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Gegen die Schnelllebigkeit

Geschäftiges Treiben, ein Hauch von ferner Welt – das ist der Frankfurter Flughafen. Der Bedarf an persönlicher Betreuung ist riesig, denn Schicksalsschläge erlebt hier täglich irgendjemand. Seelsorge übernehmen an diesem weltlichen Ort die Kirchen.
Frankfurt. 

Rund 150 000 Menschen kommen an einem durchschnittlichen Tag in den Frankfurter Flughafen, 75 000 Beschäftigte arbeiten dort. Zum Alltag an diesem besonderen Ort gehören auch kleine und große Katastrophen.

Als evangelische Pfarrerin steht Ulrike Johanns seit 15 Jahren Mitarbeitern und Reisenden zur Seite. Für die seelische Betreuung von Angehörigen bei Todesfällen ist sie ebenso zuständig wie für gestrandete Passagiere. Zu tun hat sie überall: Im Cockpit, beim Bodendienst im Lager oder in den Abflughallen spricht sie mit Menschen. "In einer Welt wie dem Flughafen geht es der Kirche auch darum, das Treiben zu unterbrechen, damit die Menschen ihre Gefühle und Hoffnungen äußern können", sagt Johanns.

Gott erfahrbar machen

Seelsorge ist laut Johannes Weuthen vom katholischen Bistum Limburg ein zentrales Element der Kirche: "Überall da, wo Menschen leben, steht die Kirche in der Aufgabe, im Leid zu trösten, Hunger zu stillen, Not zu lindern und den Glauben an Gott erfahrbar zu machen", sagt Weuthen. Das sei in einer Geschäftswelt wie dem Frankfurter Flughafen eine völlig andere Aufgabe als in der Gemeinde, weil keine kontinuierliche Betreuung möglich sei. Dennoch seien die Religionen in der Pflicht: "In einem so säkular geprägten Feld wie dem Frankfurter Flughafen, dem es um Pünktlichkeit, Schnelligkeit, Auslastung und Gewinnsteigerung geht, hat die Kirche die Stimme für die Überforderten, Hilflosen, Behinderten und Heimatlosen zu erheben", findet Weuthen.

Jeden Mittwochabend dreht der ehrenamtliche Seelsorger Oliver Winkler gemeinsam mit Vikar Benjamin Krieg und einer Kirchenbank eine Runde durch den Flughafen. Sich setzen, entspannen oder sich in eine intensive Diskussion verwickeln lassen, das ist ihr Angebot. "Über die Jahre habe ich den offenen Umgang mit Menschen gelernt und spüre, dass etwas von ihnen zurückkommt, das gibt ein enormes Zufriedenheitsgefühl", sagt der 44-Jährige. Immer wieder gerät er auch in belastende Situationen, vor allem im Kontakt mit psychisch kranken und suizidgefährdeten Personen. "Die Fälle begleiten mich schon. Irgendwann verlassen die Leute den Flughafen. Manchmal bekommen wir eine Rückmeldung, manchmal nicht. Aber die Gedanken ,Was ist aus dem geworden?’ bleiben", sagt Winkler.

In Erinnerung blieb dem Seelsorger ein Ehepaar, das nach Jahren ohne Kontakt seinen manisch-depressiven Sohn aus dem Ausland empfing. Die Eltern erbaten Beistand von der Seelsorge. "Noch bevor der Sohn landete, entwickelte sich ein intensives Gespräch, bei dem sich die Eltern spürbar entspannten", erzählt Winkler. Das Wiedersehen schließlich sei sehr herzlich verlaufen. "Das war ein bewegender Moment, aus dem ich mit einem guten Gefühl rausging", sagt der Ehrenamtliche.

Fraport stellt Gebetsräume

Als erster von zwölf deutschen Flughäfen integrierte Frankfurt 1969 die Kirche in seinen Betrieb. Heute stellt der Flughafenbetreiber Fraport Gebetsräume für Juden, Muslime und orthodoxe Christen zur Verfügung. Gemeinsam mit der evangelischen und katholischen Kirche wurde eine Kapelle errichtet. Fünf hauptamtliche Mitarbeiter der christlichen Kirchen und ein muslimischer Angestellter der Fraport übernehmen zusammen mit ehrenamtlichen Kräften die Betreuung.

"In dieser Vielfalt und Größe ist das Angebot des Frankfurter Flughafens einmalig", sagt Christian Meyer, Verantwortlicher der Fraport für interreligiöse und interkulturelle Angebote. Die Nachfrage nach religiöser Betreuung wachse stetig, betont er. "Die Menschen versuchen, sich in einer schnelllebigen Zeit und einer schnell getakteten Umwelt zu besinnen", erklärt Meyer.

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