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Joggender Student aus Darmstadt: Er läuft und läuft und läuft

Ärzte halten Ultraläufe zumindest für bedenklich. Trotzdem setzen sich in Deutschland immer mehr Sportler der extremen Belastung aus. Ein Student aus Darmstadt ist der Beste.
Ultraläufer Florian Reus Foto: Daniel Karmann (dpa) Gerade hoch über den Weinbergen von Würzburg unterwegs: Florian Reus wurde von der Internationalen Vereinigung der Ultraläufer zum „Athleten des Jahres 2015“ gewählt.
Darmstadt. 

Wenn es läuft, dann läuft’s. Und wenn Florian Reus läuft, dann läuft er eine halbe Ewigkeit. Zuletzt lief es richtig gut. Der 32-Jährige hat das erfolgreichste Jahr seiner Karriere hinter sich. Dafür wurde er gerade von der Internationalen Vereinigung der Ultraläufer zum Athleten des Jahres 2015 gewählt. Weshalb? Im vergangenen Jahr hatte er in Turin die Weltmeisterschaft im 24-Stunden-Lauf sowie den legendären Spartathlon von Athen nach Sparta gewonnen. „2015 war mein absolutes Jahr.“

263,9 Kilometer in Italien, 246 Kilometer in Griechenland – Reus absolviert Distanzen wie diese nicht spazieren gehend, sondern im Dauerlauf. Ein Spaziergang sind derlei Läufe ohnehin nicht. Bei der WM lief er durchschnittlich elf Kilometer pro Stunde – 24 Stunden lang, ohne Pause.

Schon immer sportaffin

Florian Reus kommt aus Würzburg und tritt bei Wettkämpfen für die heimische Laufgemeinschaft an. Derzeit wohnt er in Sulzbach (Taunus) und studiert Sportmanagement in Darmstadt. Laufen, sagt er, sei eigentlich nie ein Thema für ihn gewesen. Sportaffin indes war er schon immer. Hier mal kicken, dort eine Radtour. Und ab und zu mal beim Schülerlauf mitmachen.

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Erst wenige Wochen vor seiner Ausbildung zum Weinküfer habe er begonnen, regelmäßig joggen zu gehen. Ein Schlüsselerlebnis: In der Lokalzeitung las Reus von einem 100-Kilometer-Lauf im schweizerischen Biel; ein Jahr später nahm er selbst teil. „Das war ein Riesenerlebnis.“ Und „ein Stück weit die Initialzündung“ seiner Karriere. Zwei Jahre später folgte der erste 24-Stunden-Lauf. „Da habe ich gemerkt: Das ist meine Disziplin.“ Wo liegt der Reiz in einem Sport, der mehr Qual ist als Lust? Ein Sport, bei dem Grenzüberschreitungen nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind? Nicht in den Beinen, sondern im Kopf, sagt Reus. „Das Mentale finde ich sehr reizvoll.“ Irgendwann – nach neun, zehn oder elf Stunden – machen die Muskeln dicht. „Und dann hat man nicht viele Handlungsoptionen.“ Eigentlich nur eine: weitermachen. Reus hilft absolute Konzentration. Nicht abschweifen, nicht ablenken lassen. „Das Mentale ist ein absolut begrenzender Faktor.“

Ist das gesund?

Gesund ist das nicht, denkt der Laie. Und der Fachmann? „Als Fachmann ist man zumindest besorgt“, sagt Sportmediziner Hans-Georg Predel, der das Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Sporthochschule Köln leitet.

Alles, was exzessiv betrieben wird, könne potenziell gefährlich werden. Rhythmusstörungen und andere Herzprobleme könnten vor allem bei Sportlern ab 40 auftreten. Wegen der hohen Belastung seien auch Knochen, Sehnen, Gelenke und Muskulatur gefährdet. Predel: „Der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht.“

Christian Rost, Kardiologe und Internist in Würzburg, sieht das ähnlich. Der Mensch sei eher Kurz- und Mittelstreckenläufer, sagt Rost, der auch Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbands ist. „Das Risiko bei Ultrabelastungen ist immer die Vorschädigung.“ Rost vergleicht den Körper mit einem defekten Reifen: „Das Ding wird an der schwächsten Stelle platzen.“ Deshalb raten beide, Predel und Rost: Ultraläufer sollten regelmäßig zum Arzt gehen. Reus lässt sich einmal im Jahr durchchecken.

Obwohl der Körper beim Ultramarathon höchsten Belastungen ausgesetzt ist, machen immer mehr mit. Von 2005 bis 2015 hat sich die Zahl der deutschen Ultralauf-Starter verdoppelt, wie Zahlen der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung zeigen: von rund 4500 auf mehr als 9300.

Mit dem WM-Titel und dem Spartathlon-Sieg hat Reus eigentlich alles erreicht. „Jahrelang bin ich diesem Traum hinterhergelaufen.“ Er lief und lief und lief. Morgens 16, nachmittags noch einmal 10 oder 12 Kilometer, drei- oder viermal wöchentlich. Einmal in der Woche auch eine längere Distanz, 35 oder 40 Kilometer. Während der direkten Vorbereitung auf einen Lauf ist das Training noch intensiver.

Jetzt könnte Reus anhalten, innehalten. Aber so einfach ist es natürlich nicht. Der deutsche Rekord im 24-Stunden-Lauf liegt bei 276,2 Kilometern. „Realistisch wäre das schon“, sagt Reus. Wünschenswert auch – aber nicht auf Biegen und Brechen.

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