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Adventskalender: Hineinspaziert in den Handelsraum der Commerzbank

Von Türchen, öffne Dich: Wir werfen einen Blick auf verborgene Orte im Rhein-Main-Gebiet. Heute: der Handelssaal der Commerzbank.
271117Handelssaal_14 Foto: Heike Lyding Der Handelssaal der Commerzbank ist 150 Meter lang und sechs Meter hoch, fast 500 Händler haben hier ihren Arbeitsplatz:
Frankfurt. 

Die ersten Geschäfte des Tages machen die Bedienungen an den Verpflegungswagen: 50 Cent kostet die Tasse Kaffee, die Banker greifen gerne zu – denn ab 8 Uhr müssen sie hellwach sein hier im Handelssaal der Commerzbank. An einer der Schreibtischreihen arbeitet der Asien-Experte der Bank, Michael Rugilo. Jeden Morgen kommt er mit dem Rad aus dem Frankfurter Nordend, nachdem er seine Tochter in den Kindergarten gebracht hat – diese kurzen Wege sind für ihn ein großer Vorteil der Main-Metropole gegenüber New York und Singapur, wo er früher gearbeitet hatte.

Vier Wanduhren zeigen im Saal die Zeit in Tokio, Frankfurt, London und New York an – und um 8 Uhr schaltet die „Asien“-Uhr auf blau (für Nacht) um, Europa auf Tag. Dann übernimmt mit den Morgen-Meetings der Frankfurter Saal – der Handel läuft weltumspannend rund um die Uhr. Schon bald gehen die Kundenaufträge ein, das Flackern der Bildschirme wird hektischer. Der Handel mit Renminbi, unterstreicht Rugilo, laufe immer noch zur Hälfte übers Telefon – anders als beim US-Dollar. „Früher wurde die chinesische Währung fast nur am frühen Morgen gehandelt, wenn auch die Asiaten noch im Markt waren – das hat sich komplett geändert.“ Erst um 18 Uhr „wandert“ das Geschäft weiter an die US-Ostküste. Zwischendurch laufen natürlich noch Gespräche mit Kunden.

Wie eine Kathedrale

Geschäfte in Milliardenhöhe werden hier jeden Tag abgewickelt. Es ist der größte Handelssaal Europas, den die Commerzbank 2001 eröffnet hat: 150 Meter lang, 25 Meter breit und sechs Meter hoch, erinnert er mit den Stützsäulen-Reihen links und rechts und den großen Fensterflächen an eine dreischiffige Kathedrale. Die allerdings nicht ebenerdig liegt, sondern im Obergeschoss über der Kantine. Lange Schreibtischreihen bieten Platz für knapp 500 Arbeitsplätze und 1740 Bildschirme – manche Händler haben fünf oder sechs Monitore vor sich stehen, auf denen sie Aktien- und Devisenkurse verfolgen oder mit Kollegen weltweit kommunizieren. Jeder Arbeitsplatz hat sein eigenes Lüftungssystem, es existieren zwei unabhängige Stromeinspeisungen der Stadtwerke und zusätzlich Diesel-Generatoren für den Notfall. Drucker gibt es nur wenige, dafür aber Fax-Geräte (rechtlich ist für manche Aufträge die Schriftform vorgeschrieben). Ein spezieller roter Teppich, Holzlamellen und Metallgitter vor manchen Fenstern dämpfen den Schall, so dass nur ein leises Dauermurmeln zu hören ist – kein Handelsraum-Gebrüll wie in alten Filmen.

„Elektrisierend“ findet Rugilo seinen Arbeitsplatz im „Dienstleistungszentrum (DLZ)“: „Man ist wirklich näher dran und kann schnell mal zu den Kollegen gehen, um Dinge zu besprechen, ohne gleich ein Meeting einzuberufen.“ An Bildschirmen an der Decke läuft den ganzen Tag über Nachrichten-TV, aber Rugilo meint: „Erst wenn sich hier die verschiedenen Puzzleteile zusammenfügen, weiß man, was eine Meldung bedeutet.“ Und welche Auswirkungen sie auf Kurse haben könnte. Eine andere Quelle für Nachrichten allerdings scheidet aus: „Mobile Device Free Zone“ schreibt ein großes Verbotsschild im Saal vor.

Überraschend kam beispielsweise Ende vergangenen Jahres ein Verbot der chinesischen Regierung, mehr als fünf Millionen Dollar an Dividenden aus China zu transferieren. Das habe, sagt Rugilo, bei vielen seiner Kunden zu Verwirrung geführt und sie auch vor Probleme gestellt. Er konnte beispielsweise mit Überbrückungskrediten helfen – oder auch mit Beratung, wie dieser „trapped cash“ als Sicherheit zu nutzen ist.

Den Aufstieg Asiens erlebt

Drei Treppen führen auf eine Galerie, wo es Räume für vertrauliche Gespräche oder konzentriertes Arbeiten gibt (sowie Toiletten, eine Besenkammer und die Technik) – und unter der die Büros der Führungskräfte liegen. Für ausreichend Beleuchtung sorgen, neben den Fensterfronten, die Oberlichter – Lampen leuchten tagsüber im Handelssaal nur wenige. Um möglichst nichts zu verpassen, holen die meisten Händler ihr Schnitzel auf dem Tablett aus der Kantine – und essen am Arbeitsplatz. „Das ist Teil der Kultur hier“, sagt Rugilo.

Den Aufstieg Asiens hat er in diesem Saal hautnah miterlebt. Frankfurt war mit London 2014 in Europa der erste „Renminbi-Hub“, also eine Drehscheibe für den Handel der chinesischen Währung. Wurden Geschäfte mit China früher meist in Dollar abgewickelt, so haben mittlerweile ein Drittel der von der Commerzbank befragten Firmenkunden mit China-Geschäft bereits auf Renminbi umgestellt oder planen das. Im Rückblick ist Rugilo froh, dass er im Asien-Geschäft „die Welle der Liberalisierung mitreiten“ konnte: „Die spannendsten Jahre meiner Karriere.“

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