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Abitur 2017: Karriere-Expertin gibt Tipps zum Umgang mit Prüfungsangst

Wenn heute in Hessen die schriftlichen Abiturprüfungen starten, dürfte jeder der betroffenen Abiturienten Lampenfieber haben. Im Gespräch mit Muriel-Larissa Frank erklärt die Professorin Andrea Hüttmann, warum Lampenfieber eigentlich positiv ist, es Blackouts nicht gibt und Ernährung eine große Rolle spielt.
Schüler in Niedersachsen Bilder > Foto: Holger Hollemann (dpa) Büffeln ist vorbei, jetzt muss der Stoff sitzen. In diesem Schuljahr starten die schriftlichen Abiturprüfungen mit dem Fach Englisch.

Die meisten Menschen haben Angst vor Prüfungen, Bewerbungsgesprächen und wichtigen Auftritten. Sind sie einfach nur schlecht vorbereitet?

ANDREA HÜTTMANN: Nein, überhaupt nicht. Alle Menschen haben in gewisser Weise Prüfungsangst und das ist auch normal. Ich habe noch niemanden getroffen, der Prüfungen liebt.

Gibt es Personen, die besonders anfällig für Prüfungsangst sind?

HÜTTMANN: Menschen mit einem schwächeren Selbstbewusstsein oder solche, die im Zusammenhang mit Prüfungen schlechte Erfahrungen gemacht haben, sind natürlich anfälliger als andere. Manche haben einfach auch ein schlechteres Nervenkostüm. Oft zementiert sich die Angst aber auch durch negative Glaubenssätze, wie ,Ich kann in Prüfungen nie das zeigen, was ich wirklich kann‘ oder ,Prüfungen liegen mir einfach nicht‘.

Kann Prüfungsangst überhaupt positiv sein?

HÜTTMANN: Ja, sie ist in manchen Fällen ein Motor, der uns Höchstleistungen vollbringen lässt. Das betrifft vor allem High-Performer, also Menschen, die immer wieder sehr gute Leistungen erbringen, trotzdem den Respekt vor den Prüfungen nicht verlieren und das Scheitern in Erwägung ziehen. Diese Menschen kann ich dann übrigens beruhigen.

Inwiefern ?

HÜTTMANN: Weil ihnen die Prüfungsangst nicht im Weg steht. Im Gegenteil. Sie macht ihre Leistung überhaupt erst möglich. Ich empfehle ihnen geradezu, sich mit ihrer Prüfungsangst anzufreunden.

So gut läuft es aber längst nicht für alle. Was sollte ein Prüfling tun, wenn er plötzlich nichts mehr weiß, also einen Blackout hat?

HÜTTMANN: Zunächst einmal: Das Phänomen Blackout gibt es eigentlich gar nicht. Was als Blackout empfunden wird, ist die Tatsache, dass unsere Aufmerksamkeit auf dem falschen Thema liegt – nämlich auf der Aufregung, auf dem Blick des Prüfers, auf den schreibenden Mitschülern, auf meinem Selbstzweifel, aber nicht beim Stoff. Unser Gehirn ist nicht in der Lage, Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge zu verteilen. Wenn sie schon auf unserer Nervosität ,sitzt‘, ist sie nicht bei der Klausur, bei den Inhalten.

Was kann der Prüfling also tun??

HÜTTMANN: Er muss seine Aufmerksamkeit dahin lenken, wo sie hingehört – zu der Klausur, zu den Fragen, zu dem, was er gelernt hat.

Wie schafft er das?

HÜTTMANN: Er muss die Situation unterbrechen, beispielsweise indem er seine Hände reibt oder die Füße fest auf den Boden stellt und über seine Oberschenkel streicht. Häufig hilft es Prüflingen auch, einen Schluck Wasser zu trinken oder darum zu bitten, kurz das Fenster öffnen und etwas frische Luft schnappen zu dürfen. Dazu sollten sie sich klarmachen, dass ihr Unterbewusstsein keine Negation kennt.

Was müssen wir uns darunter vorstellen?

HÜTTMANN: Von dem Satz ,Hoffentlich bekomme ich keinen Blackout‘ registriert unser Unterbewusstsein nur das Wort Blackout. Wer also vermeiden will, dass seine Gedanken auf Wanderschaft gehen, sollte sich positiv einstimmen, etwa mit ,Ich bleibe konzentriert‘ oder ,Wenn meine Gedanken abschweifen, hole ich sie zurück‘.

In Hessen beginnen am Donnerstag die schriftlichen Abiturprüfungen. Haben Sie für die betroffenen Schüler konkrete Tipps gegen Lampenfieber?

HÜTTMANN: Ja, Entspannung, Sport, ausreichend Schlaf und gesundes Essen. Am Nachmittag vor der Klausur sollten die Schüler dann auch nicht mehr lernen, sondern stattdessen spazieren gehen, saunieren oder einen unterhaltsamen Film gucken. Und natürlich rate ich ihnen, früh ins Bett zu gehen. Wer vor lauter Aufregung Probleme mit dem Einschlafen hat, kann sich mit Baldrian behelfen. Schlaftabletten sind tabu. Und am Morgen dann ein gesundes Frühstück mit Müsli und O-Saft.

Und wenn sie vor lauter Aufregung keinen Bissen herunter bekommen?

HÜTTMANN: Dann sollten sie tatsächlich besser auf das Frühstück verzichten und sich stattdessen ein Verpflegungspaket mit in die Prüfung nehmen.

Wie sollten Abiturienten mit hysterischen Mitschülern umgehen?

HÜTTMANN: Kopfhörer ins Ohr und Abstand nehmen. Schließlich kann der Gedanke stärken, dass man als Abiturient ein Experte ist – man hat 12 Jahre Schulerfahrung hinter sich, unzählige Klassenarbeiten und Klausuren geschrieben, man hat gelernt und das Wichtigste – seinen Kopf – hat man immer dabei.

Wie können Lehrer unterstützen?

HÜTTMANN: Lehrer sollten nicht nur Stoff vermitteln, sondern auch mal Tipps zum Lernen und zur Vorbereitung geben. Zudem hilft es mehr, das Selbstbewusstsein der Schüler zu stärken, als sie unter Druck zu setzen. In mündlichen Prüfungen kann man auch ruhig mal einen Tipp geben, wenn ein Schüler auf dem Schlauch steht. Das muss sich natürlich in der Note niederschlagen. Doch niemand will Jahrzehnte später noch von einer verhauenen Abi-Prüfung träumen. Ein bisschen Menschlichkeit kann nicht schaden.

Andrea Hüttmann (46) doziert seit mehr als zehn Jahren an der accadis in Bad Homburg, Schwerpunkt Betriebspsychologie, Präsentationstechniken und Rhetorik. Darüber hinaus leitet sie das Career Center und organisiert Bewerbertrainings. Seit 2002 arbeitet sie selbstständig als Coach und Trainer.

 

FNP-Stipendium an der accadis

Derzeit läuft die Bewerberrunde für das siebte Stipendium dieser Zeitung an der accadis Hochschule in Bad Homburg. Die Bewerbungsfrist endet am 20. Juni 2017.

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