Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
2 Kommentare

Wohnraum: Interview mit Mathias Müller: „Region ist Stadt der Zukunft“

Klaus Späne sprach mit dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, Mathias Müller, über Engpässe und Grenzen des Wachstums.
Foto: WYgoda Einen „plausiblen Schritt“ nennt IHK-Präsident Mathias Müller den geplanten neuen Frankfurter Stadtteil.
Frankfurt. 

Der geplante neue Frankfurter Stadtteil bekommt zwar eine Menge Gegenwind. Es gibt aber auch prominente Befürworter.

Herr Müller, die IHK hat sich deutlich für den geplanten neuen Frankfurter Stadtteil positioniert. Warum ist das Projekt unbedingt nötig?

MATHIAS MÜLLER: Wir stellen fest, dass die Bevölkerung in Frankfurt in den letzten zehn Jahren um über 80 000 Einwohner auf jetzt 730 000 angewachsen ist. Das entspricht einem Wachstum von zwölf Prozent. Es ist auch mittlerweile bekannt, dass Frankfurt schneller als ursprünglich gedacht die Marke von 800 000 Einwohner reißen wird. Das alles ist nicht mehr in den bisherigen Gebieten, die als Wohnbaugebiete ausgewiesen sind, darzustellen – weder über Aufstockung noch über Nachverdichtung oder Ergänzung. Also wird man sich mit der Frage auseinanderzusetzen haben, einen neuen Stadtteil zu planen. Vor diesem Zahlenhintergrund haben wir als IHK gesagt, das ist ein plausibler Schritt.

Sie machen auch geltend, dass die Unternehmen mehr Wohnraum für Fachkräfte benötigen. Wie dringend ist denn der Bedarf?

MÜLLER: Wir haben ja nicht nur in der Stadt Zuzug, sondern in der gesamten Region. Hier sind 2016 und auch dieses Jahr jeweils 40 000 bis 50 000 sozialversicherungspflichtige neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Das allein zeigt die Dynamik, in der gesamten Region – und wir beschreiben diese von Bingen im Westen bis Aschaffenburg im Osten, von Gießen im Norden bis etwa dem Neckarraum im Süden. Das heißt, diese Entwicklung ist quer durch die gesamte Region zu verorten. Aus diesem Grund ist bezahlbarer Wohnraum für unterschiedliche Zielgruppen eines unserer wichtigsten Themen.

Sie sagen, dass das unternehmerische Wachstum in der Region durch den Engpass beim Wohnen behindert wird. Hört sich dramatisch an …

MÜLLER: Momentan wird der Fachkräftemangel insgesamt bei den Unternehmen als das Konjunkturrisiko Nummer eins angesehen. Dazu kommt, dass es einen Wettbewerb um die besten Köpfe nicht nur in der Region, sondern auch bundesweit gibt. Ich muss also immer das Gesamtpaket betrachten, was nicht nur aus dem Arbeitsplatz, sondern auch aus dem Wohnort und der gesamten sonstigen Infrastruktur besteht, die hier am Standort existiert.

Organisation mit großem Einfluss

Wie einflussreich die IHK Frankfurt ist, zeigt sich schon an der prominenten Adresse, unter der man residiert. Sitz der Industrie- und Handelskammer ist der Börsenplatz, wo auch die Frankfurter Wertpapierbörse beheimatet ist.

clearing

Aus der IHK ist eine vermittelnde Position zwischen Frankfurt und den Umlandkommunen ins Spiel gebracht worden. Wie stellen Sie sich das vor?

MÜLLER: Es gibt ja widerstreitende Interessen. Die haben wir auch an anderer Stelle – Stichwort Flughafen – in der Vergangenheit schon gehabt. Da haben wir gute Erfahrungen gemacht mit einer interdisziplinär besetzten Mediationsgruppe, die sich darauf verständigt hat, was die Rahmenbedingungen sein können, um die unterschiedlichen Interessen in Einklang zu bringen. Ein ähnliches Verfahren kann man sich sicherlich auch jetzt vorstellen. Klar ist: Wir sind ein Partner an dieser Stelle und würden uns einbringen, wenn unsere Vermittlung benötigt wird.

Kürzlich gab es aus IHK-Kreisen Äußerungen darüber, wie der neue Stadtteil bebaut werden könnte. Hat man sich denn bei Ihnen schon konkrete Gedanken dazu gemacht?

MÜLLER: Es ist nicht unsere Aufgabe, für die Stadtplanung vorzudenken. Dort sitzen kompetente Fachleute. Man wird aber wohl von einer Durchmischung sprechen müssen und wird nicht eine Monostruktur abbilden wollen. Die Fehler haben wir in der Vergangenheit gemacht, wenn ich an die Bürostadt Niederrad denke. Es wird darum gehen, dass man vorher qualitative Merkmale klar definiert, die umzusetzen und einzuhalten sind. Es geht darum, dass man nicht versucht, die nächste Trabantenstadt zu entwickeln, sondern ein integriertes Stadtentwicklungskonzept verfolgt. Das macht man in Frankfurt gerade ganz richtig.

Es gibt Kritik von den Umlandgemeinden, von Landwirten und Naturschützern. Haben Sie dafür Verständnis?

MÜLLER: Wir haben Verständnis dafür, dass man nicht jede Idee übernimmt, sondern dass man sehr klug analysieren und abwägen muss und dort, wo es Belange gibt, die zwingend zu schützen sind, sie auch zu schützen hat.

Können Sie sich vorstellen, dass man bei dem Projekt Bedenken aufgreift und das Ganze kleiner dimensioniert?

MÜLLER: Da wird noch so viel zu diskutieren sein, dass heute niemand vorhersagen kann, wie die Strukturen, wie das Erscheinungsbild – sowohl quantitativ wie auch qualitativ. Da ist gerade mal der Anfang gemacht worden, und es zeigt ja, wie vielschichtig die Fragestellungen sind, die daraus folgen. Umso wichtiger ist, dass wir nicht nur anfangen, Projekte für die nächsten 20, 30 Jahre zu initiieren. Wir müssen auch Projekte haben, die wir innerhalb von fünf Jahren zur Baureife bringen können.

Die IHK sprach davon, dass mit dem neuen Stadtteil die Wohnungsunterversorgung nur partiell gelindert werde. Es dürfe daher nicht bei diesem einen Neubaugebiet bleiben. Glauben Sie denn an grenzenlose Wachstumsmöglichkeiten in Rhein-Main?

MÜLLER: Wir sind sicherlich keine Wachstumsfetischisten. Klar ist aber auch: Allein Frankfurt hat heute schon einen Bedarf von 40 000 zusätzlichen Wohnungen. Und es ist klar, dass auch dieser Stadtteil diese Zahl nicht erreichen wird, um den Bedarf zu befriedigen. Das heißt, wir müssen das Thema Wohnen für Fachkräfte insgesamt auf die Region ausbreiten, solange wir Zuzugsregion sind. Sicherlich wird es einen Zeitpunkt geben, wo man sich überlegen muss, ob es gewisse Grenzen des Wachstums gibt; die wird es möglicherweise auch ganz natürlich geben. Das ist aber noch ein Stück weit hin. Genau das ist die Herausforderung: Dass man sowohl die wirtschaftliche Qualität des Standorts wie auch die Lebensqualität miteinander in Einklang bringen oder auch behalten muss, damit die Attraktivität bestehen bleibt.

Irgendwann schneidet man sich ja auch mal ins eigene Fleisch, wenn man immer dichter baut und immer mehr Verkehr anlockt …

MÜLLER: Größe an sich ist nicht der Wert, sondern es ist ein qualitatives Bild, wo verschiedene Komponenten eine Rolle spielen. Das betrifft uns in Unternehmen genauso. Wir locken ja Arbeitskräfte nicht ausschließlich mit guten Gehältern an. Es geht um das Gesamtpaket, und da gehören die emotionalen Faktoren dazu, also wie wohl fühlt man sich, welche Rahmenbedingungen gibt es in den Bereichen Wohnen, Freizeit, Kultur etc. Das muss alles in die Weiterentwicklung einer Region berücksichtigt werden.

Man hört aus all Ihren Äußerungen heraus, dass Sie weg von der Kirchturmperspektive wollen. Glauben Sie, dass in Rhein-Main diese Mentalität noch zu stark verbreitet ist?

MÜLLER: Unser Credo ist ganz klar: Die Region ist die Stadt der Zukunft. Wir werden keine Eingemeindung mehr erleben. Wir werden auch keine neue Verfasstheit von Strukturen diskutieren wollen. Sondern es geht um die Einsicht in die Notwendigkeit, dass man interkommunal kooperieren muss, dass man gemeinsam Gebiete ausweisen muss, sowohl im gewerblichen wie auch im wohnungswirtschaftlichen Bereich.

dfg f dgh tg

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse