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Hessisch-Nassauischen Kirche: Interview mit Volker Jung: „Kirche ist immer auch politisch“

Mit dem Präsidenten der Hessisch-Nassauischen Kirche, Volker Jung, sprach Dieter Hintermeier über die zurückliegende Bundestagswahl und deren Folgen sowie über das „gute und gerechte“ Zusammenleben der Menschen. Jung erklärt auch, warum polarisieren die Gesellschaft nicht weiterbringt.
Kirchentag 2017 Foto: Jens Wolf (dpa-Zentralbild) Martin Luther und die Reformation stehen noch bis zum 31. Oktober im Blickpunkt.

Herr Jung, Ihre Kirche meldet sich auch zu politischen Themen zu Wort, wenn sie es für notwendig hält. Gefällt Ihnen, wie die Bürger am Sonntag gewählt haben?

VOLKER JUNG: Einigermaßen zufrieden bin ich eigentlich nur mit der Wahlbeteiligung von rund 75 Prozent. Das Ergebnis ist so, dass die Regierungsbildung nicht einfach ist. Erschreckend finde ich aber, dass eine Partei vom rechten Rand so viele Stimmen bekommen hat. Was mich tröstet, dass über 80 Prozent der Wähler dieser Partei nicht ihre Stimmen gegeben haben.

Warum soll sich Kirche denn überhaupt in die Politik einmischen? Gibt es denn bei uns nicht eine Trennung zwischen Kirche und Staat?

JUNG: Kirche ist immer auch politisch, denn ihr liegt das gute und gerechte Zusammenleben von Menschen am Herzen. Das fordert auch unser Glauben. Kirche mischt sich ein, das ist richtig, aber sie darf keine Parteipolitik machen. Wir wollen zum Diskurs in der Gesellschaft und zur politischen Meinungsbildung in der Gesellschaft beitragen, indem wir christliche Perspektiven aufzeigen.

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Volker Jung (57) ist Präsident der Kirche Hessen-Nassau. Innerhalb der EKD war er bis 2015 Vorsitzender der Kammer für Migration und Integration.

Bei der Bundestagswahl war der große Aufreger das gute Abschneiden der AfD. Sind bestimmte Positionen dieser Partei mit ihrem christlichen Weltbild vereinbar?

JUNG: Jedenfalls ist die Haltung dieser Partei etwa zur Flüchtlingspolitik nicht mit unseren Werten und dem christlichen Menschenbild vereinbar. Außerdem akzeptiert sie diskriminierende und menschenverachtende Positionen in den eigenen Reihen.

Die Flüchtlingspolitik und die Migration hat die Bundestagswahl wesentlich beeinflusst. Wie will die Kirche Flüchtlinge behandelt wissen?

JUNG: Flüchtlinge sind Menschen, die in ihrer besonderen Not gesehen werden müssen. Niemand verlässt leichten Herzens seine Heimat. Wir halten deshalb die Bereitschaft zur humanitären Flüchtlingsaufnahme nicht für begrenzbar. Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass keineswegs alle Flüchtlinge auf dieser Welt nach Deutschland wollen. Dies wird immer mal behauptet, um Stimmung zu machen. Die humanitäre Flüchtlingsaufnahme ist aber nicht alles. Wir fordern schon seit langem ein Einwanderungsgesetz, das regelt, wie darüber hinaus Migration nach Deutschland möglich ist.

Aber die Flüchtlingspolitik ist nicht das einzige Thema, das die Kirche umtreibt. Wo sehen sie weitere politische Herausforderungen für die Gesellschaft?

JUNG: Neben der weltweiten Migration ist auch das Friedensprojekt Europa von besonderer Bedeutung. Hier ist es wichtig, dass Europa politisch und wirtschaftlich auf stabilen Füßen steht. Eine große Umstellung, die im Wahlkampf zu wenig Beachtung fand, ist die immer weiter fortschreitende Digitalisierung. Diese bietet große Chancen, aber wir sollten nicht alles tun, was technisch möglich ist. Darüber braucht es viel mehr Debatten. Insbesondere über die medizinischen Möglichkeiten und die Nutzung künstlicher Intelligenz. Auch über die Nutzung der persönlichen Daten, die längst gesammelt werden. Auf der anderen Seite kann die Digitalisierung auch dafür sorgen, dass Krankheiten besser bekämpft werden können und die Teilhabe der Menschen am gesellschaftlichen Leben gesteigert wird und es gerechter zugeht.

Letzteres dürfte doch der Kirche gefallen?

JUNG: Ja, natürlich. Deswegen rede ich von großen Chancen. Und selbstverständlich stellt sich für uns auch die Frage, wie wir die digitalen Möglichkeiten nutzen können, um besser mit unseren Mitgliedern zu kommunizieren.

Wäre eine andere Option der Kirche, um bei den Menschen im Gespräch zu bleiben, ein Kurs der Provokation und der Polarisierung?

JUNG: Ich halte nichts davon, polarisieren und provozieren zum leitenden Grundsatz der Kommunikation zu erheben. Provokationen können zwar manchmal nützlich und nötig sein, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und ein wichtiges Thema auf die Tagesordnung zu setzen. Aber dann müssen auch die Inhalte stimmen. Ein gutes Beispiel ist die Reformation. Was Martin Luther gesagt hat, das hat provoziert und auch polarisiert. Es war aber keine Provokation um der Provokation willen. Was ihn angetrieben hat, war die Botschaft von Gottes Gnade und Liebe. Die war nach seiner Auffassung in der Kirche seiner Zeit verloren gegangen. Deshalb hat er mit seinen Thesen provoziert.

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