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Besuch im Kinderhaus: Ein Vormittag bei Montessoris

Viel wird geredet über die Gebührenfreiheit, doch welche pädagogischen Konzepte gibt es eigentlich in hessischen Kitas? Wir stellen verschiedene in einer Serie vor. Heute: Das Konzept der Maria Montessori im Kinderhaus Freudenberg in Wiesbaden (Folge 3).
Foto: Paul Müller Mit speziellen Materialien lernen die Kinder bei Montessori spielerisch den Umgang mit Sprache, Zahlen und logischem Denken.
Wiesbaden. 

Bevor wir den Raum betreten, ziehen wir die Schuhe aus. Das Zimmer hat einen vorderen Teil, mit Teppich versehen, und einen hinteren mit Tischen und einer kleinen Küche. Pascal (Namen der Kinder von der Redaktion geändert) sitzt auf dem Teppichboden, vor sich ein rot-blau-grün-farbenes Tuch. Ein großes T für Tausend steht auf dem roten Grund, ein H für Hundert auf blau, ein Z für Zehner auf rot und ein E für Einer auf grün. Zusammen mit der Erzieherin Natalie hat Pascal schon vier Quader mit den Tausend Perlen unter das große T gelegt, Platten mit hundert Perlen unter das große H, Stäbchen mit je zehn Perlen unter das große Z. Jetzt ist er mit den Einern beschäftigt und legt sieben einzelne Perlen unter den Buchstaben E. Die Zahl, die er zusammen mit Erzieherin Natalie legt, heisst 4587. Natalie hat dem Fünfjährigen heute zum ersten Mal das Rechnen mit Tausender-Zahlen „dargeboten“, wie es in der Montessori-Pädagogik heißt. Sie legt die Zahl dazu aus mehreren Papierelementen zusammen und benennt sie: „Das sind die Viertausend, das sind die 500, die Achtzig und die Sieben, macht: 4587.“

Viele Varianten

Es ist gegen elf, die 21 Kinder in der Gruppe werden langsam unruhig. Eine Vierjährige legt am Boden aus Holzklötzchen eine Straße und lässt ein Spielzeugauto darauf hin- und herfahren. Daneben sitzen Anton, Marcel, Max und Lennard am Tisch und spielen lautstark ein Reaktionsspiel mit Karten und Figuren. Eigentlich ist es für Kinder ab acht Jahren, aber es gebe viele Varianten, die auch für jüngere Kinder geeignet sind, meint Erzieherin Natalie. Das Spiel ist kein klassisches Montessori-Material, eine Mutter hat es geschenkt und bei den Kindern eingeführt.

Weiter hinten Richtung Küche sitzt der kleine Thomas an einem kleinen Tischchen mit Kita-Leiterin Irina Maschmann, die ihm eine Geschichte erzählt. Dazu legt Thomas die Kärtchen mit den handelnden Figuren, in diesem Fall eine Kuh, ein Wolf, ein Reh und die Sau Ringelschwanz, die allesamt den Pfannkuchen fressen wollen, auf einen blauen Samtschal. Der Vierjährige freut sich beim Hören der Geschichte und hält die Karten mit Wolf und Schwein über den Pfannkuchen, so als wollten sie ihn tatsächlich fressen. Doch der Pfannkuchen entwischt ihnen immer wieder und läuft tiefer in den Wald hinein, bis, ja, bis ihn zwei Kinder finden, die keine Eltern mehr haben und hungrig sind. Von ihnen lässt sich der Pfannkuchen dann freiwillig aufessen.

Dann ist die Geschichte vorbei und Maschmann hilft Thomas die Karten wieder in dem Kästchen zu verstauen. „Eine passt nicht rein“, meint die kleine Nicole, die zugeschaut hat. Auch der Schal wird von Thomas und Maschmann sorgfältig zusammengefaltet. Dann kommen die Sachen auf ein Tablett zurück ins Regal. „Wir üben mit den Kindern auch Anmut und Höflichkeit“, erklärt Maschmann dazu. „Wir schlagen zum Beispiel keine Türen, legen die Materialien dahin zurück, wo wir sie hergenommen haben.“ Es gehe darum, die Grenzen des anderen zu respektieren. Dazu gehöre auch, aufzuräumen und auch mal abzuwarten, wenn gerade ein Material von einem anderen Kind beansprucht wird. „Wir helfen dann, nach Alternativen zu suchen, aber das Kind soll auch lernen, Geduld zu haben, bis ein anderes fertig ist.“

Formen aus Metall

In den Regalen liegen viele Alltagsmaterialien, zum Beispiel bunte Knöpfe, Murmeln, Schrauben, eine Zuckerzange und Dosen aller Art. Brigitte Bednarzyk, Mitglied der Kita-Leitung, nimmt eine leere Schuhcremedose in die Hand. „Damit lernen die Kinder spielerisch, wie man Verschlüsse zusammenschraubt.“ Auch gibt es Formen aus Metall, Rechtecke, Dreiecke. Der blonde Jannis, einer von zweien in der Gruppe, kommt an und zeigt Bednarzyk ein Papier mit einem Kreis aus Bleistift, den er mit der Form gemacht hat. Es enthält ein lachendes Gesicht.

Auch gibt es eine Buchstabenwand in hellen Farben. Und einen Kalender, den die Kinder selbst füllen. Eine Magnetwand, wo sie eintragen, welcher Tag heute ist, welches Jahr, welche Jahreszeit gerade dran ist.

Die Kinder setzen sich jetzt in den Morgenkreis zusammen auf kleine Kissen am Boden. Erzieherin Petra ruft Pascal auf. Er ist heute mit der Anwesenheitsliste dran. Pascal liest die Namensschilder vor, die auf der Magnetwand stehen: Nicole, Thomas, Anandi, Sandra... Die Kinder antworten mit einem Geräusch, das sich manchmal sogar wie ein Ja anhört. Dann zählt Pascal die Kinder durch. „19“, sagt er stolz. Jetzt werden die „Dienste“ für den Tag verteilt. Lisa hat heute zum Beispiel Bad-Dienst.

„Dabei achtet sie darauf, dass genug Zahnpasta da ist und das sich alle in Ruhe die Zähne putzen“, erklärt Bednarzyk. „Das klappt meist gut, die Kinder hören auch aufeinander“, weiß Maschmann aus Erfahrung. Dann geht es im Morgenkreis zum spaßigen Teil über. Die Kinder dürfen abstimmen, welches Lied sie heute singen wollen. Und das schmettern sie dann gestikulierend durch den Raum.

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