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Bürger sind alamiert: Feinstaubmesswerte in Raunheim sollen exorbitant hoch sein

Von Atmen Bewohner rund um den Flughafen jedes Jahr das Zigfache der Silvesterbelastung an Ultrafeinstaub ein? Ja, sagen Experten der Initiative gegen Fluglärm in Mainz, und berufen sich auf Messungen des Landes Hessen: Die Werte seien exorbitant hoch, hier sei „Gefahr in Verzug“.
Fluglärmopfer in der Einflugschneise Foto: Boris Roessler (dpa) Ultrafeine Partikel entstehen bei Verbrennungsprozessen im Verkehr und in der Industrie, aber auch in Triebwerken von Flugzeugen.
Mainz/Raunheim. 

Es war kurz vor Silvester, als Experten des Umweltbundesamtes vor wahren Feinstaub-Exzessen warnten: Ausgelöst durch Silvesterfeuerwerk würden rund 4000 Tonnen giftigen Feinstaubs freigesetzt, das seien 15 Prozent der Menge, die Autos und Lkw im ganzen Jahr erzeugen, warnten die Experten. „In Raunheim“, sagt Wolfgang Schwämmlein, „haben die Bewohner praktisch jeden zweiten Tag Silvester – und zwar in dreifacher Höhe und über Stunden hinweg.“

In Raunheim steht die Messstation des Hessischen Landesamtes für Umwelt, hier wird seit Herbst 2015 nicht nur Feinstaub gemessen, sondern auch Ultrafeinstaub: ultrafeine Partikel, die kleiner als 100 Nanometer sind. Ultrafeine Partikel entstehen primär bei Verbrennungsprozessen im Verkehr und in der Industrie, aber auch in Triebwerken von Flugzeugen, und was hier heraus kommt, ist tausendmal kleiner als „normaler“ Feinstaub.

Ultraleichte Teilchen

Weil die Staubteilchen auch ultraleicht sind, bleiben sie schwebend in der Luft – und können vom Menschen eingeatmet werden. Wegen ihres fehlenden Gewichts werden ultrafeine Partikel gezählt, einen Grenzwert für sie gibt es nicht. Ein regulärer Wert etwa durch Straßenverkehr liegt bei 10 000 Partikel pro Kubikzentimeter Luft.

„Während des Landeanflugs über Raunheim lagen die hier gemessenen Konzentrationen an ultrafeinen Partikeln im Jahr 2017 selten unter 20 000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft, in Hochzeiten waren es sogar über 145 000 Partikel“, sagt Joachim Alt.

Alt ist gelernter Nachrichtentechniker, gemeinsam mit Schwämmlein maß er bereits im Herbst 2015 deutlich erhöhte Konzentrationen von Ultrafeinstäuben rund um den Frankfurter Flughafen.

Schwämmlein ist Diplom-Ingenieur und Werkstoffwissenschaftler, war lange in der Auftragsforschung tätig, unter anderem bei Asbeststudien für das Umweltbundesamt.

Nun haben die beiden Experten der Mainzer Initiative für Fluglärm die Messdaten aus Raunheim für das Jahr 2017 unter die Lupe genommen, detailliert und im Fünf-Sekunden-Protokoll. Die Ergebnisse schockierten sie: „Die Werte sind hoch erschreckend, da ist Gefahr im Verzuge“, warnt Alt: „Wir erreichen hier an ganz normalen Flugtagen Werte, die zweifach oder dreifach über der Silvesterbelastung liegen, und zwar über viele Stunden hinweg.“

Offizielle Messkurven

Zwischen 20 000 und 100 000 Partikel seien hier an der Tagesordnung, sagt Alt, das zeigten die offiziellen Messkurven. Zum Vergleich: In der ersten halben Stunde nach Silvester 2016/2017 registrierten die Messgeräte in Raunheim einen Mittelwert von rund 46 000 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. 568 Mal sei dieser Silvesterwert im Laufe des Jahres 2017 in Raunheim überschritten worden – und einzelne Spitzenwerte reichten sogar bis zu 500 000 Partikel, sagt Alt: „Ich bin sicher, wenn Menschen das einatmen, dass das gesundheitliche Folgen hat.“ Bereits ein einzelnes Partikel könne Auslöser von schwersten Krankheiten sein, „bei 500 000 Partikeln hat der Organismus sofort Stress“, sagt Alt.

Wissenschaftler bestätigen das: „Erhöhte Konzentrationen von ultrafeinen Partikeln, etwa im dichten Straßenverkehr, führten bereits nach fünf Minuten bei den Probanden zu einer veränderten Herzvariabilität“, schreibt Annette Peters, Leiterin des Forschungsbereichs Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum in München in einer Studie im Jahr 2015.

Feinstaub dringt in Bronchien und Lungenbläschen ein, Ultrafeinstaub hingegen gelangt sogar bis ins Lungengewebe und in den Blutkreislauf, weiß man auch beim Umweltbundesamt. Die Folgen: Schleimhautreizungen, lokale Entzündungen in der Luftröhre, den Bronchien oder den Lungen und sogar Herzinfarkt durch Arterienverstopfung.

Direkt am Hallenbad

Doch wieso sollte der Flugverkehr die Ursache für die Raunheimer Werte sein? Die Messstation liegt direkt am Hallenbad, in 400 Metern Höhe überqueren hier die Flieger beim Landeanflug den Ort. „Das ist eine schlichte Wohngegend mit wenig Anwohnerverkehr“, sagt Schwämmlein: „Es gibt hier keinen anderen Verursacher, der morgens um 5 Uhr den Betrieb aufnimmt.“

Denn morgens, mit Beginn des Flugbetriebs „gehen die Werte schlagartig hoch, mit Drehung der Abflugrichtung sinken sie sofort“, sagt Alt. Und die Belastung halte genau während der neunzehn Stunden währenden Betriebszeit auf dem Flughafen an. „Es gibt immer eine deutliche Korrelation zum Flugbetrieb“, ergänzt Schwämmlein.

Die Politik dürfe das Problem nicht länger herunterspielen, fordern sie, die Menschen in den Einflugschneisen des Flughafens müssten aufgeklärt, Mediziner über die Werte informiert werden, weitere Untersuchungen sollten folgen.

Das Landesumweltamt Hessen spricht hingegen von einem Mittelwert von 16 700 Partikeln pro Kubikzentimeter Luft. „Das Landesamt für Umwelt bildet Jahresmittelwerte“, sagt Schwämmlein, dabei würden Tage mit Flugbelastung und Tage ohne Flugbelastung einfach gegengerechnet. „Die Konsequenzen für den Menschen aber liegen im Minutenbereich“, sagt er, „was macht dann ein Jahresmittelwert für einen Sinn?“ Wenn Behörden schon vor Belastungen von 46 000 Partikeln warnten, dann seien Messwerte von 100 000 Partikeln „eine Riesendimension“, sagt Schwämmlein: „Das muss zum sofortigen Handeln zwingen.“

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