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Schulserie: Eltern plagen so manche Sorgen

Eltern wollen nur das Beste für ihr Kind. Manchmal schießen sie dabei übers Ziel hinaus, und zu Lehrern haben sie nicht immer den besten Draht. Im aktuellen Teil unserer Serie „Schule besser machen“ beschäftigen wir uns mit dem angespannten Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern, mit Helikoptereltern und mit der steigenden Zahl von Schulkonflikten, die am Ende vor Gericht landen.
Frankfurt. 

Das Klima zwischen Eltern und Lehrern ist rau geworden. Die Gründe dafür sind mannigfach: Eltern sind genervt von Unterrichtsausfällen an Schulen, von Noten und manchmal auch vom vermeintlich ungesunden Mensa-Essen. Lehrer empfinden Eltern mitunter als querulatorische Einmischer in ihre pädagogische Arbeit und manchmal auch als Erziehungsversager. Zwischen diesen Positionen gibt es viele weitere und darüber hinaus auch.

„Eltern schießen oft über das Ziel hinaus“, sagt ein Frankfurter Lehrer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Den alltäglichen Konflikten mit Vätern und Müttern möchte er keine weitere Debatte hinzufügen.

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Schulserie Eine ganz normale Problemklasse

Vor einem Jahr sorgte ein Brandbrief von Frankfurter Grundschullehrern für Schlagzeilen: Die Pädagogen schilderten, dass die Anforderungen durch Integration und Inklusion massiv gestiegen seien, die nötigen Ressourcen und verbindliche Leitlinien für den Unterricht aber fehlten. Im Rahmen unserer Serie "Schule besser machen" erzählt eine Lehrerin nun, wie der Alltag in einer normalen Klasse immer mehr zur Zumutung wird. Die Behörden würden die Probleme kleinreden.

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„Lehrer fühlen sich oft sofort angegriffen“, sagt eine Mutter, die ihren Namen nicht öffentlich genannt wissen will, „weil es sonst vielleicht meinem Kind schadet.“

Schon an diesen beiden Beispielen zeigt sich: Zwischen Lehrern und Eltern stehen offenbar Unverständnis und Misstrauen.  Und nicht selten sogar Aggressionen.

„Es ist ruppiger geworden“

Der Fall einer Lehrerin an einer hessischen Grundschule, die von der Mutter einer Zweitklässlerin massiv bedroht wurde, sei kein Einzelfall, sagt Eva Keller, Sprecherin des Verbandes Bildung und Erziehung (VBB). „Das gesellschaftliche Klima hat sich verändert, es ist ruppiger geworden. Das kommt auch in den Schulen an.“

Die wenigsten Lehrer machten Zwischenfälle, bei denn sie verbal und mitunter auch körperlich von Eltern angegangen würden, öffentlich. Und oftmals nicht einmal die, bei denen sie von Schülern bedrängt würden. „Da spielt Scham eine große Rolle“, so Keller. Valide Zahlen über das tatsächliche Maß an Gewalt gegen Lehrer gebe es deshalb nicht.

Repression oder gar Gewalt in der Schule geht indessen nicht nur von Eltern oder Schülern aus. „Erwachsene erzählen weniger über aggressive Klassenkameraden als über aggressive Lehrer, unter denen sie litten. Nicht wenige erinnern noch nach Jahren mit Unbehagen, Angst oder Wut, wie sie unter schulischen Demütigungen litten. Manche berichten, wie traumatisierende Verletzungen sie dauerhaft beeinträchtigten. Eltern, Lehrer, Schüler, Schulbehörden, Politiker: alle kennen den Macht-Missbrauch der Einzelfälle. Aber die meisten von ihnen hüllen seelisch verletzendes Lehrer-Handeln in Schweigen“, formuliert Prof. Kurt Singer, emeritierter Professor für Pädagogische Psychologie und Schulpädagogik und Psychoanalytiker, in seinen Leitgedanken und beschreibt damit die andere Seite der Medaille.

Schulserie: Schule besser machen
Schulserie 100 Prozent reichen – Lehrer sollten den ...

Elf Wochen Ferien im Jahr, nachmittags „frei“ – wenn Lehrer sagen, sie seien gestresst, ernten sie oft Häme und Spott. Doch genau diese fehlende, gesellschaftliche Anerkennung ist Teil des Problems. Und trägt dazu bei, dass die Burnout-Quote bei Lehrern besonders hoch ist.

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Was das Eltern-Lehrer-Verhältnis so anfällig für Konflikte macht, ist der Umstand, dass es ein emotionales ist. Eltern waren früher selbst Schüler und projizieren nicht selten ihre Erfahrungen und Gefühle von damals auf die Lehrer ihres Kindes. Ratschläge von Lehrern werden oftmals als unangemessene Einmischung in Familienangelegenheiten empfunden.

Lehrer fühlen sich in ihrer Erziehungsprofessionalität nicht ernstgenommen, wenn Eltern sämtliche Details des Unterrichts erforschen, in Frage stellen und darüber in regelmäßigen Telefonaten, gern auch in den Abendstunden, diskutieren wollen.

„Manche Lehrer geben deshalb ihre private Telefonnummer und Mail-Adresse nicht mehr an alle Schülereltern weiter“, weiß Eckhard Gathof, Vorsitzender des Frankfurter Stadtelternbeirates, und Vater zweier schulpflichtiger Kinder.

Als besonders invasiv und strapaziös im Schulalltag, übrigens nicht nur von Lehrern, werden die so genannten Helikopter-Eltern empfunden.

Aus Sorge um die Zukunft ihrer Schützlinge steuern sie deren Leben bis ins kleinste Detail. Sie machen die Hausaufgaben für sie, entscheiden über „geeignete“ Spielsachen, das TV-Programm, später über die Studienwahl und den zwischenmenschlichen Umgang.

Kampfhubschrauber

Josef Kraus, bis 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, hat seiner Sorge über die Entwicklung von fürsorglichen Erziehungsberechtigten hin zu kontrollierenden Helikopter-Eltern schon vor Jahren zum Ausdruck gebracht. Er hat sogar eine Typologie herausgearbeitet: die Unterscheidung zwischen Transport-, Rettungs- und Kampfhubschraubern.

Was witzig klingen mag, ist ein durchaus ernstes Symptom und an nahezu allen Schulen zu beobachten.

Transporthubschrauber sind die „Mama“- oder „Papa“-Taxis, mit denen Eltern ihre Kinder überallhin chauffieren. Weil sie befürchten, dass ihren Sprösslingen auf dem Weg zum Fußballtraining oder zur Schule etwas zustoßen könnte. Dafür nehmen sie in Kauf, vor der Turnhalle oder Schule ein Verkehrschaos zu verursachen. Rettungshubschrauber wollen ihre Kinder unter allen Umständen vor Unannehmlichkeiten und Niederlagen bewahren. Sie bringen ihren Schützlingen den zu Hause liegengelassenen Turnbeutel direkt zum Sportunterricht. Oder auch mal eine kleine Portion Obst für die Nachmittagsstunden in die Schule.

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Schulserie Schul-Stress: Schüler im Hamsterrad

Es gibt dramatische Gründe, warum Schüler unter Stress leiden. Im Rahmen unserer Serie "Schule besser machen" zeigen wir Wege auf, Stress zu verringern. Was es immer braucht: Aufmerksamkeit, Zeit, Geduld. Doch dafür sind viele Lehrer und Eltern selbst zu gestresst.

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Ohne Umwege vor Gericht

Kampfhubschrauber gehen noch einen Schritt weiter: Sie setzen sich offensiv für den Erfolg ihres Kindes ein, indem sie Lehrpläne überprüfen, Disziplinarmaßnahmen und Notengebung kritisieren und nur Bio-Gemüse fürs Schulessen fordern. „Manche Eltern schreiben gleich ans Kultusministerium, auch wegen einer Drei im Diktat“, sagt Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Andere ziehen ohne Umweg vor Gericht.

Bestimmte Noten juristisch zu erzwingen, ist allerdings gar nicht so einfach. Richter entscheiden nicht darüber, ob ein Aufsatz mit einer Zwei oder Drei richtig bewertet ist. Die Schulrechtskammer des Verwaltungsgerichtes Frankfurt verhandelt laut Gerichtssprecherin Gabriele Förster etwa 40 Fälle pro Jahr, bei denen es es um Versetzungen und Abiturnoten geht. Deutlich häufiger hätten die Richter mit Eilanträgen von Eltern im Kampf um Schulplätze zu tun. Wechseln Kinder von der Grundschule auf die weiterführende Schule und bekommen keinen Platz in der Wunschschule, rufen Eltern immer öfter das Gericht an, um ihre Interessen per Richterspruch durchzusetzen.

Feste helfen

Dabei haben Eltern und Lehrer einen gesetzlich verankerten gemeinsamen Erziehungsauftrag. Und ein gemeinsames Interesse: das Wohl des Kindes. Wie die Zusammenarbeit besser gelingen kann, lesen Sie in unserer Box „Besser machen“.

Aus seiner langjährigen Erfahrung als Elternvertreter weiß Eckhard Gathof: „Eine gute Gelegenheit, wie Eltern und Lehrer außerhalb von Elternsprechtag, Erziehungsgesprächen und sonstigen Schulregularien ins Gespräch kommen können, sind Festivitäten an der Schule. Da ist kein Thema vorgegeben und kein Problem auf der Tagesordnung. Da geht es um menschliches Beisammensein, bei dem viele Spannungen und Vorurteile abgebaut werden können.“

Alle Teile unserer Schulserie finden Sie auf www.fnp.de/schule

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