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Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin: Eine für alle Felle: Die hessische Tierschutzbeauftragte

Von Der Tierschutz wurde in Politik und Gesellschaft lange vernachlässigt. Doch das Blatt wendet sich langsam. Eine, die sich schon lange engagiert, ist die hessische Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Für sie wird die Arbeit nach über 20 Jahren gerade erst richtig interessant.
Madeleine Martin an ihrem Schreibtisch im Wiesbadener Umweltministerium. 	Foto: ok Madeleine Martin an ihrem Schreibtisch im Wiesbadener Umweltministerium. Foto: ok
Wiesbaden. 

Warum werden immer noch männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen getötet, nur weil sie nutzlos für die weitere Produktion sind? Wie kann man Mastbetriebe dazu bringen, auf das Kupieren der Schwänze bei Schweinen und von Hühnerschnäbeln zu verzichten? Nur zwei von vielen heißen Eisen, die gerade in Deutschland angepackt werden. Turbozucht und Massentötungen in der Geflügelwirtschaft stehen immer öfter am Pranger. Sie werfen nicht nur ethische Fragen im Tierschutz auf, sondern auch die grundsätzliche Überlegung: Wie wollen wir leben?

Es sind zweifellos gerade spannende Zeiten für Madeleine Martin, die hessische Tierschutzbeauftragte. Seit über zwei Jahrzehnten kämpft sie als einzige Hauptamtliche für das Wohl von Tieren und im Auftrag der hessischen Landesregierung. Jetzt geht es sogar um die ganz großen Themen.

 

Vor fünf Jahren undenkbar

 

Und es bewegt sich etwas. Immer mehr Bürger interessieren sich für den Tierschutz. Unterstützung gibt es von ganz oben. Jüngst hat Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) vollmundig angekündigt, „das Verhältnis von Mensch und Tier“ „neu ausloten“ zu wollen. Auf der Agraministerkonferenz der Länder widmet man sich neuerdings der „Stärkung des Tierschutzes in der Nutztierhaltung“. „Vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen“, sagt Madeleine Martin, obwohl der Tierschutz schon seit 2002 als Staatsziel in Kraft getreten sei.

Ihre Stimme erhebt sich dabei, es folgt ein schallendes Lachen. Sie weiß: Natürlich haben Politiker auch das Thema Tierschutz entdeckt, weil der Druck der Öffentlichkeit sie dazu zwingt.

Das Büro der 54-Jährigen liegt im tristen Verwaltungsbau des Wiesbadener Umweltministeriums an der Mainzer Straße. Draußen rauschen die Autos vorbei. Drinnen kämpfen Neonröhren gegen die Dunkelheit in den schmalen Gängen an. Aber in den wenigen Quadratmetern ihres Zimmers herrscht permanente Aufbruchstimmung. Überall Papiere, Ordner und Akten. Das Telefon klingelt alle paar Minuten. Mal ist es eine Rechtsanwältin, die sich einen Rat holen möchte, mal ein Tierheim, das sich in der Presse falsch dargestellt fühlt und Hilfe sucht. Madeleine Martin wimmelt keinen ab, hat immer ein offenes Ohr.

Selbst wenn es ein dringender Fall von Tiermisshandlung am Wochenende ist. Auch dann geht die Mutter von zwei Söhnen an ihr Handy. Gefragt ist sie als Gutachterin in Gerichtsprozessen, wenn es um Tiermisshandlung geht oder als Expertin für die Haltung von Zirkustieren auf der Durchreise.

Politiker aller Couleur haben das mittlerweile mitbekommen und wissen zu schätzen: Wenn in Hessen etwas vier Beine oder ein Fell hat und Hilfe braucht, ist Madeleine Martin nicht weit. Das war nicht immer so.

 

Aufwind durch Grüne

 

Die damalige grüne Staatsministerin Iris Blaul hatte die parteilose Ärztin der Veterinärmedizin 1991 nach Wiesbaden geholt. Jahre später, als Schwarz-Gelb die rot-grüne Landesregierung ablöste, sah sich Martin schon wieder auf dem Absprung. Die FDP hatte schlichtweg die Auflösung des Amtes der Tierschutzbeauftragten in ihrem Wahlprogramm gefordert. Dazu kam es nicht. Der spätere Ministerpräsident Roland Koch (CDU) setzte sich durch und behielt Martin auf ihrem Posten.

Seit die CDU zusammen mit den Grünen auf der Regierungsbank sitzt, hat die Arbeit von Madeleine Martin noch mehr Aufwind bekommen, auch wenn sie nach wie vor nur über vier Mitarbeiter und ein Jahresbudget von knappen 26 000 Euro verfügt. Anlass zur Hoffnung gibt ihr aber, dass die derzeitige Umweltministerin Priska Hinz eine Grünen-Politikerin ist, damit einer Partei angehört, die wie keine andere für den Tierschutz steht. Unter ihrer Vorgängerin Lucia Puttrich (CDU) sei der Jahresbericht der Tierschutzbeauftragten noch dünn ausgefallen, gibt die gebürtig Karlsruherin Martin zu. Viele Anträge seien geschrieben, viele Initiativen gestartet, aber viele auch gar nicht beachtet worden.

Vielleicht hat die Landesbeauftragte für Angelegenheiten des Tierschutzes, wie sie offiziell heißt, in dieser Legislaturperiode mehr Glück, ihr Anliegen durchzusetzen, einen verpflichtenden Hundeführerschein für alle Halter (auch Sachkundeprüfung genannt) und eine Mensch-Tier-Team-Prüfung einzuführen. Vielleicht wäre so auch der jüngste Fall von zwei freilaufenden Kampfhunden in Rüsselsheim zu verhindern gewesen, die von Polizisten schließlich erschossen wurden, nachdem die Tiere Passanten angefallen hatten. Den Abschuss der Hunde in der Notsituation durch die Beamten hält Martin nach wie vor für richtig.

 

Unterstützung für Ärzte

 

Und dann wäre da noch dieses Thema: Um Tierschutzvergehen zu verfolgen, brauchen Amtstierärzte nach Ansicht der hessischen Tierschutzbeauftragten mehr Unterstützung. Veterinäre, die das Tierschutzgesetz ernst nähmen und bei Verstößen einschreiten wollten, handelten sich häufig Ärger mit örtlichen Politikern ein, sagte Martin vor wenigen Tagen bei einem großen Experten-Treffen in Alsfeld. Würden etwa in einem landwirtschaftlichen Betrieb Regeln der Tierhaltung verletzt, werde häufig der Amtstierarzt dazu überredet, statt sofortiger Sanktionen einen runden Tisch einzurichten oder erneute Gespräche zu führen.

„Die, die was tun, kriegen auch den meisten Ärger“, so Martin. Andere hätten ein ruhigeres Leben.

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