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Gift im Ort?

Seit zehn Jahren kämpfen die Bürger von Tiefenbach gegen die Firma Woolrec. Sie haben Angst um ihre Gesundheit. Das Regierungspräsidium Gießen sah lange keinen Anlass zu handeln. Doch jetzt hat das RP die Firma plötzlich geschlossen.
Frankfurt. 

Heinz Schulz ist wütend. Wenn der Ortsvorsteher von Braunfels-Tiefenbach auch nur das Wort Regierungspräsidium Gießen (RP) hört, kann er sich in Rage reden. "Wir vertrauen dem RP nicht mehr", sagt Schulz. Aus Sicht der Tiefenbacher wundert das nicht: Seit Jahren kämpft der kleine Ortsteil gegen die Firma Woolrec. Das Unternehmen recycelt krebserzeugende künstliche Mineralfasern, die etwa aus Abbruchhäusern stammen. Glasfaser- oder Steinwollabfälle werden mit Ton, Gelatine und Melasse vermengt und gepresst. Das soll die giftigen Fasern binden. Das Material kann dann zu einem Dämmstoff oder Ziegeln gebrannt werden.

Jetzt ist die Firma zu – vorerst geschlossen vom Regierungspräsidium. Und die Dorfbewohner fühlen sich verschaukelt. "Warum hat das Regierungspräsidium nicht schon vor Jahren gehandelt?", fragt Schulz.

Ja, warum nicht? Vielleicht auch, weil das von Edwin Fritsch im Jahr 2002 gegründete Unternehmen als innovativer Vorzeigebetrieb galt. Die Firma ist hochdekoriert: Ausgezeichnet mit dem Hessischen Gründerpreis, gefördert vom Bundesumweltministerium mit über 300 000 Euro, gefeiert in Fachzeitschriften als deutschlandweit einzige Recyclinganlage dieser Art.

Bäume ohne Laub

Die Dorfbewohner jedoch zweifelten: Oft genug flogen die Mineralfasern durch den Ort, bevor sie verarbeitet wurden, schwirrten durch Gärten, auf Spielplätzen herum, lagen auf Autodächern. Mehrfach beschwerten sich die Bürger beim RP: Bäume warfen im Sommer ihr Laub ab, Kinder kamen mit Rötungen vom Spielen nach Hause. Manch ein Einwohner hat Krebs. Doch die Antwort des RP war stets die gleiche: Es gebe keine Anhaltspunkte für eine Gesundheitsgefährdung durch Woolrec.

Tatsächlich: Regelmäßige Gutachten von Dr. Stefan Gäth, einem Professor für Abfall- und Resscourcenmanagement an der Universität Gießen, hatten die Unbedenklichkeit des Stoffes und die Sicherheit der 15 Beschäftigten bescheinigt. Pikant: Der Professor hat das Woolrec-Verfahren entwickelt.

Jetzt ist das Unternehmen geschlossen. Das Regierungspräsidium hat Gutachten an anderer Stelle in Auftrag gegeben, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Woolrec-Gründer Fritsch und den Gießener Professor Gäth. Die Staatsanwaltschaft Limburg ermittelt gegen den Wissenschaftler wegen des Verdachts der Luftverunreinigung (durch Unterlassen) und durchsuchte unter anderem auch die Geschäftsräume von dessen Firma in Wettenberg, sagte für die Staatsanwaltschaft Sprecher Jochen Fabricius.

Firmengründer Edwin Fritsch ist abgetaucht. Im Februar hatte er noch alle Vorwürfe in einem Leserbrief an die "Wetzlarer Neue Zeitung" zurückgewiesen und erklärt: "Wir tragen aktiv zum besseren Umwelt- und Klimaschutz bei. Dabei arbeiten wir strikt nach Recht und Gesetz und wir werden unserer Verantwortung gerecht."

Erst Münster griff durch

Dass Woolrec derzeit überhaupt im Fokus der Behörden steht, ist einzig und allein der Bezirksregierung Münster (NRW) zu verdanken. Nachdem es erste Berichte über eine mögliche Gesundheitsgefährdung durch das Produkt Woolit der Firma Woolrec gegeben hatte, besuchten Münsteraner Umweltexperten eine Ziegelei in Olfen, die den Stoff in ihrer Ziegelproduktion verarbeitete. Die Ergebnisse der Proben waren eindeutig: Die giftigen Fasern waren nur unzureichend gebunden. Das Material ist potenziell krebserzeugend.

Erst mit dieser Mitteilung wachte die Gießener Behörde auf. Und dann ging alles ganz schnell. Vergangene Woche Montag forderte das RP 180 000 Euro von Woolrec – die Entsorgungskosten für die 3000 Tonnen Material, die in Olfen lagern. Zudem prüfte das Regierungspräsidium, ob das Tiefenbacher Unternehmen überhaupt Abnehmer hatte. Denn ohne Käufer gilt ein Produkt nicht als marktgängig und somit nicht als anerkannt. Am Freitag folgte der nächste Schlag: Unangemeldete Kontrolleure fanden bei einem Firmenbesuch ein Loch in der Außenwand der Anlieferungshalle – durch das die gefährlichen Fasern munter ins Freie fliegen könnten. Ein Radlader habe die Wand beschädigt, behauptete der Unternehmer. Eine Lüge, wie es offensichtlich so viele Lügen gegeben hatte. Der Schaden war laut RP älter als das Unternehmen behauptet hatte. Zudem seien die Kontrolleure "vorsätzlich" getäuscht worden, "indem die Schadensstelle mittels eines aufwändigen Arrangements verborgen wurde", teilte das RP mit. Es hat nun ein Verfahren wegen "persönlicher Unzuverlässigkeit" gegen den Firmengründer eingeleitet.

Keine Käufer

Nur einen Tag später widerrief das Regierungspräsidium auch die Produktanerkennung für Woolit. "Woolrec erzielt mit der Abgabe an die Ziegelwerke keinen positiven Marktpreis mehr", erläuterte Regierungspräsident Dr. Lars Witteck. Das Unternehmen hatte sein Produkt zum Teil verschenkt. Zudem konnte es keine ausreichende Anzahl Käufer nennen. Es gab keine Verträge, nur Absichtserklärungen. "Wer keine Abnehmer hat, hat kein Produkt", erläutert RP-Sprecherin Ina Velte.

Derzeit ist die Firma offiziell geschlossen. Was produziert wurde, darf nicht mehr gehandelt werden und muss als Sondermüll entsorgt werden.

Doch am Ende ist die Firma noch lange nicht. Gestern gab das RP bekannt: Die von der Staatsanwaltschaft Limburg genommenen Proben enthielten zwar Dioxine und Schwermetalle – doch die Belastung liege unter dem gesetzlichen Grenzwert. Das RP beruhigt: Öffnen darf der Betrieb deshalb noch lange nicht. "Uns ist zunächst einmal wichtig, dass für die Anwohner keine Gefahr besteht", sagt Kreissprecherin Velte. Nun würden die Werte unter dem Aspekt der Arbeitssicherheit betrachtet. Zudem laufe ja noch das Unzuverlässigkeitsverfahren gegen den Betreiber. An eine Freigabe sei nicht zu denken. Gestern nahm das Regierungspräsidium noch einmal Proben. Diesmal im Umfeld des Unternehmens. Untersucht werden Grundstücke von Nachbarn und ihr selbst angebautes Gemüse.

Für Ortsvorsteher Heinz Schulz ist das nur ein schwacher Trost. Er will weiter kämpfen und fordert einen anderen Gutachter, am liebsten einen aus Nordrhein-Westfalen. Die Expertisen des RP sieht er kritisch. Die Behörde habe schließlich jahrelang mit dem Gießener Unipofessor gemeinsame Sache gemacht. "Das RP rechnet alles klein." Kreissprecherin Velte kann das sogar verstehen. "Es war ein Fehler, dem Gutachter zu vertrauen und sich ganz auf ihn zu verlassen."sun

(Susanne Keeding)
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