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Schulserie: Eine ganz normale Problemklasse

Von Vor einem Jahr sorgte ein Brandbrief von Frankfurter Grundschullehrern für Schlagzeilen: Die Pädagogen schilderten, dass die Anforderungen durch Integration und Inklusion massiv gestiegen seien, die nötigen Ressourcen und verbindliche Leitlinien für den Unterricht aber fehlten. Im Rahmen unserer Serie "Schule besser machen" erzählt eine Lehrerin nun, wie der Alltag in einer normalen Klasse immer mehr zur Zumutung wird. Die Behörden würden die Probleme kleinreden.
Symbolbild Foto: imago Symbolbild
Frankfurt. 

Diese ständigen Unterstellungen nagen an der Substanz. Sie fressen sich wie Rost durch das seelische Gerüst der jungen Frau, die eigentlich gewillt ist, eine fröhliche, eine wertschätzende, eine gute Lehrerin zu sein. Sie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen. Sie wirft sich mit Leidenschaft in den Job, wissend, dass es im Klassenzimmer oder beim Elternabend natürlich mal zur Sache gehen kann.

Sie ist hilflos, weil irgendwann aus einzelnen trüben Tagen ein graues Dauertief wurde. Die bittere Erkenntnis ist: „Wenn du dann um Rat bittest oder ganz offiziell bei einem Vorgesetzten um Hilfe, dann ist plötzlich nicht mehr das Problem das Thema, sondern deine Unfähigkeit, es selbst zu lösen.“ Spricht sie von Überlastung, kommt die Unterstellung als Bumerang zurück.

"Schwer aushaltbar" Der Brandbrief der Grundschullehrer aus Frankfurt

Auf drei Seiten haben 69 Lehrer der Frankfurter Grundschulen im Januar 2017 in einem Brief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU) beschrieben, wie die Aufgaben von Integration und Inklusion den normalen Schulalltag lähmen.

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Aber was, wenn das Problem darin besteht, dass der Brandschutz in der Schule nicht funktioniert? Wenn das Dach undicht ist? Was, wenn das Problem darin besteht, von Eltern als Nazi beschimpft zu werden? Wenn du beim Schulamt wegen Mobbing angeschwärzt wirst, weil du auf das Einhalten von Grundregeln pochst? Oder wenn ein geistig behindertes Kind im Unterricht unaufhörlich schreit und es keinen Förderschullehrer gibt, der sich mit ihm beschäftigen kann?

Im permanenten Krisenmodus

Nennen wir die Lehrerin, die aus Angst vor Konsequenzen ihren Namen nicht nennen will, Nina. Sagen wir, sie ist Mitte dreißig und sie unterrichtet an einer Grundschule in Frankfurt. Als Nina nicht mehr weiter wusste, hat sie sich ihren Frust von der Seele geschrieben. Über Umwege hat dieses Protokoll aus dem Schulalltag unsere Redaktion erreicht. Es ist eine aufwühlende Momentaufnahme aus einer Klasse, die sich im permanenten Krisenmodus befindet; in einer Schule, die eigentlich marode ist; in einem Milieu, das mit der Zuschreibung „Brennpunkt“ gerne als Ausnahme von der Regel aus dem gesellschaftspolitischen Blickfeld gewischt wird.

Nach Beginn der Flüchtlingskrise 2015 hatte Wanka in einem Interview gesagt, die Aufnahme der Flüchtlingskinder in die Schulen müsse niemandem Angst machen. Foto: Marijan Murat/Archiv/Symbolbild
Kommentar Schulpolitik: Ein gesellschaftlicher Störfall

Durch die Überlastung unserer Schulen pflanzt sich das Politikversagen in tausenden Schülerbiografien fort - und wird damit zum Nährboden für Demagogen. Ein Kommentar von Lutz Bernhardt.

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Nina sagt im Interview: „Nein, wir sind keine Ausnahme. Schulen wie die unsere gibt es in Sossenheim, Sindlingen, Höchst, Griesheim, Nied.“

Tatsächlich sind die meisten Probleme, die die Grundschullehrerin beschreibt, zumindest in Ballungsräumen weder neu noch wirklich unterschichtsspezifisch. Der Zustand der Schulgebäude in Frankfurt ist sicherlich von trauriger Einmaligkeit; der Sanierungsbedarf wird auf eine Milliarde Euro beziffert. Aber Zustände wie die in Ninas Klasse wurden nun schon mehrfach in der Öffentlichkeit diskutiert.

Hausverbote und Polizeischutz

Vor einem Jahr schrieben 69 Lehrer, allesamt in Leitungsfunktionen an Frankfurter Grundschulen, einen Brief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU), der für viel Aufsehen gesorgt hat. Darin beschreiben die Pädagogen, wie sie aufgerieben werden, wie der Schulalltag unter der Schwerlast von Integrations- und Inklusionsarbeit leidet, wie Verwaltungsakte und Dokumentationen wertvolle Zeit fressen, die eigentlich den Kindern zugute kommen sollte. Von einer „kaum zu bewältigenden Arbeitsbelastung sowohl in zeitlicher als auch in psychischer Dimension“ ist dort die Rede. Das Dokument ist ein einziger Hilferuf: „Guter Unterricht im herkömmlichen Sinn ist unter solchen Bedingungen nur noch unter erheblichen Abstrichen umzusetzen!“

Was Nina aufgeschrieben hat und anschließend im Interview erzählt, unterfüttert diese Aussage mit Erlebnissen aus dem Alltag. In ihrer Klasse sitzen Kinder aus mehr als zehn Nationen. Ein Kind leidet an ADHS und an einer Beziehungsstörung. Ein Kind an Dyskalkulie. Ein Kind hat eine Lese-Rechtschreib-Störung, zwei Kinder eine Lese-Rechtschreib-Schwäche, daneben sitzt ein Kind mit Hochbegabung. Ein Kind kommt so selten in die Schule, dass es die Klasse bereits zum zweiten Mal wiederholen muss. Unterrichtet wird diese Klasse von genau einer Person.

Schulamt "Ein Lehrer muss auch auf uns zukommen"

Wolfgang Kreher (64) ist als Leiter des Staatlichen Schulamts in Frankfurt für die Aufsicht und die Unterstützung von 7000 Lehrern zuständig. Um die Schulen zu entlasten, stellt er ihnen u.a. Schulentwicklungsberater zur Verfügung. Sie sollen das Zeitmanagement und die Selbstorganisation verbessern.

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Von 22 Kindern hat etwa ein Dutzend das am Leibe erfahren, was im Behördenjargon häusliche Gewalt genannt wird. Diese Jungen und Mädchen erzählen von Kleiderbügeln, die auf Fußsohlen geschlagen werden. Sie sagen, das mit dem Gips, das war die Mama. Ein Mädchen sagt: „Ich höre nichts mehr.“ „Warum?“, fragt Nina. „Mein Papa hat auf mein Ohr gehauen.“ Nina schreibt von Zivilpolizisten an der Schule, von Hausverboten für Väter. Und davon, dass sie und ihre Kolleginnen in der Dämmerung nicht mehr alleine zum Parkplatz gehen.

Und Inklusion? Nina sagt mit bitterem Unterton: „Inklusion heißt: Der Elternwille zählt. Nicht das Wohl des Kindes.“ Sie weiß von einem Kind, das einen Intelligenztest so oft erklärt bekam, bis das von den Eltern gewünschte Ergebnis herausgekommen ist. „Möchten die Eltern eine Regelbeschulung, dann wird alles, aber wirklich alles dafür getan.“ Wenn sie anderer Meinung ist als die Eltern und wenn der Streit beim Schulamt landet, dann „muss ich erstmal nachweisen, warum ich der Herausforderung nicht gewachsen bin, das Kind in meiner Klasse zu unterrichten.“

„Viele Kollegen haben Angst“

Überhaupt, das Schulamt. Das kommt in Ninas Bericht ziemlich schlecht weg. „Ich überlege mir mindestens zwei Mal, ob ich mich an einen Vorgesetzten wende. Ich wäge ab, ob es mir nicht als Schwäche ausgelegt werden kann, wenn ich mit einer Situation nicht alleine fertig werde.“ Wenn es ein Problem gibt, dann seien sie und ihre Kollegen zunächst mal in der Rechtfertigungsposition. Einmal klingelte bei ihr das Telefon. „Was haben Sie eigentlich für ein Mobbing-Problem?“, wurde sie gefragt. Nina erfuhr, dass ein Elternteil im Schulamt erschienen sei, ziemlich aufbrausend. Die Familie hat Migrationshintergrund. Nina wurde mit der Behauptung konfrontiert, sie habe ein Problem mit Ausländern. „Es wurde überhaupt nicht hinterfragt, was eigentlich passiert ist. Ich konnte auch nicht erläutern, was Sache war. Ich hatte einfach dafür zu sorgen, dass das nicht mehr vorkommt.“

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Kann das alles sein? Stehen diese Schilderungen für einen krassen Einzelfall? Ist Nina vielleicht einfach nur im falschen Job? Zu zart besaitet, für den Lehreralltag? Um herauszufinden, ob es solche Problemklassen im hessischen Schulwesen gibt, haben wir mit weiteren Lehrern und  Eltern gesprochen. Benedikt Gehrling, der Sprecher der Grundschulleiter, die vor einem Jahr den Hilferuf in Richtung Landesregierung geschickt haben, sagt: „Ja, es ist Druck im System. Ich weiß, dass viele Kollegen Angst haben. Wenn einer was sagt, befürchtet er, zum Dienstgespräch einbestellt zu werden.“ Wolfgang Kreher, der Leiter des Staatlichen Schulamts in Frankfurt, sagt im Interview mit dieser Zeitung (siehe unten), dass er wenig Hinweise dafür habe, dass Schulleiter oder Lehrer sich aus Angst zurückhalten. Aus seiner Sicht seien auch zahlreiche Maßnahmen auf den Weg gebracht worden, um die von den Grundschulen benannten Probleme anzupacken.

Nina sieht das anders. Sie sagt, die Lehrer werden mit den Problemen alleine gelassen: „Verantwortung übernimmt in diesem System niemand.“ Im Alltag versuche sie schlicht und ergreifend „nicht abzusaufen“. Sie hat vor kurzem einen Selbstverteidigungskurs besucht.

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