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Frankfurt, deine Pendler: Fahrgemeinschaft: So entspannt kann Autofahren sein

Fast 70 Prozent der Berufspendler fahren mit dem eigenen Auto - und die meisten fahren allein. Das ist nicht nur schlecht für die Umwelt und für die Nerven, sondern wird in Zukunft zu einem ernsten Problem. Wolfgang Herda macht das anders. Er fährt in einer Fahrgemeinschaft zur Arbeit.
Extrem-Pendler: Die Fahrgemeinschaft / Abfahrtsort der Fahrgemeinschaft ist das Parkdeck des ADAC Hessen-Thüringen hinter dem ADAC-Hochhaus +++ Aufgenommen von Christian Christes, am 28.09.2017 in der Lyoner Straße 22, Frankfurt am Main Niederrad Foto: Christian Christes Extrem-Pendler: Die Fahrgemeinschaft / Abfahrtsort der Fahrgemeinschaft ist das Parkdeck des ADAC Hessen-Thüringen hinter dem ADAC-Hochhaus +++ Aufgenommen von Christian Christes, am 28.09.2017 in der Lyoner Straße 22, Frankfurt am Main Niederrad
Einmal wurde es brenzlig. Da verlor einer am Frankfurter Kreuz kurz die Kontrolle über seinen Wagen und knallte an die Leitplanke. Der Grund war ein kleiner Bogen in der Fahrbahn. Den Insassen des Autos ist nichts passiert, nur der Wagen war danach Schrott. Es soll in zwölf Jahren der einzige Unfall der Fahrgemeinschaft aus dem Lahn-Dill-Kreis bleiben. Gemeinsam durchkämmen sie auf ihrem Weg zur Arbeit nach Frankfurt Regenfronten, Hitzewellen und Schneestürme. Zusammen warten sie geduldig bei Vollsperrungen und Staus, darauf, dass es endlich weitergeht. Sie sitzen gemeinsam in der Blechlawine, sie sich morgens in Mainmetropole reinschiebt und am Abend wieder raus. Eine selbst gewählte Schicksalsgemeinschaft.

Paradigmenwechsel in der Autonutzung

Wolfgang Herda und die Zwillingsbrüder Roland und Jürgen Katzer gehören zu den 68 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. Trotzdem gehören die Drei einer Minderheit an. Denn ein Bruchteil der Berufspendler nehmen bei ihren Fahrten einen Pendler mit. Nur fünf Prozent der Pendler sind „Pkw-Mitfahrer“, bemängelt auch das Umwelt Bundesamt. Das muss sich ändern, sagt selbst der Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC), der europaweit größte Interessenverband der Automobil-Lobby - sonst droht Metropolregionen wie dem Rhein-Main-Gebiet der Verkehrskollaps. Wie dringend ein Paradigmenwechsel in der Autonutzung ist, weiß Wolfgang Herda aus erster Hand. Er arbeitet beim ADAC Hessen-Thüringen und ist dort für die Verkehrs- und Umweltpolitik zuständig.

Ideale Bedingungen

Sie treffen sich morgens um 7:15 Uhr auf dem Pendlerparkplatz an der A 45, Anschlussstelle Gießen-Lützellinden. Einer wohnt in Wetzlar, einer in Gießen, einer irgendwo dazwischen. Zwei Autos bleiben dort den Tag über stehen. In einem Auto geht es dann über das Gambacher Kreuz nach Frankfurt. Alle drei arbeiten in der Bürostadt Niederrad. Eine ideale Situation. Rund 60 Minuten brauchen sie pro Strecke. Damit die Fahrerei funktioniert, haben sie eine Art Tauschgeschäft entwickelt. „Wenn ich gefahren bin und einen oder zwei mitgenommen habe, erwerbe ich die Berechtigung einmal, beziehungsweise zweimal mitgenommen zu werden“, sagt Herda. Die Exceltabelle ist für alle Mitfahrer im Internet einsehbar. Es habe noch nie Unstimmigkeiten gegeben.

„Ich spare 11.200 Kilometer mit meinem Auto im Jahr“, erklärt Herda. Umgerechnet sind das etwa 700 Euro Benzinkosten. Das zusätzliche Gewicht einer weiteren Person im Auto ist übrigens bei den Fahrtkosten zu vernachlässigen: Zwei Autos mit je einer Person benötigen für die gleiche Strecke fast doppelt so viel Treibstoff wie ein Auto mit zwei Personen.

Immer mehr Autopendler

Die Zukunft des Autopendelns liegt in Fahrgemeinschaften, davon ist der Verkehrsexperte überzeugt. „Bis im Jahr 2040 leben 830000 Menschen in Frankfurt“, erklärt er. Dem „Speckgürtel“ wird es nicht anders ergehen. „Es ist leider nicht zu erwarten, dass der öffentliche Nahverkehr das kompensieren kann“, so Herda. Die logische Folge ist für ihn, dass es noch mehr Autopendler geben wird. Fahrgemeinschaften müssen deshalb noch mehr gefördert werden. Zum einen auf der kommunikativen Ebene: Mehr Pendlerplattformen im Internet. Und mehr Pendlerparkplätze, vor allem in den ländlichen Gegenden. Aber, das räumt er auch ein, er hatte besonders Glück. Er hat seine Fahrgemeinschaft damals auf Anhieb gefunden. Denn Fahrgemeinschaften sind auch Vertrauenssache.

Am Anfang waren die Bedenken da: Ob man sich auch noch mag, wenn man so viele Stunden in der Woche miteinander verbringt. Er hat sich vorgestellt, wie das so ist, während der Fahrt. Ob man sich irgendwann peinlich anschweigt, oder furchtbar genervt ist vom Gerede der Mitfahrer. „Man muss sich schon mögen, sonst funktioniert das nicht“, sagt Herda. Auch einfach deshalb, weil man demjenigen Vertrauen muss, der gerade am Steuer ist. Sonst wird die eigentlich entspannte Mitreise zu einem Nervenkrieg. Dank einer guten Konstellation im Wagen ist es bei dem Trio aus der Bürostadt das Gegenteil: Manchmal schweigen sie einvernehmlich die ganze Fahrt, mal verzieht sich einer gerne auf den Rücksitz um zu Schlafen oder seinen Gedanken nachzuhängen.

Mitfahren ist Erholung

An rund 80 Tagen im Jahr spart Wolfgang Herda mit der Fahrgemeinschaft Geld und Nerven. Der 55-Jährige merkt den Unterschied sofort. „Wenn ich nach Hause komme und mitgefahren bin, hatte ich auf dem Weg bereits meine erste Erholungsphase“, sagt er. So brauche er keine Regenerationsphase mehr. Anders ist es, wenn er alleine fahren muss. Dann ist er oft müde, erschöpft, kämpft mit Kreislaufproblemen. Denn, wer selbst am Steuer sitzt, muss sich konzentrieren. Experten vom TÜV Süd sehen deshalb vor allem die Heimfahrt als gefährlich an. Dann ist man müde und kaputt und vor allem weniger aufmerksam.

Müdigkeit kann tödlich sein

Bei jedem vierten tödlichen Verkehrsunfall in Deutschland ist laut einer Studie des ADAC Müdigkeit verantwortlich. „Es ist auch einfach sicherer, mit einem Beifahrer“, findet Herda. Gerade bei schlechter Sicht oder viel Verkehr kann der Beifahrer als „Co-Pilot“ mitschauen und im Zweifel auch warnen. Die Option, nach Frankfurt zu ziehen, gibt es nicht. Seine Frau arbeitet noch weiter im Norden Hessens. Der Lahn-Dill-Kreis, zwischen Wetzlar und Gießen, ist so etwas wie die „goldene Mitte“ für das Ehepaar.

Für Herda und seine zwei Wegbegleiter könnte das ewig so weiter gehen und er ist überzeugt: Es werden sich in den nächsten Jahren immer mehr Menschen zu Fahrgemeinschaften zusammenfinden. So wird dann irgendwann aus der Not eine Tugend.



 
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