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Der Brückenbauer: Ein Nachruf auf Kardinal Karl Lehmann

Von Er war beharrlich, unbeugsam, aber auch sehr humorvoll. Kardinal Karl Lehmann prägte in seinen 21 Jahren als Vorsitzender die katholische Deutsche Bischofskonferenz. Mit Papst Johannes Paul II. lieferte er sich eine lange Auseinandersetzung.
Kardinal Lehmann ist tot Bilder > Foto: Privat (KNA) Familie Lehmann (von links): Sohn Reinhold, Mutter Margarete, Sohn Karl und Vater Karl in Sigmaringen.
Mainz. 

Am treffendsten hat sich Karl Lehmann, damals noch gar kein Kardinal, schon 1993 selbst charakterisiert: „Im Übrigen bin ich kein Typ, der schnell das Handtuch wirft. Zähigkeit und Ausdauer, Langmut und Unverdrossenheit sind neben Entschlossenheit und Ergreifen der Situation meine Lieblingstugenden, denen ich wenigstens nachjagen möchte. Ich habe in vielen Jahren gelernt, nicht so schnell aufzugeben.“

Bei dieser Antwort auf eine Interviewfrage war er erst zehn von schließlich 33 Jahren Bischof von Mainz und gerade sechs von insgesamt 21 Jahren Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Dass diese Beharrlichkeit, ja Unbeugsamkeit am Ende tatsächlich zu den prägenden Attributen für sein Lebenswerk als Kirchenmann zählen wird, hätte man da bestenfalls erst ahnen können.

Papst Johannes Paul II. hatte den am 16. Mai 1936 im schwäbischen Sigmaringen als Sohn eines Volksschullehrers geborenen Theologen 1983 zum Bischof von Mainz ernannt, und das Kirchenoberhaupt aus Polen war es dann auch, mit dem Lehmann als ranghöchster Geistlicher der deutschen Katholiken langwierige Auseinandersetzungen haben sollte.

Im Mittelpunkt stand dabei die Weigerung Lehmanns und seiner Bischofskollegen, mit der Kirche aus der Schwangerenberatung auszusteigen, weil mit dem dafür ausgestellten Schein rechtlich auch eine Bedingung für Abtreibungen erfüllt wurde. Lehmann hielt dem entgegen, wenn die Kirche aus der Beratung aussteige, würde es womöglich noch mehr Schwangerschaftsabbrüche geben.

„Freilich ist es der Kirche nicht erlaubt, sich vorschnell aus komplexen und schwierigen Situationen unserer Gesellschaft zurückzuziehen. Auch ein Rückzug in eine vermeintlich eindeutigere und heile Welt kann schuldig machen. Wer gibt zum Beispiel die Ermächtigung, auf die Rettung vieler ungeborener Kinder und die Ermutigung vieler schwangerer Frauen zu verzichten, indem man seinen Auftrag nicht mehr in dem gesetzlichen Beratungsystem erfüllt?“, fragte Lehmann.

„Gekämpft und verloren“

Sieben Jahre lang dauerte das Tauziehen, selbst nach einem förmlichen Brief des Papsts blieb der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz noch standhaft. 1999 lehnte der Vatikan das letzte Kompromissangebot ab. Dann erst musste Lehmann bekennen: „Wir haben gekämpft, und wir haben verloren.“

Kein Wunder, dass der Mainzer Bischof erst sehr spät, 2001, vom Papst zum Kardinal erhoben wurde. Doch typisch für Lehmann ist, dass er Johannes Paul nicht grollte. Er wertete die Beförderung noch als Zeichen für eine wirkliche Dialogfähigkeit des Papstes, bei dem er für seine Argumentation auch stets Gehör gefunden habe.

Zweimal nahm Lehmann danach am Konklave teil, bei der Wahl des deutschen Papstes Benedikt und des reformfreudigen Papstes Franziskus aus Argentinien. Den schätzte Lehmann sehr und wünschte ihm, als er mit 80 Jahren 2016 Abschied vom Mainzer Bischofsamt nahm, ein langes Leben. Schließlich hat er selbst ja in jungen Jahren als Assistent des Theologen Karl Rahner in Rom das Zweite Vatikanische Konzil unter Papst Johannes XIII. fasziniert verfolgt. Dass ihn der damalige Aufbruch in der Kirche maßgeblich geprägt hat, sagte und schrieb Lehmann immer wieder.

Ein Herzensanliegen war ihm auch der beständige Einsatz für die Ökumene. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch Lehmanns Biografie. Vor seiner Ernennung zum Bischof war er an der katholisch-theologischen Fakultät in Freiburg Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie. Schon mit 31 trat er einem Arbeitskreis katholischer und evangelischer Theologen bei, in dem er später erst wissenschaftlicher Leiter und dann als Bischof den Vorsitz der katholischen Seite übernahm.

Er schrieb Bücher

Und schließlich wirkte Lehmann seit 2002 noch als Mitglied des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen mit. Ziel der Ökumene sei „eine theologische Übereinstimmung um der kirchlichen Einheit willen, damit wir der Welt ein glaubwürdiges Zeugnis geben“, sagte er dazu. Lehmanns ganzes Wirken basierte auf einem tiefgründigen theologischen und auch philosophischen Fundament. Er schrieb unzählige Bücher, noch viele mehr las er, seine Privatbibliothek im Bistum soll nach seinen eigenen Angaben an die 100 000 Bände umfasst haben.

Doch Lehmann war auch ungemein volkstümlich und humorvoll. Beim Einzug des FSV Mainz 05 in die erste Bundesliga hängte er eine Vereinsfahne aus dem Fenster des Bischofshauses, bei der Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst setzte er sich bereitwillig die Narrenkappe auf. Die Menschen in seinem weite Teile von Rheinland-Pfalz und Hessen umfassenden Bistum werden ihn sehr vermissen.

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