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NSU-Untersuchungssausschuss: Frau Temme: Von Anfang an von Telefonüberwachung gewusst

Von Nach dem Mord am Internetcafé-Besitzer Halit Yozgat wollten Verfassungsschützer den tatverdächtigen Kollegen im Amt halten.
Sitzung des hessischen NSU-Untersuchungsausschusses Foto: Andreas Arnold (dpa) Die Frau des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas Temme nimmt als Zeugin im NSU-Untersuchungsausschuss Platz.
Wiesbaden. 

Der beim Verfassungsschutz tätige Ehemann flirtet nach eigenen Angaben in einer Chat-Hotline – aus dem Kasseler Internetcafe, wo just um diese Zeit dessen Inhaber Halit Yozgat vom rechtsextremistischen NSU ermordet wird. Doch davon will der Beamte, Andreas Temme, nichts mitbekommen haben. Seine damals hochschwangere Frau glaubt ihrem Mann und steht zu ihm, wie sie zehn Jahre später am Montag im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags versichert. Dass kurz danach der gemeinsame Telefonanschluss des Ehepaars abgehört wurde, habe sie von Anfang an gewusst, schildert die heute 44-Jährige überraschend. Und der damalige Geheimschutzbeauftragte des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz gibt preis, dass er und ein Kollege trotz allem versucht haben, Temme in dem Amt zu halten: Die 42. Sitzung des Wiesbadener Ausschusses hat gestern einige neue Erkenntnisse gebracht.

Ob ihr in der fraglichen Zeit im April 2006 etwas Besonderes an ihrem Mann aufgefallen sei, fragt der Ausschussvorsitzende Hartmut Honka (CDU) Frau Temme. Nein, dazu sei sie in der Schwangerschaft auch viel zu sehr mit sich selbst und etwa dem Einrichten des Kinderzimmers beschäftigt gewesen, antwortet sie. Von dem Mord an Yozgat habe sie erstmals am Sonntag nach der Tat gehört, als ein örtliches Anzeigenblatt darüber berichtete. Zufällig seien sie und ihr Mann an dem Tag die Holländische Straße entlanggefahren, in der das Internetcafe liegt. Das kenne er, habe ihr Mann gestanden und es ihr im Vorbeifahren auch gezeigt. Er habe dienstlich dort zu tun gehabt. Erst nachdem Temme Tage später selbst unter Mordverdacht geriet, habe er ihr die Sache mit dem Flirtchat gestanden. Was sie dabei besonders störte: „Dass er immer mit der selben Frau chattete.“

Am meisten überrascht die Ausschussmitglieder aber, dass Frau Temme von Anfang an von der Telefonabhöraktion gewusst haben will. Es werde ihr wohl jemand von der Polizei gesagt haben, „von wem soll ich es denn sonst erfahren haben“, fragt sie zurück. Später schließt sie doch nicht mehr aus, dass sie oder ihr Mann von selbst darauf kamen. Jedenfalls habe sie einmal mit ihrer Freundin so lange über Kinder gesprochen, dass sie sich schließlich bei den mithörenden Beamten im Telefonat dafür entschuldigt habe, „dass es so langweilig ist“.

Doch einiges bleibt ungereimt in der Aussage der Frau. So beschreibt sie die Wohnungsdurchsuchung nach der Festnahme Temmes als nachlässig. Der Dachboden sei gar nicht einbezogen worden. Später berichtet sie, dass sie bei der Durchsuchung gar nicht anwesend war.

Der damalige Geheimschutzbeauftragte Gerold-Hasso Hess gibt zu, dass sein Mitarbeiter wenige Wochen nach der vorübergehenden Festnahme Temme die Wiedererteilung der ihm zuvor entzogenen „Sicherheitsermächtigung“ telefonisch angekündigt hatte. Doch danach habe der Verfassungsschutzchef entschieden, dass der Mitarbeiter das Amt verlassen müsse, so dass nichts daraus wurde.

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