalen Steuertrickser. Man diskutierte ein Anlagemodell in der Schweiz, ließ Juristen Papiere zur Gründung eines Fonds auf den Cayman Islands ausarbeiten, gründete GmbHs . . .

"Ich muss blind gewesen sein", sagt Lohmann heute. "Ich habe denen die Millionen rübergeschoben, hatte ja genug davon. Ich habe denen vertraut und mich um nichts gekümmert, hatte nur meine Dubai-Geschäfte im Kopf."

Es dauerte kein halbes Jahr, da gab‘s Krach: Lohmann, der insgesamt 12,7 Millionen Euro überwiesen hatte, wollte im Gegenzug die "Eika"-Geschäftsanteile auf eine Luxemburger Holding übertragen sehen. Erstens, weil‘s so vereinbart war, wie er sagt; zweitens, weil das ein lukratives Steuersparmodell der erlaubten Art wäre; und schließlich würde die Firma dann auch auf dem Papier ihm gehören. "Alles hätte seine Ordnung gehabt", sagt Lohmann. Rasenberger und Toschek hätten das Unternehmen weiter führen sollen, es fit machen für die nahe Zukunft, wie‘s so üblich ist in der Sanierer-Szene, dann würde man weitersehen…

Verkantete Fronten

Es kam anders: Rasenberger und Toschek weigerten sich, die Firmenanteile zu übertragen. Lohmann forderte daraufhin sein Geld zurück – auch abgelehnt. Er habe seine Millionen als Investor in einen noch zu gründenden Fonds eingezahlt, argumentierten die Geschäftsführer, er könne sie nicht "einfach so" zurückfordern.

Um es kurz zu machen: Lohmann zog vor Gericht. In erster Instanz bekamen Rasenberger und Toschek Recht. In zweiter Instanz – unlängst vorm OLG Frankfurt – verloren sie. Und deshalb müssen sie jetzt die Millionen rausrücken.

Genau das aber tun sie nicht. Toschek (Rasenberger hat die Geschäftsführung mittlerweile verlassen) erklärte gegenüber dieser Zeitung, "Eika" könne so viel Geld gar nicht zahlen, habe also Insolvenz anmelden müssen. Man sei bereits in Verhandlungen mit neuen Investoren, von dem Verkaufserlös würden die Gläubiger ausgezahlt, danach gehe der Betrieb sicherlich weiter. Toschek sagt auch, Lohmann habe nur eine nachrangige Forderung und kriege deshalb allenfalls das, was vom Verkaufserlös übrig bleibe – wenn denn dann noch was da sei.

Die Fronten zwischen den Parteien sind inzwischen völlig verkantet. Toschek ist in der Defensive, spätestens seit ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der ihn und Rasenberger tatsächlich wie Raffkes aussehen lässt: Danach waren die beiden Manager schon ein Jahr nach Firmenübernahme bereit, alle "Eika"-Anteile an Lohmann zu übertragen. Allerdings nur gegen Bares – satte 750 000 Euro verlangten sie. Lohmann weigerte sich zu zahlen, der Deal scheiterte.

Lukrativ für Anwälte

Geht die Zockerei jetzt weiter? Toschek hat inzwischen einen PR-Berater engagiert, der Sprüche wie diese verbreitet: "Wir wollen die Chance nutzen, mit den Instrumenten der Insolvenzordnung das gesunde operative Geschäft der ,Eika‘ gegen äußere Einflüsse zu schützen." Lohmann wiederum äußert offen den Verdacht, die Geschäftsführung habe seine Millionen in irgendwelche neuen GmbHs verschoben, auf Nimmerwiedersehen, zumindest für ihn.

"Eika"-Land, total abgebrannt, ist inzwischen ein lukrativer Fall für Anwälte. Und das wird noch einige Zeit so bleiben. Lohmann droht jetzt, juristisch gegen die Insolvenzverwalterin vorzugehen. "Eika"-Chef Toschek wiederum kündigt Beschwerde gegen das OLG-Urteil vorm Bundesgerichtshof an.

Im Rathaus Fulda sitzt derweil Oberbürgermeister Gerhard Möller (CDU), zuständig für die heimische Wirtschaftsförderung. Er wirkt irgendwie ratlos. Nein, sagt er, er wisse nichts Genaueres über die Hintergründe der Insolvenz. Er hoffe nur, dass "Eika" eine Zukunft habe. Schließlich sei der Traditionsbetrieb einer der letzten Überlebenden aus der reichen Geschichte der Fuldaer Kerzenhersteller.

Optimismus hört sich anders an.

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