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Frankfurter Fluglärmkommission: Kampf um jedes Dezibel

Nachtflugverbot, Umfliegen von Siedlungsgebieten, Einsatz leiserer Flugzeuge – seit 50 Jahren kämpft die Frankfurter Fluglärmkommission für Lärmschutz. Ihre Mitglieder benötigten einen langen Atem.
Vorsitzender der Lärmschutzkommission - Thomas Jühe Foto: Fredrik von Erichsen (dpa) Der Vorsitzende der Fluglärmkommission Thomas Jühe vor der Flugrouten-Karte des Frankfurter Flughafens.
Frankfurt. 

In zahlreichen Stadtteilen Frankfurts und in Nachbargemeinden wissen die Anwohner auch ohne Wecker, wann es fünf Uhr morgens ist: Mit den ersten Starts und Landungen am Frankfurter Flughafen schlägt auch der Lärmpegel aus – immer wieder, bis um 23 Uhr das Nachtflugverbot einsetzt. Dass es dieses Verbot gibt, ist nicht zuletzt der Arbeit der vor 50 Jahren gegründeten Frankfurter Fluglärmkommission (FLK) zu verdanken, die als bundesweit erste am 3. Oktober 1966 die Arbeit aufnahm. Auch nach einem halben Jahrhundert gibt es aus der Sicht vieler Betroffener weiterhin viel zu tun.

„Das Allerwichtigste ist, dass wir durch intensive und beharrliche Arbeit über all die Jahre erreicht haben, dass im öffentlichen Bewusstsein und auf der politischen Agenda klar ist: Lärm hat ganz erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität der Bürger“, sagt Dirk Treber, FLK-Vorstandsmitglied und Mitglied der Interessengemeinschaft zur Bekämpfung des Fluglärms in Mörfelden-Walldorf.

Dabei verweist er etwa auf die Ergebnisse der sogenannten NORAH-Studie zu den Auswirkungen von Lärm im Rhein-Main-Gebiet. Fluglärm war dabei ein vorrangiges Thema in der 2500 Seiten langen Forschungsstudie, die unter anderem Einschränkungen der Lese- und Lernfähigkeiten von Schülern feststellte, aber auch eine Minderung der Schlafqualität bescheinigte und eine erhöhte Anfälligkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch Dauerschallpegel verzeichnete.

Der Kommission gehören Gemeinden rund um den Flughafen, Vertreter der Luftverkehrswirtschaft und Verbände von Fluglärmgegnern an. Das Gremium erarbeitet Vorschläge zur Minderung der Fluglärmbelastung, etwa bei der Festlegung von Flugrouten. Die Aufgaben sind seit dem Jahr 1971 im Luftverkehrsgesetz geregelt, die FLK berät demnach das Wirtschaftsministerium als zuständige Genehmigungsbehörde, die Deutsche Flugsicherung und das Bundesaufsichtsamt für Flugsicherung.

Zum 50. Jubiläum spricht Geschäftsführerin Anja Wollert von mühseliger Detailarbeit „beim Kampf um jedes Dezibelchen“. Die sechs Stunden Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen werden als der vielleicht größte Erfolg gesehen – auch wenn die Kommission zunächst ein achtstündiges Verbot zwischen 22 Uhr und 6 Uhr angestrebt hatte.

Mit vielen kleinen Schritten und einer Vielzahl von Maßnahmen seien Veränderungen erreicht worden, die vielleicht nicht spektakulär seien, aber zu spürbaren Verbesserungen geführt hätten, resümiert Treber über die kleinen Erfolge der Kommission. Dazu zählten etwa Umrüstungen bei Flugzeugen, leisere Flugzeuge und Anflüge auf den Flughafen, die mit weniger Lärm für die Anwohner verbunden sind.Schon in den 70er Jahren wurde etwa das sogenannte Frankfurter Anflugverfahren entwickelt, bei dem Düsenjets den Flughafen mit reduziertem Triebwerksschub anflogen und Fahrwerk und Klappen erst zu einem relativ späten Zeitpunkt ausfuhren. Heute ist dieses Verfahren weltweit Standard.

Auch dass Lärmvermeidung für Fluggesellschaften finanziell zu Buche schlägt, gehört zu den Erfolgen der Kommission. So wurden 1993 die ersten lärmabhängigen Landegebühren und ein Nachtzuschlag für besonders laute Flugzeugtypen eingeführt. Die Kommission setzte sich dafür ein, dass dieses Gebührensystem immer weiterentwickelt wurde.

Als eine der wichtigsten Arbeiten für die Zukunft sieht Treber derzeit, bei der 2017 anstehenden Bewertung des Fluglärmschutzgesetzes auf Schwachstellen hinzuweisen und mehr aktiven Schallschutz zu fordern. Dies sei auch im Interesse der rund 300 000 Menschen, die rund um Frankfurt von Fluglärm betroffen seien.

Wenn am heutigen Dienstagabend die Feier zum 50-jährigen Bestehen mit einem Festakt im Wirtschaftsministerium in Wiesbaden begangen wird, weist dies auch auf ein wieder intaktes Verhältnis zum Ministerium und zum aktuellen Amtsinhaber Tarek Al-Wazir (Grüne) hin.

Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so. Unter Al-Wazirs Vorgänger Dieter Posch von der FDP war das Klima merklich abgekühlt, stand kurz vor der Eskalation: Im Jahr 2011 drohte der FLK-Vorstand um den seit 2003 amtierenden Vorsitzenden Thomas Jühe (SPD), Bürgermeister von Raunheim, keinen Vertreter aus dem Ministerium mehr zu den Sitzungen zuzulassen.

Streit mit Posch

Die Kommission beklagte fehlende Mittel seitens des Ministeriums, um Geschäftsführung und Gutachter bezahlen zu können. Eine technische Expertengruppe aus dem Ministerium, die in den Jahrzehnten zuvor die Pläne der FLK stets auf Machbarkeit überprüft und Umsetzungsvorschläge unterbreitet hatte, war angeschafft. Zudem erklärte die Kommission öffentlich, sie fühle sich von Posch vor allem bei den Themen Nachtflugverbot und Lärmentgelte in ihrer Arbeit „weitreichend behindert“.

Inzwischen ist das Verhältnis bereinigt, die FLK hat mit Wolleret eine fest angestellte Geschäftsführerin, über das Forum Flughafen und Region steht der FLK auch wieder eine Expertengremium zur Seite, und für Minister Al-Wazir steht fest: „In allen Fragen rund um den Frankfurter Flughafen ist die Fluglärmkommission für die Landesregierung ein zentraler Partner.“

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