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Großdemo gegen Fluglärm

Vor einem Jahr wurde die Landebahn Nordwest eröffnet. Gestern erinnerten mehrere Tausend Fluglärmgegner mit einer Demonstration daran, dass ihre Forderungen nach mehr Ruhe noch immer gelten. Von Julia Rösch
Frankfurt/Kelsterbach. 

Die letzten Töne der Blaskapelle gehen im dumpfen Röhren eines Lufthansa-Airbusses unter. Hart setzen die Räder auf dem Asphalt auf, langsam schiebt sich der riesige Flieger am Maschenzaun vorbei, der die Landebahn Nordwest vom Kundgebungsplatz der Fluglärm-Gegner trennt. Die Menge buht und pfeift. Ein Meer aus gelben Fahnen und Transparenten streckt sich der Herbstsonne entgegen. Noch nicht einmal beim Protestieren, unken sie, ist Ruhe am Himmel.

Am 21. Oktober 2011 landeten die ersten Flugzeuge auf der damals nagelneuen Landebahn Nordwest. Genau ein Jahr später, am gestrigen Sonntag, rief das Bündnis der Bürgerinitiativen gegen Fluglärm zur Demonstration auf. Rund 8000 Fluglärmgeplagte aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet machten sich auf den Weg. Erst zur Mahnwache am Flughafen, danach zum Schotterplatz neben der Landebahn. "Das Thema ist noch nicht vom Tisch", verkünden ihre Plakate und verärgerten Mienen.

"Wir wollen heute darauf aufmerksam machen, dass unsere Forderungen noch immer gültig sind", berichtet Dirk Treber eine Stunde vor der Kundgebung an der Landebahn; ein stämmiger Mann mit grauem Haarkranz und rotem T-Shirt, auf dem "Stop Airport Expansion" steht, "Stoppt den Flughafenausbau". Er ist Vorsitzender der Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms, eine der Initiativen des Bündnisses, und hat die Aktion mitorganisiert.

"Neue Bahn schließen"

Die konkreten Ziele der Bürgerinitiativen sind dieselben geblieben, sagt Treber: Ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr, Ausbaustopp des Flughafens, die Begrenzung der Flugbewegungen auf 380 000 pro Jahr und die Schließung der Landebahn Nordwest. Daran ändert auch das Maßnahmenpaket für besseren Lärmschutz nichts, das Fraport-Chef Stefan Schulte am Donnerstag vorgestellt hat. Die Flugzeuge sollen später beidrehen, größere Höhen erreichen und in steileren Winkeln die Landebahn anfliegen (wir berichteten).

Das sind Beruhigungspillen, echauffieren sich viele Demonstranten. "Bei uns in Mainz-Bretzenheim ist an Ruhe nicht mehr zu denken – das wird auch durch die neuen Strategien nicht besser", vermutet etwa Petra Karst und schultert ihr Sperrholzschild, auf das sie ihr Ortsschild gepinselt und mit "Fluglärm" überschrieben hat. "Auch wenn die Flugzeuge 60 Meter höher fliegen, wird das nur wenige Dezibel Erleichterung bringen. Außerdem wird der Effekt dadurch aufgefressen, dass immer mehr Flüge starten."

Barbara Fuchs aus Trebur denkt ähnlich. Die 45-Jährige hat sich eine rosafarbene Sonnenbrille auf die Nase gesetzt und steigt gerade auf ihr Mountainbike: Sie will die rund vier Kilometer Richtung Landebahn mit dem Fahrrad zurücklegen. "Ich kandidiere im kommenden Februar als Bürgermeisterin in Trebur. Der Protest gegen Fluglärm ist ein wichtiges Thema bei meiner Bewerbung", erzählt sie. "Bei uns hat die Lebensqualität extrem abgenommen. Ein Flughafen mit diesem Ausmaß gehört nicht in ein Ballungsgebiet. Gewinn wird privatisiert, die Nachteile tragen wir alle. Das kann so nicht weitergehen." Sie winkt ihren Mitstreitern. Laut klingelnd treten sie in die Pedale. Richtung Landebahn Nordwest.

Lieder gegen Lärm

Dort hat sich am Nachmittag eine riesige Menge versammelt. Spendendosen rasseln, Trillerpfeifen quietschen, die Rufe der Demonstranten mischen sich mit vibrierenden Musikrhythmen. Umgedichtete Lieder dröhnen aus den Lautsprecherboxen: "In Zeiten wie diesen zählt nur noch Profilgeilheit. Wo bleibt die Gerechtigkeit?" Bratwurstduft schwebt vom Waldrand herüber. Gegen selbst gewählte Spenden gibt es Kuchen, Getränke und Crêpes. "Perfektes Catering", nuschelt ein Mann mit Warnweste zwischen zwei Bissen.

Immer mehr Leute drängen nach; die Bürgerinitiativen haben für kostenlosen Shuttlebus-Service gesorgt. Die Plakate leuchten bunt in der Nachmittagssonne: "Leidest du noch oder verkaufst du schon?", fragt eines imaginäre Hausbesitzer, ein anderes stellt die Fraport als böse Krake da, die alles in ihren Fängen hat, was den Menschen wichtig ist. Die Belastungen sind unerträglich, darin sind sie sich einig. Doch wie bekommt man so viele Interessen unter einen Hut, wenn Veränderungen der Flugrouten nur eine Verschiebung des Problems in andere Regionen bedeuten kann? Mitorganisator Treber seufzt. "Wir sehen als einzige Lösung eine Deckelung der Flugbewegungen. Es müssen viel mehr Routen auf die Bahnschienen verlegt werden."

Brüssel horcht auf

Plötzlich jubelt die Menge auf: John Stewart ist ans Mikrofon getreten, der Präsident der europäischen Vereinigung gegen die schädlichen Auswirkungen des Luftverkehrs. Im schönsten Oxford-Englisch macht er den Demonstranten Mut. Ihre Stimme hallt in Europa wider, sagt er: "Wenn ich mich in London oder Brüssel mit Vertretern der Luftfahrtindustrien treffe, sind die Frankfurter Proteste immer ein Thema. Macht weiter so!"

Die Masse johlt. Dann wird sie ein weiteres Mal übertönt: Ein zweiter Airbus landet.

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