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Das war der hessische Point Alpha: Entlang des Schutzstreifens

Von Hessen grenzt zwar nicht ans europäische Ausland. Doch mit sechs „Außengrenzen“ hat Hessen so viele Nachbar-Bundesländer wie kein anderes. Reporter Matthias Pieren folgt heute den Spuren deutsch-deutscher Geschichte an der hessischen Grenze zu Thüringen im Landkreis Fulda.
Foto: Pieren Die einstige deutsch deutsche Grenze zwischen der BRD und der ehemaligen DDR verlief oberhalb von Rasdorf (im Bildhintergrund) an der heutigen Gedenkstätte Point Alpha. Hier oben ist der Arbeitsplatz von Ricarda Steinbach, Direktorin der Point Alpha Stiftung.
Rasdorf. 

In Berlin fiel die Mauer am 9. November 1989. Die Menschen aus Rasdorf und Soisdorf im Landkreis Fulda mussten noch neun lange Tage warten, bis bei ihnen die Grenzanlagen nach Thüringen „geöffnet“ wurden. „Es waren gut 500 Menschen, die an jenem 18. November in aller Herrgottsfrüh von beiden Seiten der Grenze aus Rasdorf und aus Buttlar und Umgebung zur Grenze hinaufkamen“, erzählt die Soisdorferin Monika Held. „Wir standen erst beiderseits des Grenzzauns. Um 5.30 Uhr wurde sie endlich aufgemacht.“

Als es dann endlich soweit war, kamen die Menschen aus Ost und aus West schnell miteinander ins Gespräch. Vieles hatte sich in ihrem Lebensumfeld und Alltag geändert. Doch eines hatten sie alle beibehalten: ihren Rhöner Platt. „Es ist kaum zu glauben, doch wegen des gemeinsamen Dialektes fühlten wir uns vertraut“, sagt die 62-jährige Gästeführerin der Gedenkstätte Point Alpha.

Keine Besuche mehr

Kurz vor Weihnachten 1989 wurde dann ein Übergang für Fußgänger und Radfahrer zwischen Geisa und Rasdorf offiziell eröffnet. Auf dem Bergrücken zwischen den beiden Orten verläuft heute die Grenze zwischen Hessen und Thüringen. Die 1954 geborene Monika Held lebte in Soisdorf unweit der Grenze. Sie ist bereits mit der ab 1952 errichteten Sperrzone großgeworden.

„Zuvor waren Besuche bei Freunden und Verwandten in der DDR bis zum Bau der Grenzanlagen problemlos möglich“, sagt Held. „Danach gab es keine persönlichen Begegnungen mehr. Wie einschneidend der Bau der Grenzanlagen war, zeigt das Beispiel der Buchenmühle in meinem Heimatdorf.“ Das Gehöft lag im Tal der Taft direkt an der Grenze von Soisdorf zum thüringischen Wenigentaft. Die Müllerfamilie Schabel hielt nach Wenigentaft geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen. Sonntags besuchte die Familie den Gottesdienst in Wenigentaft.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich alles schlagartig, weil sich mitten im Anwesen der Buchenmühle die amerikanisch besetzte und die russisch besetzte Zone berührten. „Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt die Familie einen Grenzübergangsschein, mit dem sie weiterhin ihren gewohnten Gang nach Wenigentaft machen konnte“, berichtet Held. „Die zunehmenden Drangsalierungen gipfelten im September 1961 im Abriss des 100 Jahre alten Auszugshauses vor den Augen der Besitzer durch die Grenztruppen der DDR. Die Familie entschloss sich schweren Herzens, 500 Meter südlich in ein neues Zuhause einzuziehen.“

Förmlich amputiert

Der Ostteil des Anwesens wurde förmlich amputiert und durfte nicht mehr bewirtschaftet werden. Hier wurde Wald, Feld und Wiese für den 500 Meter breiten sogenannten Schutzstreifen gerodet und abgeholzt. Die Narbe des einstigen Todesstreifens ist heute noch sichtbar.

„Wir Westbürger kamen problemlos bis an den Grenzzaun. Auf der ostdeutschen Seite verlief die fünf Kilometer breite Sperrzone. Menschen, die darin ihr Zuhause hatten, kamen nur noch über Kontrollstellen aus anderen Teilen der DDR nach Hause“, berichtet Held aus dem Alltag der Menschen östlich der hessischen Landesgrenze. Noch heute ist dort, wo einst die amerikanischen Streitkräfte im Camp Point Alpha stationiert waren, die Spannung nachzuspüren, die einst entlang des Grenzverlaufs in der Luft lag. „Hier standen sich die Vorposten von Nato und Warschauer Pakt vier Jahrzehnte lang Auge in Auge gegenüber“, berichtet Monika Held. „Der Beobachtungsturm vom 11. Kavallerie-Regiment RCA 11 Point Alpha war nur 30 Meter vom Wachturm der DDR-Grenztruppen entfernt.“

Monika Held gründete eine Familie und bekam Kinder. Dass ihre Heimatregion in der militärischen Strategie als Teil der sogenannten „Fulda-Gap“ in der Zeit des Kalten Krieges aufgegeben worden wäre, hat die heute 62-Jährige damals zum Glück nicht gewusst. Die militärische Strategie wurde erst durch die Friedensbewegung der 1980er Jahre öffentlich gemacht.

„Die Amerikaner haben Tag und Nacht über die Grenze gewacht, weil sie davon ausgingen, dass die Russen in unserer Region jederzeit in Richtung Fulda und weiter nach Frankfurt durchbrechen würden“, berichtet Monika Held.

 

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