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Vorläufer der Ökobewegung: „Hippies waren Freiheitsspießer“

Im Oktober 1967 wurde die Hippie-Bewegung in San Francisco symbolisch zu Grabe gegraben. Doch tot war diese Bewegung nie wirklich, wie die Frankfurter Musikikone, Sepp’l Niemeyer, weiß. Mit Dieter Hintermeier sprach Niemeyer über Landkommunen, intolerante Hippies und über gesellschaftliche Veränderungen.
Foto: Michael Faust Sepp’l Niemeyer wollte sich aus der bleiernen Zeit der Nachkriegsjahrzehnte befreien. Die Musik war dazu sein Vehikel.

Herr Niemeyer, verraten Sie uns einmal, was einen Hippie ausmacht?

SEPP’L NIEMEYER: Der Laie stellt sich unter einem Hippie wahrscheinlich einen Menschen vor, der lange Haare hat und Batikkleidung trägt. Am besten lebt dieser sogenannte Hippie dann noch auf dem Land und kümmert sich in Eigenregie um alles, was das Leben erfordert. Angefangen von der Landwirtschaft bis hin zur Kindererziehung. Er lebt quasi den Traum seines freien und selbstbestimmten Lebens.

Das ist wohl der Idealtyp eines Hippies, den Sie beschrieben haben. Kommt dieser Typus Ihrem eigenen Leben nahe?

NIEMEYER: Ich würde mich nie als klassischen Hippie beschreiben, dafür war ich in den 1960er-Jahren noch zu jung. Ich bin in einem katholischen Dorf in der Nähe von Osnabrück aufgewachsen. Die Verbindung zu dieser Bewegung kam eigentlich durch die Rockmusik. Die Rolling Stones, Jimi Hendrix und Led Zeppelin gehörten dazu. Die Texte dieser Musik blieben mir aber fremd, weil mir auch die englische Sprache fremd war.

Landkommunarde

Sepp’l Niemeyer (63) ist ein Frankfurter Musiker. Er spielte früher in den Krautrockbands „Guru Guru“ („Der LSD-Marsch“), „Octupus“ und in der Punkband „Strassenjungs“ am Schlagzeug.

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Die Wurzeln der Hippies

Nach dem zweiten Weltkrieg avancierten unter anderem die Autoren Jack Kerouac und Allen Ginsberg zu den ersten „Rockstars“ der US-Literatur. Ihre Anhänger nannten sich Beatniks oder Hipsters.

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Was gab für Sie letztlich den Ausschlag, sich für ein anderes Leben zu entscheiden?

NIEMEYER: Ich wollte mich aus der bleiernen Zeit der Nachkriegsjahrzehnte und des herrschenden Patriarchats befreien. Die Musik war dazu ein Vehikel.

Ging es Ihnen, als Sie sich der Hippiebewegung anschlossen, besser?

NIEMEYER: Die sexuelle Revolution, die von der Hippiebewegung ausging, machte mich neugierig auf bessere Zeiten, denn die Sexualisierung in meinem Dorf war natürlich ein Horror für mich. Doch in der Zeit, in denen ich in Landkommunen im Vogelsberg und im Odenwald lebte, merkte ich schnell wie intolerant Hippies sind. Von einer Aufgabe des „Geschlechtlichen“, das die Hippiebewegung propagierte, habe ich nichts gemerkt. Ich konnte jedenfalls das „Geschlechtliche“ nicht verlassen und nur lieben. Für mich waren die Hippies damals Freiheitsspießer.

Aber Sie haben bestimmt auch positive Erinnerungen . . .

NIEMEYER: Natürlich. Für mich ist die Hippiebewegung eine klassische Landbewegung gewesen. Letztlich waren sie die Vorläufer der Ökobewegung, diese hat bei den Hippies ihre Wurzeln. Das große Thema der Hippies war „Zurück zur Natur“ und „Love and Peace“. Damit waren sie ihrer Zeit weit voraus. Wenn ich mir heute die politische Landschaft anschaue, dann hat sich sogar die CDU/CSU den Schutz der Umwelt auf die Fahnen geschrieben. So wandeln die Christdemokraten jetzt auch auf den Spuren der Hippies. Es hat alles etwas länger gedauert.

Doch die Hippies waren nicht zu allen Zeiten wohlgelitten ...

NIEMEYER: Ja, da ist was’
dran. Die 1968er-Bewegung mochten die Hippies nicht. Die waren ihnen zu weich und unpolitisch. Für mich haben diese Leute aber ein verzerrtes Weltbild. Sie haben nicht verstanden, dass die Hippies die Auslöser der Veränderungen waren. Sie haben durch ihre Art zu leben ein Zeichen gesetzt. Insofern war die Hippiebewegung hochpolitisch.

Auch die Punks waren nicht gut auf die Hippies zu sprechen. Warum war das so?

NIEMEYER: Die Punks waren die „Todfeinde“ der Hippies. Diese Abneigung der Punks war eigentlich unbegründet, denn für mich war die Punkbewegung lediglich eine Version des Hippietums, wie zum Beispiel auch die New-Age-Bewegung. Aber es geht auch viele andere Ausdrucksformen des Hippietums zum Beispiel in der Kunst, der Poesie und der Politik.

Vor 50 Jahren wurde in San Francisco „der Hippie“ symbolisch zu Grabe getragen. War das Hippietum damit tot?

NIEMEYER: Sie haben den Hippie unter die Erde gebracht, damit etwas Neues aus der Bewegung entsteht.

Vielleicht der Ökospießer . . .

NIEMEYER: . . . vielleicht. Der Begriff Hippie ist heute bei nicht wenigen Menschen zum Schimpfwort geworden. Es soll einen Menschen beschreiben, der aus der Zeit gefallen ist.

Aber Sie sehen das nicht so. Oder?

NIEMEYER: Die Ideen von Love and Peace sind immer noch lebendig. Auch heute haben sie viele Menschen noch eine große Bedeutung. Das sind Menschen, die gar nicht wissen, dass das Hippiegedanken sind. Aber sie sind auch auf der Suche nach der Antwort auf die Frage „Wer bin ich eigentlich?“. Die Hippies sind dieser Frage nur konzentrierter nachgegangen. Ich bin den Hippies jedenfalls sehr dankbar für die gesellschaftlichen Veränderungen, die sie ausgelöst haben.

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