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Soziales: Gemeinschaftlich unter einem Dach: Experten fordern mehr Unterstützung

Die Familie lebt weit weg, die Miete ist teuer und die Nachbarn grüßen nicht mal: Viele Menschen fühlen sich in Hessen an ihrem Wohnort einsam. Gemeinschaftliche Wohnprojekte setzen einen Gegentrend – und dieser boomt.
Gemeinschaftliche Wohnprojekte Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) Axel Flörke (60), Beate Fischer-Schlappa (64), Marischa Broermann (30), ihre zweijährige Tochter Juna, Heike Birkmeyer (64), Sabine Buhlert und Patricia Grove-Smith (68), von links nach rechts, sitzen im Cafe ihres neu errichteten Wohnkomplexes.
Darmstadt. 

Die junge Mutter Marischa Broermann trägt ihre zweijährige Tochter auf dem Arm und zeigt auf einen weitläufigen Raum zum großen Garten hin. „Dies ist unsere Sommerküche, da können wir dann Marmelade einkochen oder bei Festen Suppe kochen.“ Gleich daneben liegt ein Steinrondell – das „Amphitheater“ für Veranstaltungen, von ihrer Dachterrasse hat sie einen weiten Rundumblick über Darmstadt.

Durch die Sommerküche gelangt man zu den Gästezimmern, der Werkstatt, einem Baderaum und der Tiefgarage mit verschiedenen Fahrzeugen, auf die Broermann Zugriff hat. Auch für die kurzfristige Betreuung ihrer Tochter ist meist jemand zur Stelle.

50 Wohnungen

Wie die 30-jährige Erziehungswissenschaftlerin das geschafft hat? Sie teilt. Erst vor wenigen Tagen ist sie in das generationenübergreifende Wohn- und Lebensprojekt „Agora“ in Darmstadt eingezogen. Mit 90 Menschen in 50 Wohnungen ist es eines der größten gemeinschaftlichen Wohnprojekte in Hessen.

Broermann hat damit eine Wohnform gewählt, die nach Ansicht von Experten bundesweit immer mehr Anhänger findet. Ein Grund ist neben dem immer teurer werdenden Immobilienmarkt der Wunsch nach mehr sozialem Zusammenhalt. Prominentes Beispiel ist die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), die seit Jahren mit ihrem Mann im integrativen Wohnprojekt „Schammatdorf“ in Trier lebt.

„Es ist ein Gegenmodell zur wachsenden Anonymität in der Gesellschaft“, sagt die Sprecherin des Netzwerks für gemeinschaftliches Wohnen in Frankfurt, Birgit Kasper. Ihrer Erfahrung nach gibt es deutlich mehr Nachfragen als Angebote, Tendenz weiter steigend. Auch bei „Agora“ in Darmstadt sind alle Wohnungen vergeben und die Warteliste der Einziehwilligen ist lang. „Natürlich ist das kein Patentrezept für jeden“, sagt Kasper. Man müsse schon anderen Menschen zugewandt sein und eine gewisse „Herzensbildung“ haben.

Nach Expertenschätzung gibt es Hunderte von gemeinschaftlichen Wohnprojekten in Hessen – von dem Seniorenhaus bis zum mehrere Gebäude und Generationen übergreifenden Projekt.

Das hessische Sozialministerium misst den Formen gemeinschaftlichen Wohnens eine besondere Bedeutung zu: „Sie bieten gute Möglichkeiten, den Lebens- und Wohnvorstellungen vieler Menschen gerecht zu werden, nämlich, selbstständig zu leben, aber nicht allein, unabhängig zu sein, aber mit Verantwortung für andere und nur im Notfall, aber nicht „rundum“ versorgt zu sein“, teilt das Ministerium auf Anfrage mit. Mit mehr als einer Broschüre und einer Unterstützung der Fachstelle für Wohnberatung fördert das Ministerium diese Wohnformen in Hessen aber nicht.

Zu eng, zu spießig

„Zu eng, zu klassisch, zu spießig – wir wollten im Alter einfach nicht in der Kleinfamilie wohnen“, sagt die Psychologin und „Agora“-Mitbegründerin Beate Fischer-Schlappa (64). Die Idee zu „Agora“ sei vor 15 Jahren bei einem Treffen von Freunden entstanden.

Schnell sei klar gewesen, dass es ein größeres Projekt für Alle werden sollte: Heute sind die Wohnungen barrierefrei, es gibt einige Sozialwohnungen, einige speziell für Familien, ein öffentliches Lokal und Veranstaltungen von Tangomusik bis zum Flohmarkt für Kinderkleidung.

Die einzelnen Wohnungen sind kleiner als viele gewohnt sind, dafür wird Wohnraum geteilt. Wer was wann benutzt und macht wird auch per E-Mail-Verteiler und Gruppen im Handy-Nachrichtendienst WhatsApp organisiert.

Mindestens drei Jahre dauert es aus Expertensicht, bis ein Projekt in die Umsetzung kommt. Zuerst müsse sich die Gruppe finden, gemeinsame Ziele definieren, einen Platz finden und anfangen zu planen. „In dem Moment, in dem das Geld ins Spiel kommt, ist meist die Euphorie weg“, sagt die Sprecherin der Fachstelle für Wohnberatung, Claudia Ulrich. Viele würden die eigenen Finanzen überschätzen und übersehen, dass sie ja auch die Gemeinschaftsräume mitbezahlen müssen. Beim Einzug wird einmalig ein Pflichtteil von 250 Euro pro Quadratmeter fällig, monatlich beträgt das „Nutzungsentgelt“ 12 Euro pro Quadratmeter. Kommt jemand in Geldprobleme, werde auch mal mit anonymen Spenden geholfen.

Doch bei all dem Miteinander bleibt auch der gewöhnliche Nachbarschaftsstreit nicht aus. „Es muss schon eine gewisse Konfliktbereitschaft da sein, wenn man in so ein Projekt zieht“, sagt Ulrich.

Ob unterschiedliche Vorstellungen von der Gartengestaltung oder der Beteiligung an gemeinschaftlichen Aktivitäten – wo Menschen zusammenleben, gibt es verschiedene Meinungen. Bewohner in Darmstadt berichten beispielsweise augenzwinkernd von stundenlangen Versammlungen.

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