Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Titelbild Mainova Marathon Laufsport - alles rund um den Mainova IRONMAN Frankfurt 2017 Frankfurt am Main 24°C

Harter Stoff und weiche Formen: Elfenbeinschnitzer arbeitet wie ein Eiszeit-Mensch

Von Bernhard Röck ist Elfenbeinschnitzer im Odenwald. Die Formen, die er in den fossilen Werkstoff schnitzt, wurden vor Tausenden von Jahren erdacht.
Bilder > Wirkt wie Holz: Blick auf einen Mammut-Stoßzahn im Anschnitt.
Erbach. 

Eines haben Material und Form in den Händen von Bernhard Röck (70 Jahre) gemein: Beides ist Jahrtausende alt. Die Form des Vogelherd-Wildpferdes hat vor etwa 40 0000 Jahren ein Eiszeit-Mensch mit Steinwerkzeug in Mammut-Elfenbein herausgearbeitet. Dank der Haltbarkeit des Mammut-Elfenbeins ist das Pferd erhalten. Jetzt tut Röck es dem unbekannten Homo sapiens aus der Zeitspanne des Aurignacien (27 000 bis 43 000 Jahre vor heute) gleich und schnitzt exakt jene Form in Mammut-Elfenbein, die sich jener frühe Künstler erdacht hat.

Kreativwerkstatt

Selbst probieren Elfenbein zu schnitzen, können Interessierte einmal im Monat bei der „Mammut-kreativ-mitmach-Werkstatt“, Haisterbacher Straße 13, in Erbach.

clearing

Ein Meisterstück: Die Beine sind durchlocht, der fein gearbeitete Kopf und der überlange Hals in Imponierhaltung gebogen. „Das ist ein großartiger Beleg erster figürlicher Kunst, wie sie in mehreren Höhlen am Rande der Schwäbischen Alb bei Ausgrabungen gefunden wurden“, so Röck. „Elfenbeinschnitzer waren die ersten Künstler der Menschheit.“

Gemeinsam mit Urgeschichtlern der Uni Tübingen werden derzeit unvollständige Artefakte von Eiszeit-Figuren nachgeschnitzt und ergänzt. Auch von dem Pferd, aus der Vogelherd-Höhle, das 1931 gefunden wurde, fehlt die rechte Hälfte.

Die Urform – Nachbildung im ursprünglichen Werkstoff und Volumen zeigt das Pferd 1:1 so, wie es nach seiner Fertigstellung vor 40 000 Jahren ausgesehen haben könnte. Derzeit arbeitet Röck an der Nachbildung von Frauen, sogenannten Venus-Statuetten, die vor 25 000 Jahren in Russland am Don entstanden sind. Einige Originalfunde werden von Oktober an im Archäologischen Museum Hamburg im Rahmen der Sonderausstellung „Eiszeiten“ zu sehen sein.

Seit 1979 hat Röck eine Werkstatt in Erbach und damit im Zentrum der Elfenbeinkunst. Vor mehr als 200 Jahren brachte Erbgraf Franz I. zu Erbach-Erbach das Elfenbein in den Odenwald. Er hatte Erfolg mit seinem Ansinnen: Viele Elfenbein-Künstler wurden ausgebildet und begründeten so die Elfenbeinschnitzer-Tradition. 1892 wurde die „Berufsfachschule für das Holz- und Elfenbein verarbeitende Handwerk“ gegründet. Innerhalb von drei Lehrjahren kann man den Handwerksberuf „Elfenbein-Schnitzer“ erlernen – 15 Ausbildungsplätze gibt es – und dann seinen Meister machen, so wie Kora Werner.

Röck, ursprünglich Technischer Zeichner und Diplom-Industrie-Designer, hat 1983 den internationalen Elfenbein-Wettbewerb „Doppelform“ des Deutschen Elfenbein-Museums Erbach gewonnen. Mehr als 100 Einsendungen aus sechs Ländern gab es. Auf dem großen Tisch in seiner Werkstatt liegt ein beeindruckend großer Mammutstoßzahn, doppelt gewunden, viele hunderte Male bestaunt. Bis zu vier Meter kann so ein Stoßzahn lang und über 100 Kilogramm schwer sein. Mammut-Elfenbein wird jedes Jahr, wenn der Schnee geschmolzen ist, im Frühling in Sibirien freigelegt. Dann liegen die sterblichen Überreste der zotteligen Riesen, die wohl bis vor 4000 Jahren lebten, für drei Monate zum Aufsammeln bereit herum. Röck ist selbst nach Sibirien gefahren, um zu sehen, wo sein Werkstoff herkommt. 1991 war er Teilnehmer an einer Filmexpedition. Dietmar Buchmann drehte die „Die Mammut-Story“ für den Hessischen Rundfunk.

Das Thema Elfenbein-Verarbeitung ist sehr sensibel: Seit 1989 ist durch das Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen der Handel mit Elefanten-Elfenbein verboten, um die Tiere zu schützen. Aber gewildert wird immer noch. Oft sind die Elfenbeinschnitzer daher Anfeindungen ausgesetzt. „Man muss immer sachlich aufklären“, betont Röck.

„Es wird ausnahmslos Mammut-Elfenbein verwendet.“ Das unterscheidet sich in Farbe, Wichte und Struktur von Elefanten-Elfenbein – für den Laien mitunter kaum erkennbar. „Man sollte immer auf Nummer sicher gehen und beim ausgebildeten Fachmann kaufen oder wenigstens Rat einholen“, sagt Röck.

Die natürlichen Verfärbungen und die sich kreuzenden Linien geben jedem Stück Material einen eigenen Charakter. „Man muss sich auf das Material einlassen, es mitsprechen lassen“, so Röck. So wird jedes Stück ein Unikat.

Der Stoff ist kostbar. 120 bis 180 Euro pro Kilo muss man mindestens ausgeben. Jedes winzige Stück wird verarbeitet. Sorge, dass die Quelle versiegt? „Nein, da liegen noch viele Hundertausend Tonnen im Eis. In dem langen Zeitraum, als es Mammuts gab, lebten viele Millionen Tiere.“

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse