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Verbrechen: Fall Johanna: "Der Mörder war keiner von uns"

Von Vor 18 Jahren wurde in Bobenhausen ein Kind geraubt. 18 Jahre lang stand die Frage im Raum, ob unter den Bewohnern des Ortes der Mörder von Johanna Bohnacker lebt. Als niemand mehr damit rechnete, wurde ein Verdächtiger gefasst. Es war kein Nachbar. Das ist eine Erleichterung, sagen die Bobenhäuser. Aber die Tat hat Spuren hinterlassen.
Ortsvorsteher Armin Dechert: „Das Misstrauen war wie eine Wand.“ Johanna spielte mit seiner Tochter im Sandkasten. Ortsvorsteher Armin Dechert: „Das Misstrauen war wie eine Wand.“ Johanna spielte mit seiner Tochter im Sandkasten.

Es gibt viele Narben im Gedächtnis eines jeden Dorfes. Unglücke oder Fehden. Dinge, über die man leise spricht oder gar nicht. Im kollektiven Gedächtnis von Bobenhausen pocht die Erinnerung an das Verschwinden von Johanna Bohnacker. Heute wäre sie 26 Jahre alt. Von jetzt auf gleich war sie weg, an einem Donnerstag, Spätsommer 1999, der 2. September. Temperaturen um die 23 Grad. Johanna ist spielen mit zwei Schulkameradinnen im Nachbardorf, denken die Eltern. Zuletzt gesehen wurde sie um 17 Uhr 20. Sie hat langes, dickes blondes Haar und trägt ein pink-weißes T-Shirt, darauf die Freunde Micky und Minnie Maus und Donald Duck. Um 17 Uhr 35 wird ihr Fahrrad an einer Holzbank gefunden. Keine 200 Meter weiter wird gleich ein Fußballspiel auf dem Sportplatz angepfiffen. Das Fahrrad ist orange. Neben der Bank führt eine Brücke über den Laisbach, im Sommer vielleicht ein Meter breit. Es sind diese Minuten, die alles verändern in Bobenhausen.

Bobenhausen ist ein Ortsteil von Ranstadt. Hier leben 500 Menschen am Rand des Vogelsbergs im Wetteraukreis. Dahinter liegt Hessisch Sibirien, scherzen die Bobenhäuser. Bis Frankfurt ist es mit dem Auto eine gute Stunde. Gäbe es in Ranstadt keinen Bahnhof, wäre man hier völlig abgeschlagen. Seit März 2017 gibt es einen Funkmast von Vodafone. 52 Meter hoch, macht schnellste LTE-Übertragung möglich. Zu seiner Inbetriebnahme kommt die Bundestagsabgeordnete. Die Bürgermeisterin sagt, die Mobilfunkversorgung sei wichtig für die Rettungskette. Wenn mal etwas passiert, zum Beispiel im Wald.

Die Suche beginnt

„Es traf uns mit voller Wucht“, sagt Armin Dechert. Ein Polizeiauto habe er gesehen, vor dem Haus der Bohnackers, Frankfurter Straße 13 bis 15. Dechert, heute 61 Jahre alt, Ortsvorsteher, Mitglied im Männergesangsverein. Am 2. September 1999 kommt er vom Sportplatz nach Hause, er wohnt schräg gegenüber von Johannas Familie. Auf dem Platz hat sein Verein, der KSV Bobenhausen, gegen die SG Steinberg/Glashütten im Pokal verloren. Das ist so lange her. Dechert ist damals Pressewart vom KSV, er setzt sich hin und schreibt den Spielbericht für den Kreis-Anzeiger. Ein Polizeiauto bei Bohnackers, er denkt sich nichts dabei. Kurz danach heult die Feuerwehrsirene. Die Suche beginnt.

„Es ist wie mit dem 11. September 2001“, sagt Kerstin Schmieder. Sie ist heute wie damals bei der Freiwilligen Feuerwehr Bobenhausen. „Jeder von uns weiß noch, was er am 2. September 1999 gemacht hat, als die Nachricht von Johannas Verschwinden durchs Dorf ging.“ Suchtrupps finden sich zusammen. Nachbarn, Bekannte, alle machen mit. Es wird Abend, sie sind zuversichtlich. Schmieder macht sich wenig Gedanken: „Im Einsatz funktioniert man einfach.“ Auch in Südtirol läuft die Nachricht im Fernsehen: In Bobenhausen, Hessen, werde ein Kind gesucht. Dort macht Regine Jünger Urlaub, sie ist unterwegs auf dem Klettersteig. Die Dorfpfarrerin. Sie setzt sich am nächsten Tag ins Auto. Sie will da sein, wenn man sie braucht.

Das Grab von Johanna Bohnacker auf dem Friedhof in Bobenhausen. Bild-Zoom
Das Grab von Johanna Bohnacker auf dem Friedhof in Bobenhausen.

Erst später sei die Angst gekommen, am nächsten und übernächsten Tag, sagt Kerstin Schmieder. Unbehagen macht sich unter den Suchenden breit. Die Angst, Johanna tot zu finden. Stunde für Stunde verging, nichts, keine Spur. Angst vor dem Anblick. Dann, als der Einsatz beendet ist, die Angst, dass sie doch noch gefunden wird an einem Ort, an dem man selbst für die Suche verantwortlich war, sagt Schmieder. Das sei für sie nachher fast am schlimmsten gewesen. Vielleicht einen Fehler gemacht zu haben. „Ich wollte sie doch finden, aber lebend“, sagt Schmieder.

Belagerung durch Medien

Zwei Hundertschaften von der Polizei sind beteiligt, ihr Basislager ist am Sportplatz, wenige Meter von der Bank entfernt, wo Johannas Fahrrad gefunden wurde. Hier vor dem Sportplatz hat ein Zeuge auch einen braunen VW Jetta auf dem Fahrradweg gesehen, von hinten seitlich einen Mann mit Pferdeschwanz, ortsfremd, Bad Homburger Kennzeichen. Rettungshubschrauber fliegen mit Wärmebildkameras über das Laisbachtal. Die Fischteiche entlang der Straße nach Schwickartshausen werden von Tauchern durchsucht. Ausnahmezustand, sagt Armin Dechert. Das ganze Dorf war auf den Beinen, sagt Regine Jünger. Tagelang Belagerung durch Kamerateams, Fotografen, Reporter.

Es gibt ein Foto von dem T-Shirt. Aufgenommen, nachdem das Skelett des Kindes acht Monate später gefunden worden war. Der Waldboden nahe der Raststätte Berfa an der Autobahn Frankfurt-Kassel wurde von Wildschweinen durchpflügt. Das ist 99 Kilometer von Bobenhausen entfernt, Fahrtzeit etwa eine Stunde. Ein Spaziergänger hatte einen Schädel gefunden. Auf dem Bild sieht man den Stoff der T-Shirt-Rückenseite. Micky, Minnie und Donald von hinten. Micky hat den Arm um Minnie gelegt. Das T-Shirt hat fransige Löcher, eingerissen und verdreckt. Als Johanna gefunden wird, ruft ihre Mutter nachts bei Regine Jünger an.

Im evangelischen Pfarramt von Schwickartshausen, Bornweg 2a, steht im Arbeitszimmer von Regine Jünger eine Gitarre neben einer Sitzgruppe. Auf dem Sofatisch steht eine Box mit Taschentüchern. Jünger ist seit 1994 im Amt. Als Johanna verschwand, war sie 34 Jahre alt. Heute denkt sie, sie sei ja noch ziemlich jung gewesen für die Aufgabe, in so einem Fall Hoffnung zu spenden.

Eine Kerze auf dem Altar

Was war denn mit Ihrer Hoffnung, Frau Jünger? Sie fragt zurück: „Mit meiner persönlichen?“ Sie denkt nach. Dann sagt sie leise: „Ich habe nicht viel Hoffnung gehabt, dass Johanna lebt.“ Sie erinnert sich. Während die Suche läuft, geht sie zum Haus der Bohnackers. Sie klingelt am Gartentor, eine Treppe führt hoch zum Haus. Oben in der Tür steht der Vater. Er kennt die Pfarrerin nicht. Sie stellt sich vor. Er ruft: „Und Sie wollen uns jetzt sagen, dass Johanna im Himmel ist, oder was?“ Sie sagt: „Es geht mir um die Hölle, in der Sie jetzt sind.“

Entsetzt, das Dorf, die Menschen, das Leben ist durcheinander. Auf dem Altar in der Kirche brennt eine Kerze für Johanna. Kriminalpolizisten kommen ins Haus von Armin Dechert. Sie trennen die Familie. Er wird im Wohnzimmer befragt. Seine Frau und seine Tochter, Laura, in der Küche. Dechert sagt: „Sie sind in jedem Haus gewesen. Das haben sie überall gemacht.“ Wo er gewesen sei, wie gut er die Bohnackers kenne. Johanna hat mit Laura ab und zu im Sandkasten auf dem Hof der Decherts gespielt. Laura ist zehn Monate älter. Heute sagt sie: „Das hat meine Vorstellungskraft gesprengt. Sie war weg. Was damit verbunden war, habe ich nicht verstanden.“ Johanna sei so fröhlich gewesen. Viele Erinnerungen an sie habe sie nicht. Aber sie weiß noch, wie Reporter vor der Schule standen. Bis auf den Schulhof sind sie den Kindern gefolgt. „Die haben uns Kinder tatsächlich gefragt, ob wir jetzt Angst haben.“

Hier, mitten im Dorf, stand das Wohnhaus der Familie Bohnacker. Die Familie zog weg, nachdem Johannas Leiche gefunden worden war. Das Haus verfiel. Es wurde 2014 abgerissen. Bild-Zoom
Hier, mitten im Dorf, stand das Wohnhaus der Familie Bohnacker. Die Familie zog weg, nachdem Johannas Leiche gefunden worden war. Das Haus verfiel. Es wurde 2014 abgerissen.

Ein Kind ist verschwunden. Eine Leiche wurde gefunden. Und die Bild-Zeitung fragt: „War der Nachbar der Mörder?“ Es war ohnehin schlimm. Das Verbrechen löst ja Fantasien aus, Gedanken. Wie lange hat Johanna noch gelebt? Wie ist sie gestorben? Am Fundort der Leiche wurde Klebeband gefunden. Klebeband braucht man zum Fesseln. Man fesselt jemanden, damit er sich nicht wehrt.

Eltern lassen ihre Kinder die paar Meter nicht mehr alleine zur Bushaltestelle gehen, damals Linie 18, nach Ranstadt zur Schule. Misstrauen sickert in das Fundament des Dorfes. Die Gespräche verändern sich. „Da war plötzlich eine Wand“, sagt Armin Dechert. Er wollte es nicht glauben. Das kann keiner von uns gewesen sein. „Ich wüsste bis heute nicht, wen ich aus dem Dorf hätte verdächtigen können.“ Aber das Misstrauen, das ist da. Es steht zwischen den Menschen. „War es am Ende einer, mit dem ich zusammen Bier trinke?“ Die Polizei spricht von Ortskenntnissen, die der oder die Täter hätten haben müssen. Es wird spekuliert, er müsse Helfer gehabt haben. Die Rede ist von einer Frau.

Die Pfarrerin versucht, die Bobenhäuser aufzufangen. Bei der Reihenuntersuchung im Gemeindehaus lassen die Männer freiwillig Fingerabdrücke abnehmen. Einer kommt aus der Tür und hält Regine Jünger die Finger mit der Farbe hin: „Jetzt bin ich angeschwärzt.“ Ein anderer ist völlig durcheinander und sagt, er wisse selber nicht mehr, ob er nicht was damit zu tun habe. Die Pfarrerin macht Hausbesuche. Ein Mädchen fragt: „Und wenn es mein Vater war?“

Und was ist, denkt Regine Jünger, wenn jemand beichten will. Was, wenn sich ihr gegenüber jemand erleichtern will? Es gilt das Beichtgeheimnis. Und was, wenn klar wird, dieser oder jener war’s? Was macht das Dorf? Regine Jünger denkt über einen Schutzort nach. Für den Fall, dass die Situation eskaliert und der Täter vor hochkochenden Rachehandlungen bewahrt werden muss. „Wo kann ich eine Tür abschließen, wenn es ernst wird?“

Es bleiben nur Mauerreste

Johanna, immer wieder. Vieles bleibt unausgesprochen. Das Verhältnis zu Johannas Eltern ist anders, als man auf einem Dorf vermuten würde. Es sind irgendwie doch Zugezogene – auch wenn Johanna hier aufgewachsen ist. Der Vater handelt mit Trödel. Er trägt einen Pferdeschwanz. Das Dorf hat seinen eigenen Blick auf die Bohnackers. Umständlich sagen die Bobenhäuser: Die Familie war nicht so integriert. Zu den Bohnackers geht keiner, um mit ihnen zu trauern, wie es unter Nachbarn üblich ist. Sie suchen keine Nähe, eher im Gegenteil. Sie verlassen Bobenhausen noch in dem Jahr, in dem die Leiche gefunden wurde.

Schock ja, Fragen auch, warum bei uns, warum in Bobenhausen. Aber Trauer? „Nein, Trauer war das nicht“, sagt Regine Jünger, „es war viel Betroffenheit da.“ Und da ist Wut, auf den Täter. Entrüstung wegen der Verdächtigungen. In Wellen schwemmen Medien die Öffentlichkeit ins Dorf. Es kommen Jahrestage. 2002 die Reihenuntersuchung, Hunderte Männer geben Fingerabdrücke ab, 2005 eine weitere Testreihe, 2007 werden die Jetta-Fahrer aus Bad Homburg überprüft, 2014 ein Beitrag bei „Akte XY ungelöst“. Die Polizei lässt ein großes Plakat am Dorfeingang aufstellen. Manche im Ort schauen immer erst aus dem Fenster, ob die Kameras weg sind, bevor sie das Haus verlassen. Andere suchen regelrecht das Scheinwerferlicht. Alle wissen, Johanna, ja, jetzt ist wieder was.

Pfarrerin Regine Jünger: „Ein Mädchen hat gefragt: Und wenn es mein Vater war?“ Bild-Zoom
Pfarrerin Regine Jünger: „Ein Mädchen hat gefragt: Und wenn es mein Vater war?“

Und während die Zeit vergeht, verfällt das Haus. Der Garten wuchert, das Dach ist undicht, wer will auch einziehen in so ein Haus, mit dieser Geschichte. Frankfurter Straße 13 bis 15, mitten im Ort. Die Dachpfannen fallen runter. Auf der Treppe, vom Törchen bis hoch zur Haustür, wächst das Unkraut. Die Bobenhäuser wollen ihr Dorf erneuern. Für die Großgemeinde Ranstadt soll es Fördermittel geben im Rahmen eines Landeskonzepts zur Dorfentwicklung. Die ländlichen Orte sollen gestärkt werden, heißt es, in Anpassung an den demografischen und sozioökonomischen Wandel. Wandel, das heißt in Bobenhausen, wenn auf dem Friedhof ein Grab hinzukommt, steht das nächste Haus leer. Bobenhausen soll attraktiver werden. Auf einer Gemeindeveranstaltung im November 2014 wird eine Präsentation gezeigt. Auf Seite zwei steht „Positive Entwicklungen“. Ein Mobilfunkturm von Vodafone soll kommen. Und der „Schandfleck“ wird entfernt. Schandfleck, das ist die Frankfurter Straße 13 bis 15. Die Seite drei der Präsentation zeigt ein Foto.

Heute ist das Haus verschwunden. Auf dem Grundstück sind noch Mauerreste, die Treppe ist noch da, Sträucher wachsen wild. Johanna ist auf dem Friedhof begraben, der oben auf dem Hang liegt. Von hier aus sieht man das Dorf im Laisbachtal liegen, sanft steigen die Hügel auf der anderen Seite auf. Auf den Wiesen Obstbäume und Kühe, die Straße nach Ortenberg führt in einem langen Bogen zum Waldrand. Aus dem Wald ragt der Mobilfunkturm. Verlassen sieht das Grab aus. Die Fassung der Betonplatten sitzt nicht mehr richtig. Ein kleiner blauer Spielzeug-Frosch mit schwarzen Punkten hockt im Kies. Die Eltern haben damals einen weißen Sarg ausgesucht. Er sollte der Körpergröße von Johanna entsprechen. Auf dem Grabstein ist ein Engel, der zum Himmel schaut. Auf der Eisenplatte ist ihr Name eingraviert und das Geburtsdatum, 17. August 1991.

Vor 18 Jahren, am 2. September 1999, wurde dem Ort Bobenhausen ein Kind geraubt. Heute ist wohl klar, dass es noch am selben Tag gestorben ist. 18 Jahre lang stand die Frage im Raum, ob unter den Männern des Dorfes Johannas Mörder sei. Als niemand mehr damit rechnete, wurde ein Verdächtiger gefasst, 25. Oktober 2017. Es war kein Vater, kein Nachbar, keiner, mit dem man ein Bier trinken war. Das macht es leichter. Ein wenig.

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