Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

70. Jubiläum des Bundeslandes Hessen: Interview mit Henni Nachtsheim: Was den Hessen ausmacht

Henni Nachtsheim gilt als Parade-Hesse. Wer könnte also berufener sein, sich anlässlich des Landesjubiläums zum Wesen der Hessen, ihrer Mundart, ihrem Humor, ihrer Lebensart zu äußern? Michael Bauer (dpa) sprach mit dem Badesalz-Comedian und früheren Frontmann der Rodgau Monotones auch darüber, warum er ursprünglich Angst vor der inoffiziellen Landeshymne „Erbarme, die Hesse komme“ hatte.
Der Comedian und Musiker Henni Nachtsheim. Foto: Frank Rumpenhorst/Archiv Der Comedian und Musiker Henni Nachtsheim. Foto: Frank Rumpenhorst/Archiv

Eigentlich sind Sie gar kein Hesse!?

HENNI NACHTSHEIM: Antwort: Ahrrg! Das ist der Fluch von Wikipedia. Es ist wahr: Ich bin in Wuppertal geboren, aber wenn die Legende stimmt, sind wir noch am gleichen Tag nach Neu-Isenburg gezogen. Deswegen habe ich mit Nordrhein-Westfalen so viel zu tun wie der Papst mit dem Christopher-Street-Day.

Trotz des Fehlstarts fühlen Sie sich aber als waschechter Hesse?

NACHTSHEIM: Ich habe eine Riesen-Heimatverbundenheit zu Neu-Isenburg, zum Rhein-Main-Gebiet, zu Rödermark. Ich liebe Frankfurt, das ist meine liebste Großstadt von allen.

Wenn nicht der Geburtsort den Hessen ausmacht, was ist es dann?

NACHTSHEIM: Es ist die Haltung. Es ist gar nicht so einfach, dass der Hesse stolz ist auf seine Herkunft. Wir Hessen werden außerhalb nicht so wohlwollend wahrgenommen, wie das mit ein paar anderen Bundesländern der Fall ist. Wir werden immer etwas argwöhnisch betrachtet: Hoffentlich redet der nicht so viel. Der Hesse kann die Leute ja flächendeckend zusabbern. Den Hessen zeichnet vor allem ein unbeirrbares Selbstbewusstsein aus. Und das haben wir natürlich.

Wie wichtig ist der Dialekt für eine hessische Identität? Und was machen wir in dieser Hinsicht mit den Nordhessen?

NACHTSHEIM: Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen: Die Nordhessen sprechen überhaupt kein Hessisch, und in Mittelhessen, so bei Marburg, lässt das auch schon nach. Ich glaube, dass auch die mentale Haltung der Nordhessen anders ist als die der Südhessen. Wir sagen zwar immer „die Hessen“. Und wenn es mal in Venezuela als einzigen Hessen nur einen Kasselaner gibt, dann wird man nicht so pingelig sein und sagen: „Wir Hessen hier“. Aber die Mentalität ist anders. Die Nordhessen sind nicht so hibbelig wie die Südhessen, sie sprechen keinen erkennbaren Dialekt, und das bisschen Dialekt klingt komisch.

Welche Aufgabe hat denn der Dialekt?

NACHTSHEIM: Dialekt ist nicht nur in Hessen, sondern überall wichtig, weil er etwas mit Identität zu tun hat, mit Authentizität und Sich-zu-Hause-Fühlen. Generell glaube ich, dass der Dialekt mittelfristig immer weniger wird. Das ist bedauerlich. Ich bin schon froh, wenn meine 16-jährige Tochter mal sagt: „Des glaub ich net“. Obwohl sie den Dialekt mag. Die Leute mögen auch, wenn wir hessisch sprechen, die mögen unsere CDs, aber gesprochen wird es immer weniger.

Neben dem Dialekt wird der Hesse klischeehaft immer auch mit Bembel und Handkäs in Verbindung gebracht. Aber Handkäs schmeckt doch echt fies, oder?

NACHTSHEIM (protestiert): Ich vergöttere Handkäs! Ich werde in meinem neuen Programm ein fünfminütiges Pamphlet über den Handkäs halten, weil er nicht nur gut schmeckt, sondern auch vielseitig verwendbar ist bis hin zu Brustimplantaten. Und auch als Bio-Baumaterial: ein Drittel Beton und zwei Drittel Handkäs. Dann werden die Häuser auch sturmfester, weil sie biegsamer werden. Was viele nicht wissen: In erdbebengefährdeten Städten wie Tokio und San Francisco wird nur noch in dieser Handkäs-Weise gebaut.

Und Apfelwein?

NACHTSHEIM: Ich habe immer Apfelwein im Keller. Das ist das einzige alkoholische Getränk, das ich mag.

Aus Ihrer Zeit bei den Rodgau Monotones stammt die geheime Hessen-Hymne „Erbarme, die Hesse komme“...

NACHTSHEIM: Dem „geheim“ widerspreche ich!

Die inoffizielle Hymne?

NACHTSHEIM: Ja. Sie ist leider nie vom Land, von irgendeinem Politiker abgesegnet worden. Aber das Stück läuft ja immer noch, beispielsweise bei jedem Eintracht-Heimspiel im Stadion und bei den Löwen in der Eissporthalle. Es passt ja immer noch. Irre.

Wer hat den Text geschrieben? Wie entstand das Lied der Hessen?

NACHTSHEIM: Dieses Stück ist in erster Linie ein Verdienst von (Gitarrist) „Ali“ Neander. Von ihm ist die Grundidee. Den Text haben Ali und ich zusammen gemacht. Als wir das Stück 1984 aufgenommen haben, war das auf unserem Album „Volle Lotte“ die einzige Funk-Nummer unter lauter Rock-Liedern.

Das hat also gar nicht reingepasst?

NACHTSHEIM: Deswegen haben wir es auf der B-Seite – das gab es damals noch – als letztes Lied versteckt, weil wir auf einmal Muffensausen hatten. Wir hatten Angst, wie die Reaktion unserer Fans ist, ob das gemocht wird, ob das nicht auf einmal als „Verrat am Rock“ betrachtet wird. Und dann ist irgendwann beim Hessischen Rundfunk jemand darauf aufmerksam geworden und hat gesagt: Das spielen wir! Zunächst haben sie das von der LP gespielt, dann meinten sie, wir sollten das als Single auskoppeln. Die Single ist dann in die Charts gegangen – und das war das populärste Stück ever!

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse