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Schulserie: Inklusion - immer gut gemeint, oft nicht gut gemacht

Da, wo Inklusion sich bewähren muss, machen die Menschen extrem unterschiedliche Erfahrungen. Es geht ja um mehr als nur die Begegnung von behinderten und nicht-behinderten Schülern, es geht um Beziehungen. Deren Qualität lässt sich nur bedingt organisieren, zuweilen erleben Kinder aus Parallelklassen Inklusion als gut und schlecht – auch dort, wo die Schule an sich gut aufgestellt ist.

„Unser Sohn hat sich mies gefühlt. Er war in seiner Klasse an der Gesamtschule der Sonderfall. Man hat ihn spüren lassen, dass er schwächer. Die Fachlehrer waren mit ihm und den drei anderen Kindern mit Förderschwerpunkten überfordert, die Förderlehrer waren nur sechs Stunden in der Woche anwesend, wir Eltern hatten niemanden, der sich mit uns darüber wirklich intensiv unterhalten hat. Es war eine schlechte Erfahrung.“

Der Bericht einer Mutter eines Jungen mit unterdurchschnittlicher Intelligenz, Förderschwerpunkt „Geistige Entwicklung“, steht stellvertretend für viele Berichte. Auch, dass sie ihren Namen nicht öffentlich nennen will, ist der Normalfall. Selbst Schulleiter und Leiter von Beratungs- und Förderzentren wollen anonym bleiben, es ist die Bedingung für ehrliche Auskunft.

Symbolbild
Schulserie Eine ganz normale Problemklasse

Vor einem Jahr sorgte ein Brandbrief von Frankfurter Grundschullehrern für Schlagzeilen: Die Pädagogen schilderten, dass die Anforderungen durch Integration und Inklusion massiv gestiegen seien, die nötigen Ressourcen und verbindliche Leitlinien für den Unterricht aber fehlten. Im Rahmen unserer Serie "Schule besser machen" erzählt eine Lehrerin nun, wie der Alltag in einer normalen Klasse immer mehr zur Zumutung wird. Die Behörden würden die Probleme kleinreden.

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Bei allen guten Beispielen, von denen sie berichten können, scheitert Inklusion doch zu häufig an Ignoranz, an Inkompetenz, an Überforderung – auf allen Ebenen. Statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen, ziehe jeder am anderen Ende, heißt es. Wie kann es sein, dass es immer noch Schulen gibt, an denen Rollstuhlfahrer von zig Barrieren ausgebremst werden? Neun Jahre, nachdem die Bundesrepublik die UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 unterzeichnet hat? Wie kann es sein, dass in Hessen und anderswo das Thema Inklusion immer noch nicht ins Lehramtstudium integriert worden ist? Zeitungsberichte, Experten-Kommentare und Studien zu solchen Versäumnissen füllen Archive. Die Akteure selbst sprechen darüber nur hinter vorgehaltener Hand.

Wo Inklusion gelinge, sagt der Vater eines Mädchens mit Downsyndrom, geben sich die Menschen Mühe, ziehen sie an einem Strang. „Unsere Tochter fühlt sich wohl. Die Fachlehrer behandeln sie wertschätzend und arbeiten intensiv mit den Förderlehrern zusammen. In der Klasse ist sie beliebt. Und wenn es mal ein Problem gibt, sind alle sehr daran interessiert, es zu besprechen und einen bessern Weg zu finden. Freunde von uns sind auf einer anderen Regelschule. Da läuft es längst nicht gut. Das Kind auch Downsyndrom und neigt im Gegensatz zu unserer Tochter  zu Aggressionen. Die Fachlehrer sind überfordert. Da müssten die Förderpädagogen viel häufiger da sein. Es sind eben nicht alle Kinder gleich, nur weil sie dieselbe Behinderung haben. Aber meistens werden Förderlehrerstunden nicht individuell, sondern nach Behinderung eingeteilt.“

Dass Förderlehrer in Hessen wie in anderen Bundesländern nur stundenweise den Regelschulen zugewiesen werden, ist ein häufiger Kritikpunkt. „Wir sind ständig auf der Straße unterwegs“, sagt eine Förderlehrerin, „man fühlt sich wie ein Notarzt.“ Ihre Kritik trifft auch die Fachlehrer: Die wenigsten von ihnen seien auf den Unterricht alleine gut vorbereitet, befassten sich zu wenig mit den grundverschiedenen Bedürfnissen der Förderkinder. „Ich habe Hemmungen, ich bin unsicher“, sagt dazu eine Grundschullehrerin, „und ich habe meine Grenzen.“ Sie sagt auch: „Ich werde schlechter bezahlt als die Förderlehrerin, obwohl ich viel mehr Zeit mit den Förderkindern verbringe.“ Klar, Geld ist auch ein Thema. Förderlehrer sind höher eingruppiert.

Zu wenig Geld und Personal. Zu wenig innere Bereitschaft und Haltung, zu viel Bürokratie und Intransparenz: So fassen denn viele die Schwierigkeiten in der Inklusion zusammen. Das hehre Ziel, sagt ein Schulleiter, werde kaputt verwaltet:  Das hehre Ziel: Kinder mit und ohne Behinderung sollen zusammen die Schule besuchen können, voneinander lernen, einander kennenlernen. Es geht nicht allein um die Teilhabe behinderter Kinder, es geht um die Veränderung der Gesellschaft, um Barrierefreiheit in den Köpfen, darum, dass es selbstverständlich sein soll, einen  Mensch nicht auszuschließen, weil er anders ist.

Schulserie Im Keller der Schule schimmelt's, oben wird gelernt

Schule soll Spaß machen, aber dazu muss das Gebäude intakt sein. Manche Schulen im Rhein-Main-Gebiet sind in einem beklagenswerten Zustand. Eine davon ist die Friedrich-Fröbel-Schule im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Die Elternsprecherin dort sagt: „Den Kindern fehlt wohl die Lobby.“

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Dass gut gemeint aber längst nicht gut gemacht ist, zeigt Inklusion also deutlich. Und Experten, Akteure des Schulsystems, Behindertenverbände und Politik in Land und Kommunen sparen nicht mit gegenseitigen Vorwürfen. Klar ist aber auch: Transformationsprozesse sind komplex, gerade wenn es um Menschen und Beziehungen geht – in diesem Fall auch um die Bedürfnisse von Menschen, die sich nicht selbst äußern können.

 „Unsere Tochter gerät unter starken Stress, wenn ihr keine klaren Strukturen vorgegeben werden. Schon der verwirrende Vertretungsplan stürzt sie in Verzweiflung, lässt sie eskalieren. Niemand ist bereit, den Vertretungsplan übersichtlicher zu gestalten. Ich habe entsprechende Varianten recherchiert und den Lehrern vorgeschlagen. Sie ändern es nicht.“

Der Vater, der dies erzählt, ist ein starker Befürworter einer konsequenten Inklusion gewesen: Förderschulen abschaffen, alle Ressourcen in die Regelschulen. Heute ist er froh, dass es noch Förderschulen gibt, „dort sind schon die Einrichtungen besser. Zum Beispiel mehr Räume, falls mal ein Kind entspannen muss.“ Manchmal aber zweifelt er noch an seinen Zweifeln an der Inklusion: „Es bleibt ja immer die Frage: Brauchten wir Förderschulen noch, wenn alle Kraft und Energie in die Regelschulen investiert würden?“

 

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