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Präsidentin der Landfrauen: Hildegard Schuster: "Ich möchte Frauen wachküssen"

Von „Nicht über irgendwas reden, sondern mitreden“, lautet der Slogan von Hildegard Schuster. Wer erwartet hat, dass die Präsidentin der Landfrauen verhalten und traditionell daher kommt, täuscht sich gewaltig: Mit Power führt die Frauenvorkämpferin den Verband in die Moderne.
Hildegard Schuster greift auch mal zum gebastelten Megafon, um Frauen symbolisch zu mehr Engagement aufzurufen.
Friedrichsdorf. 

Landfrauen – das sind altbackene Damen vom Lande, rückständig, ungebildet, Herd-treu? „Ich weise das strikt von mir“, sagt Hildegard Schuster, und guckt streng: „Wir haben Frauen aus allen Berufsgruppen: Erzieherinnen, Ärztinnen, Gärtnerinnen, bis hin zur Mathematikerin – bei uns ist alles drin.“ Dann lacht die 63-Jährige und sagt mit feinem Lächeln: „Wir kochen gerne, und backen Kuchen – aber wir sind von heute. Das macht mich stark und glücklich.“

Wer hätte das gedacht: Mitten im Taunus, am Rande von weiten Feldern und Wiesen, wirkt eine wahre Kämpferin für Frauenrechte. Seit 2013 ist Hildegard Schuster Präsidentin des hessischen Landfrauenverbandes, doch ihr Gestalten währt schon viel länger: Von 2006 bis 2012 wirkte sie hauptamtlich für die Landfrauen, bezahlt vom Ministerium in Wiesbaden. Ob die Herren wussten, worauf sie sich einließen?

Im Gespräch mit Politikern

„Wir werden von der Politik gehört“, sagt Schuster selbstbewusst, und berichtet, wie der Ministerpräsident die Landfrauen wieder und wieder an den Tisch holt, auch bei der Flüchtlingskrise 2015.

Kein Wunder: Mit 48 000 Mitgliedern in 738 Ortsvereinen sind die Landfrauen einer der größten Verbände im Land, der größte Frauenverband sowieso. „Wir sind autark, haben weder Partei noch Kirche im Hintergrund“, sagt Schuster. Auch vom Bauernverband, den „Cousins nebenan“, sei man unabhängig, betont sie. Und wenn es nach Hildegard Schuster geht, dann werden sich die Landfrauen in Zukunft noch mehr einbringen.

„Keine Ärzte, kein Zebrastreifen, keinen Dorfmittelpunkt? Hier machen wir unseren Frauen Lust, mitzugestalten“, erklärt Schuster. Mehr Geld für soziale Berufe, eine höhere Wertschätzung für die Arbeit mit Menschen, Bildung, Weiterbildung, Digitalisierung der externen Höfe – das Themenspektrum der Landfrauen ist breit wie nie. Die Landfrauen fordern Lockerungen im Denkmalschutz, um jungen Familien Lust auf alte Häuser in Dörfern zu machen.

Jüngst schickte Schuster Fachärztinnen zum Thema Brustkrebs auf die Dörfer, dort halten sie Vorträge, nur unter Frauen, das komme hervorragend an, erzählt sie. „Bildung ist immer der Schlüssel zu allem“, sagt sie, „jetzt haben wir gut ausgebildete junge Frauen, und wollen sie mit 26 hinter den Kinderwagen stellen?“

Schuster weiß genau, wovon sie redet, sie selbst stammt von einem Bauernhof, in Frankfurt-Schwanheim. „Bereich der Bauern und Banker“, sagt Schuster. Den elterlichen Hof hätte sie gerne übernommen, sie liebt die Arbeit in der Landwirtschaft, Kartoffeln und Spargel hatten sie, ihre Spargelsuppe war der Renner. Doch den Aussiedlerhof, den bekam der Bruder, „der war männlicher Art“, sagt Schuster trocken, „das wurde einfach nie in Frage gestellt.“

Sie selbst musste bei den Eltern immer kämpfen, dass sie weiter lernen durfte. Chemielaborantin sollte sie werden, der Industriepark Höchst lag ja vor der Haustür. Schuster wehrte sich. Mit gut 18 Jahren machte sie ihr Fachabitur, studierte danach Dank eines Stipendiums in Gießen Ernährung, Haushalt und Landwirtschaft. Bei einem Praktikum begegnete sie der damaligen Landfrauenchefin, Ilse Heil. Die habe immer gesagt,“wir haben jetzt erst mal über die Frauenrechte zu reden“, erzählt Schuster.

Gleichberechtigung

Frauenrechte – das war Ende der 1960er Jahre ein Fremdwort. Frauen durften sich damals abends mal treffen, „die Männer sagten: Kirche oder Landfrauenverband“, sagt Schuster, und ergänzt trocken: „In der Kirche werde ich nicht viel ändern, Frauen stehen dort nicht für Gleichberechtigung. „Also widmete sie sich den Landfrauen, schwärmt, wie der Verband nach dem Zweiten Weltkrieg als einer der ersten Bildungsträger im ländlichen Raum Frauen weiterbildete. Schuster selbst wurde nach dem Studium Hauswirtschaftsleiterin an der Frankfurter Universität, später landwirtschaftliche Beraterin. Sie heiratete einen Arzt, bekam vier Kinder, doch als der jüngste zwölf war, starb ihr Mann unerwartet – Schuster kehrte zurück in ihren alten Job. Als Beraterin an der Bergstraße sah sie die Schwierigkeiten, aber auch die Chancen der ländlichen Räume.

„Meine große Herausforderung“, sagt Schuster, „ist den Verband in die neue Zeit zu führen.“ Jungen Bäuerinnen rät sie, bloß einen Vertrag zu machen bei der Heirat, Kindergruppen zu gründen, selbst eine Grundausbildung zu machen.

„Ich möchte Frauen wachküssen“, sagt Schuster, „ihnen zeigen, dass wir viel mehr erreichen können – wenn wir uns nur zusammenschließen.“

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