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Niederurseler Landwirt: Frankfurts neuer Stadtteil: Hühnerhof in der Bredouille

Von Der geplante neue Frankfurter Stadtteil würde nicht nur gravierend in das Landschaftsbild der Region eingreifen. Auch etliche Landwirte wären davon betroffen. Manche von ihnen bangen sogar um ihre Zukunft.
07.09.2017. Betroffene Landwirte Foto: Leonhard Hamerski Mitarbeiterin Jessica Wratzlawek kontrolliert mit scharfem Auge die Eierproduktion im Hühnerhof in Niederursel. Zwischen 28 000 und 30 000 Eier werden pro Tag in der Sortier- und Verpackungshalle abgefertigt.
Niederursel/Weißkirchen. 

Es ist ein ständiger Strom von Eiern, der über das Fließband in die Halle fließt. Dort werden die weißen und braunen Hühnerprodukte dann auf mögliche Beschädigungen kontrolliert, werden noch einmal auf Qualitätsmängel durchleuchtet und schließlich in Kartons verpackt. Ein effizienter Produktionsprozess in kühl-hochmodernem Ambiente, das eher an einen Industriebetrieb denn an einen Bauernhof erinnert.

Streitgespräch mit Mike Josef in Steinbach

Frankfurt schlägt bei seinem geplanten Stadtteilprojekt ein scharfer Wind aus dem Taunus entgegen. Nachdem Ende August bereits das Steinbacher Kommunalparlament einstimmig gegen eine Bebauung

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Zwischen 28 000 und 30 000 Eier werden pro Tag in der Sortier- und Verpackungshalle abgefertigt, bevor sie in die Regale verschiedener Supermärkte in der Umgebung wandern, die zu Martin Starks Kunden gehören. Eier aus Bodenhaltung aus regionaler Produktion ist das Geschäftsmodell, mit dem der Landwirt sich in den vergangenen Jahren im Rhein-Main-Gebiet einen festen Abnehmerkreis geschaffen hat. Und eigentlich könnte die Zukunft des 41-Jährigen ziemlich rosig aussehen, wenn es da nicht die Pläne Frankfurts gäbe, einen neuen Stadtteil zu bauen.

Metropole rückt heran

Wie sehr das Projekt Stark betrifft, wird deutlich, wenn man vor seinem Wohnhaus, einem hübschen Einfamilienhaus aus Klinkersteinen, steht. Dieses liegt auf einem zwei Hektar großen Anwesen zwischen Weißkirchen und Niederursel auf dem letzten Zipfel Frankfurts. Von dem etwas höher gelegenen Gelände schweift der Blick zur nahen Autobahn A 5. Dahinter erhebt sich wie die Phalanx einer heranrückenden feindlichen Armee ein Riegel weißer Häuser. Sie gehören zum Stadtteil Riedberg, der kaum 1500 Meter Luftlinie entfernt ist. Und möglicherweise schiebt sich die nahe Metropole in ein paar Jahren noch näher heran.

„Wir werden uns zu Wort melden“

Wer Richard Bickert in diesen Tagen auf seinem Hof in Weißkirchen besuchen will, trifft den 61-Jährigen meist bei seinem Maislabyrinth an.

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„85 Prozent unserer kompletten Flächen liegen im Baugebiet“, sagt Martin Stark, der sowohl östlich als auch westlich der A 5 Äcker bewirtschaftet, um Weizen, Mais und Gerste anzubauen, die er zur Fütterung seiner Tiere verwendet. Damit nicht genug. Er befürchtet zudem, der neue Stadtteil, für den es bisher noch keine ausgearbeiteten Pläne gibt, werde ihm so dicht auf die Pelle rücken, dass dies das Aus für seinen jetzigen Betrieb bedeutet.

„Dass die Hühnerhaltung stirbt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche“, ist er überzeugt. Zu nah wäre die Wohnbebauung an seinem Hof, als dass ein harmonisches Nebeneinander möglich wäre. Schließlich baut er keinen Salat und Radieschen an, sondern hat an die 35 000 Legehennen mit den entsprechenden geruchlichen Nebeneffekten, auch wenn die Tiere alle in Ställen untergebracht sind. Für den Bauern wäre dies gleich aus mehreren Gründen tragisch.

Bilderstrecke Neuer Frankfurter Stadtteil: Landwirte bangen um ihre Felder
Noch bestellen die Bauern Wolfgang Wentzell (von links), Richard Bickert, Florian Bickert und Niklas Sulzbach die Felder am nördlichen Rand Frankfurts.Die beiden Altbauern sorgen sich um die Zukunft ihrer Nachfolger.Jungbauer Florian Bickert (von Links) mit Hofhund Ronja und Vater Richard Bickert.

2004 ist der landwirtschaftliche Meister und Betriebswirt vom alten Hof östlich der Autobahn zum jetzigen Standort umgesiedelt, weil er sich vergrößern wollte. Seinen Geflügelbestand von anfangs 1000 Tieren vergrößerte er im Laufe der Jahre beträchtlich. Und aus einem Stall wurden im Laufe der Zeit vier. Hinzu kam eine Kotlagerhalle und im vergangenen Jahr die erwähnte Sortier- und Verpackungshalle. „Seit 2004 habe ich rund sieben Millionen Euro investiert. Das war für Generationen gedacht“, sagt der Vater eines zehnjährigen Sohnes.

Rock auf dem Burghof

Erschwerend hinzu kommt, dass es nicht das erste Mal wäre, dass seine Familie von Frankfurter Wohnprojekten in Mitleidenschaft gezogen wird. In den 1960er Jahren war der Großvater vom Bau der Nordweststadt betroffen. Sein Vater und er mussten Anfang des Jahrtausends zusammen mit anderen Betroffenen 1000 Hektar für den Riedberg opfern. Und nun wäre die dritte Generation Leidtragende des neuen Stadtteils. Zusammen mit zwei weiteren Landwirten in Niederursel sowie rund 15 Taunuskollegen. „Das ist ein Lebenswerk, an dem das Herzblut hängt“, sagt Stark.

Dennoch ist der 41-Jährige keiner, der den Kopf hängen lässt oder auf Konfrontationskurs geht. „Die Stadt muss und wird weiter wachsen.“ Und er habe keine Lust gegen Windmühlen zu kämpfen. „Wir müssen eine Lösung finden. Das geht nur mit der Stadt“, sagt Stark, den zugleich ärgert, dass zwar immer mehr nach regionalen Produkte verlangten aber keiner wolle, dass hier produziert wird.

Was seine Zukunft betrifft, so laute sein Motto: „Ruhe bewahren und ein Konzept entwickeln.“ Erste Grundzüge eines Plans B schimmern bereits durch. „Eventuell mache ich in Kunst und Kultur weiter“, sagt Stark, der neben der Eierproduktion seit längerem einen Rockschuppen betreibt, den .„Burghof Hühnerstall“. Dort treten regelmäßig regionale Bands auf. Und alle ein bis zwei Jahre organisiert er ein größeres Festival in der Maschinenhalle.Das nächste Konzert steht auch schon fest: Am 6. Oktober tritt die Wiesbadener Gruppe Mallet auf.

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