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Drei Betroffene berichten von ihren persönlichen Fehlern: Jung und obdachlos, warum?

Schon junge Menschen werden obdachlos. Jeder Fall ist anders, gleichzeitig gibt es auch Parallelen. Drei junge Männer erzählen von ihren Erfahrungen.
Foto: Boris Roessler (dpa)
Groß-Gerau. 

Wer Justin Schömig danach fragt, warum er obdachlos geworden ist, bekommt die Antwort prompt: „Meine Mutter hat mich rausgeschmissen. Ganz einfach“, sagt der 19-Jährige. „Ich habe viel Scheiße gebaut.“ Mit einer eigenen Wohnung habe es nicht geklappt. „Der Markt ist eng.“ Da habe er erst mal „Platte gemacht“, unter freiem Himmel geschlafen.

Zusammen mit zwei anderen jungen Männern, die ihren Namen nicht sagen wollen und sich lieber Alex (24) und Jan (20) nennen, sitzt Justin in der Obdachlosenhilfe der Diakonie in Groß-Gerau an einem Tisch. Die drei erzählen, was in ihrem Leben schiefgegangen ist, wo sie Fehler bei anderen, aber auch bei sich sehen.

Auch bei Alex gab es daheim Streit mit der Mutter: „Das ging auf Dauer nicht gut.“ Wohlfahrtsverbände nennen allgemein mehrere Gründe, warum Menschen das Dach über dem Kopf verlieren: hohe Mieten, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Trennungen, Süchte, psychische Probleme.

Die Verbände gehen davon aus, dass in Deutschland wie in Hessen die Zahl der jungen Obdachlosen zunimmt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe in Berlin begründet dies mit der insgesamt steigenden Zahl der Obdachlosen. Sie werde einer Prognose zufolge bundesweit von einem Höchststand von 335 000 im Jahr 2014 auf rund 536 000 bis 2018 zunehmen, auch durch Zuwanderung von EU-Bürgern und Asylbewerbern. Schon seit einigen Jahren sei etwa jeder fünfte Obdachlose jung, gehöre zur Altersgruppe der 18- bis 25-Jährigen.

Zahlen fehlen

Genauere Zahlen für Bundesländer fehlen meist, laut Sozialministerium in Wiesbaden auch für Hessen. Im neuen Landessozialbericht sollen aber „auch obdachlose Jugendliche ein besonderer Schwerpunkt“ werden. Die Veröffentlichung sei in der zweiten Jahreshälfte geplant.

Von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege gibt es Stichtagserhebungen. Die Gesamtzahl der dabei erfassten Obdachlosen schwankte zwischen rund 3200 (2011), fast 3900 (2013) und annähernd 3100 (2015) – und dürfte nach Prognosen auf über 4000 bei der Erhebung im November 2017 steigen. Die tatsächliche Zahl Wohnungsloser in Hessen sei aber wesentlich höher, schätzt die Liga ein. Die Erhebungen ließen keine Rückschlüsse auf die Gesamtzahl zu.

„Es kommen heute mehr Jüngere ins Stolpern als früher“, fasst die Sozialarbeiterin Silke Rascher (39) in der Diakonie in Groß-Gerau mit Blick auf die drei jungen Männer ihre Erfahrungen zusammen. „Den klassischen Weg in die Wohnungslosigkeit gibt es aber nicht.“ So unterschiedlich das Leben von Alex, Jan und Justin ist, es fallen auch Gemeinsamkeiten auf. Zum Beispiel, wenn Jan seine Meinung über Behörden sagt: „Ich habe gelernt, dass man bei den Ämtern nerven muss, wenn man etwas erreichten will.“ Kaum ist der Satz gefallen, stimmen Justin und Alex ihm mit einem lauten „Oh, ja!“ zu.

So auch, wenn Alex erzählt: „Ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung. Es ist schon schwer, etwas zu finden, wenn man keine Meldeadresse hat.“ Da schließt sich Jan gleich an: „Dieser Teufelskreis ist das Problem.“ Als einer der drei meint, sein Vater habe ihm im Stich gelassen und nicht geholfen, melden sich auch die beiden anderen zu Wort: „Meinen Vater kann man vergessen.“

Keine Einzelfälle

Die genannten Erfahrungen sind offenbar keine Einzelfälle. „Viele junge Menschen werden in den Elternhäusern nicht mehr geduldet“, sagt Stefan Gillich (59) von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege und der Diakonie Hessen. Jürgen Malyssek aus Wiesbaden, der zusammen mit Klaus Störch von der Caritas Main-Taunus das Buch „Wohnungslose Menschen: Ausgrenzung und Stigmatisierung“ geschrieben hat, sieht nicht nur Armut als Ursache. „Es gibt auch Wohlstandsverwahrloste“, sagt der 71-Jährige. Das sind nach seiner Einschätzung junge Leute, die im Elternhaus keine Geborgenheit erfahren, wo es deshalb zu einer Trennung kommt. „Wo halt alles nur mit dem Geld geklärt wurde“, sagt er.

Trotz aller Obdachlosigkeit haben die drei jungen Männer in Groß-Gerau eine Vision für ihre Zukunft. Alex will Sport- und Fitnesskaufmann werden, Jan nennt als Traumberuf Koch, Justin will zur Bundeswehr. Eines liegt dem 19-Jährigen am Ende des Treffens noch besonders am Herzen: „Die Leute sehen nur die Gesamtzahl der Obdachlosen. Dann heißt es, die nehmen alle Drogen und trinken alle Alkohol“. Das sei bei ihm wie auch bei anderen nicht der Fall. Er wolle nicht abgestempelt werden. „Ich möchte ein Mensch sein und kein Objekt.“

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