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Fest im Herzen

Von Barbara und Mario Martin haben ihre drei Kinder früh verloren. Sie kamen tot zur Welt oder sind kurz nach der Geburt gestorben. Für einen würdevollen Umgang mit ihren und allen anderen Sternenkindern haben sie gekämpft und eine Gesetzesänderung erreicht. Darüber haben sie ein Buch geschrieben und verfolgen neue Ziele.
Pro Jahr gibt es in Deutschland 3000 Totgeburten. Seit Mai vergangenen Jahres haben sie auch ein Recht auf eine letzte Ruhestätte. Fotos: dpa/Verlag
Brechen-Niederbrechen. 

Es hat sich viel geändert. In der Wohnung ist überall Kinderspielzeug verteilt. Fahrzeuge für den Fußantrieb zum Beispiel, Sachen zum Bauen. Das Leben von Barbara und Mario Martin hat einen neuen Mittelpunkt. „TJ“ ist die Abkürzung für den Namen des Erdenbürgers, der im Herbst 2012 zur Welt kam. Das Ehepaar aus Niederbrechen bei Limburg nahm den Neugeborenen gleich nach der Geburt in seine Obhut, inzwischen ist „TJ“ adoptiert.

Wenn der Zweijährige mit seinen Geschwistern Joseph-Lennard, Tamino Federico oder Penelope Wolke spielen könnte, dann ginge es in der Wohnung im ersten Stock drunter und drüber und zu eng wäre es wahrscheinlich auch. Doch gemeinsames Spielen geht nicht. Die Geschwister sind Sternenkinder, Totgeburten. Es gibt mehr als elterliche Erinnerungen an sie. Ein Grab auf dem Friedhof neben der Kirche, in dem die drei einen Platz gefunden haben. Es gibt Erinnerungen in der Wohnung und es gibt einen erfolgreichen Kampf von Barbara und Mario Martin für die Anerkennung von Sternenkindern, für einen menschlichen Umgang mit Totgeborenen, die nicht ins Personenstandsregister eingetragen wurden, die kein Recht auf eine letzte Ruhestätte hatten, die ausradiert wurden. Ausschabung, Abort und dann hygienisch einwandfrei entsorgt.

 

Weigerung des Staates

 

Das hat sich geändert. Nach dem alten Gesetz wurde nur eines des drei Sternenkinder des Ehepaars ins Personenstandsregister eingetragen, nach dem Gesetz hat es nur ein Kind gegeben, das die Grenze von 500 Gramm überschritt und nur wenige Minuten lebte, Penelope-Wolke. Die zwei Geschwister waren zu leicht. Dem Schicksal, die Kinder zu verlieren, folgte noch die Weigerung des Staates, die Kinder anzuerkennen, sie als Menschen zur Kenntnis zu nehmen.

Seit Mai vergangenen Jahres ist das anders. Da trat die Änderung des Personenstandsgesetzes in Kraft. Erreicht haben es Barbara und Mario Martin und ihre 40000 Unterstützer, die ihre Petition an den Bundestag unterzeichneten. Nun haben die Eltern von Sternenkindern unabhängig von dem Gewicht das Recht, das Kind registrieren zu lassen und ihm einen Namen zu geben. Verbunden mit dem Recht auf Registrierung ist auch die Möglichkeit für ein eigenes Grab und eine eigene Bestattung. Die Kliniken, in denen Frauen entbinden und Kinder geboren werden, sind verpflichtet, jedes noch so kleine tot geborene Kind als Person zu behandeln und die Eltern über ihre Rechte aufzuklären.

Das ist zwar Gesetz, aber keineswegs schon überall der Fall: „Wenn wir mit dem Personal in den Kliniken sprechen, dann gibt es noch viel Unkenntnis, das ist da zum Teil noch gar nicht angekommen“, sagt Barbara Martin. Die betroffenen Eltern hingegen haben sehnsüchtig auf die Gesetzesänderung gewartet, die auch eine nachträgliche Anerkennung von Totgeburten ermöglicht. „An dem Tag, an dem das Gesetz in Kraft trat, haben wir rund 3000 bis 3500 E-Mails von Eltern bekommen, die den Eintrag nachträglich machen lassen wollten“, sagt Mario Martin.

Und dann stießen sie auf Ablehnung, auf Unkenntnis, auf fehlende Updates von Ausführungsverordnungen und an was es sonst noch so alles liegt, wenn oben etwas entschieden und beschlossen wird, aber nicht unten ankommt.

„Die Sterneneltern haben sich gefreut und dann haben sie das Nein von den Ämtern und Kliniken gehört. Damit haben viele nicht gerechnet, damit waren viele überfordert“, erzählt Mario Martin. Und das Ehepaar selbst hat „Sorgentelefon“ betrieben und irgendwann für kurze Zeit den Mailzugang gesperrt. Das war alles nicht mehr zu leisten.

 

Mit vielen geteilt

 

Das Ehepaar hat seine Geschichte, die sie mit vielen anderen Müttern und Vätern teilt, in Deutschland gibt es pro Jahr etwa 3000 solcher Totgeburten und die Homepage der Martins und ihrer Sternenkinder wurde über 940 000 Mal besucht, in einem Buch zusammengefasst. „Fest im Herzen lebt ihr weiter“ ist der Titel. Fest im Herzen leben nicht nur die drei Kinder der Martins weiter, 1400 Namen von kleinen Menschen, die es nach dem alten Gesetz gar nicht gegeben hätte, haben Platz in dem Buch gefunden. Und neben den Erfahrungen, die Mario und Barbara Martin mitteilen, gibt es auch einen Ratgeber für Eltern von Totgeburten, die nicht wissen, welche Rechte sie haben, was sie nun tun können, wie sie Hilfe in ihrer Trauer erhalten. Und sie wollen mit ihrem Buch auch um Verständnis bei denen werben, denen das Schicksal von totgeborenen Kindern erspart bleibt.

Das Leben der Martins hat sie verändert. Nicht nur wegen „TJ“. Sie haben Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Ziele erläutert, sind zu Gast bei Bundespräsident Joachim Gauck gewesen, lächeln mit Peter Maffay in die Kamera, bekommen Anfragen von Fernsehsendern, die sie annehmen oder auch ablehnen, und stehen öffentlich Rede und Antwort.

Ihr Ziel haben sie dabei nie aus den Augen verloren. Ein Ziel haben sie mit der Änderung des Personenstandsgesetzes erreicht, das nächste Ziel haben sie vor Augen.

„Es geht um die Änderung des Mutterschutzes“, sagt Barbara Martin. Einer Mutter, die ein Kind mit einem Gewicht von unter 500 Gramm tot zur Welt bringt, wird kein Mutterschutz gewährt. „Zwei Tage nach der Frühgeburt müssen sie wieder zur Arbeit oder sich krankschreiben lassen. Wie soll da Trauerarbeit möglich sein? Wir wollen ein Recht daraus machen, dass Frauen Mutterschutz für sich in Anspruch nehmen können, keine Pflicht“, sagt Barbara Martin. Das Gesetzgebungsverfahren läuft schon – ohne Petition.

 

Die Haltung der Kirche

 

Und dann gibt es da noch einen Punkt, der nach Auffassung des Ehepaares geklärt werden müsste. Die Haltung der Kirche. Für die Martins geht es dabei vor allem um die katholische Kirche. Auch wenn eine Taufe von totgeborenen Kindern nicht möglich ist, sollte es nach Einschätzung von Barbara und Mario Martin eine spezielle Segnung geben, die der Taufe nahe kommt. Die Ethikkommission der Deutschen Bischofskonferenz wollte sich mit dem Thema befassen. Dabei sei es bisher geblieben, erzählen sie.

Das Buch „Fest im Herzen lebt ihr weiter“ ist im Adeo-Verlag erschienen.

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