Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 24°C

Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner: Karriere einer Handtasche

Von Schwarz, schlicht, ledern – aber dennoch schaffte es die Handtasche für kurze Zeit zum berühmtesten Gepäckstück der Republik.
Foto: WALTER KEBER (cas)Ruesselsheim Die Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner mitsamt der berüchtigten Handtasche bei einer Fluglärm-Demo am Flughafen.
Mainz/Offenbach. 

Es war der 13. Januar 2014, als Tabea ihre Tasche vergaß. Eine ganz normale schwarze Damenhandtasche, Leder, mehrere Fächer, nichts Besonderes. Darin ein iPad, Taschentücher und der Geldbeutel mit Geld und Papieren. Und nun stand diese Tasche irgendwo im Terminal des Frankfurter Flughafens. Mist. Doch die Lufthansa-Maschine steht noch, es gibt Verzögerungen wegen Nebels. Also wendet sich Tabea an die Crew, und die kann tatsächlich die Tasche orten – sie wird sogar direkt an die Maschine gebracht – gerettet!

„Die Tasche ist eine Skandaltasche“, sagt Rosita Nenno, Chefkuratorin und stellvertretende Leiterin des Deutschen Ledermuseums in Offenbach. Was die Tasche interessant mache, sei, was sie ausgelöst habe: „Es ist die Verquickung eines Alltagsgegenstandes mit der hohen Politik – und noch dazu mit der Fragestellung: Was darf ein Politiker tun?“

 

Flieger gestoppt

 

Denn die Geschichte von der Handtasche im Airbus ist nicht unbemerkt geblieben: „Grünen-Politikerin: Ihre Handtasche stoppt Airbus“, titelt der Berliner Kurier zwei Tage später. Tabea heißt mit Nachnamen Rößner und ist Politikerin, Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Mainz. An jenem Montag war sie auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle, dem Deutschen Bundestag. Viele Politiker saßen wie sie in der Maschine aus Frankfurt – und auch ein Reporter des Berliner Kuriers.

Die öffentliche Meinung steht sofort fest: Die Tasche wurde mit einem Steiger ans Flugzeug geliefert, dort, wo sonst das Essen hineingereicht wird – Sonderbehandlung, ganz klar. „BILD“ steigt ein: „Grünen-Politikerin stoppt Lufthansa-Flieger.“ Nun rollt die Geschichte quer durch die Blätter der Republik, in den Internet-Foren schlägt die Empörung hohe Wellen. „Das Selbstverständnis dieser Frau sagt ja schon viel aus über die Politkaste“, schreibt einer. Politiker: unnütz, egoistisch, überheblich, „da geht es zu wie beim Sonnenkönig“.

 

Warum nicht die Bahn?

 

Dann fällt jemandem auf, dass Rößner aktiv gegen Fluglärm ist. „Ich wusste gar nicht, zu welchen Mitteln die Grünen alles greifen, um den Flugverkehr am Frankfurter Flughafen lahmzulegen“, spottet einer. „Warum fährt sie die Strecke nicht mit der Bahn?“, fragt prompt der nächste: „Dafür sollte es Spott und Häme geben.“ Nun ist Tabea auch noch eine bigotte Heuchlerin. „Fahrräder fürs Volk, Hummerhäppchen in der BusinessClass für die Führungskaste . . .“, heißt es.

Tabea Rößner wohnt in der Mainzer Oberstadt, einer der am schlimmsten von Fluglärm betroffenen Stadtteile von Mainz. Bei Ostwind reißen morgens um 5.00 Uhr die ersten Flieger die Bewohner aus dem Schlaf. Rößner kämpft politisch gegen den Fluglärm, geht regelmäßig zu den Fluglärm-Montagsdemos im Terminal 1. Zu ihren Terminen in ganz Deutschland fährt sie hauptsächlich mit der Bahn. An jenem Sonntag widmete sie sich ihrer Tochter, die am Montag ihre erste Abiklausur schreibt. Am Montagmorgen steht noch ein Handwerker vor der Tür, um 10.45 Uhr muss sie am Flieger sein, in Berlin warten Termine. Mit dem Zug wäre das nicht zu schaffen gewesen.

15. Januar, mittags. „Weder ich noch meine Handtasche können ein Flugzeug stoppen“, schreibt Tabea Rößner in einer persönlichen Erklärung und erklärt den Vorfall. „Dass ich Bundestagsabgeordnete bin, habe ich übrigens nicht erwähnt. Die Sache war so schon unangenehm genug“, schreibt Rößner weiter. Und dass sie „jedes Mal aufs Neue abwägt, ob ich die Bahn nehmen kann oder den Flieger nehmen muss“.

Die Republik diskutiert in den Wochen danach über die Nutzung von Verkehrsmitteln bei Bundestagsabgeordneten. Die Handtasche ist inzwischen berühmt. Rößner versteigert die Tasche auf Ebay, für 223,78 Euro bekommt sie der FDP-Lokalpolitiker Tobias Huch. Das Geld – aufgerundet auf 500 Euro durch Rößner – geht an die Fluglärmmessstation auf dem Mainzer Lerchenberg. Tabea trennt sich nur schwer von ihrer langjährigen Begleiterin. Ihre Tasche sieht sie jetzt montags auf der Fluglärm-Demo – Tobias’ Mutter Maria ist engagierte Fluglärm-Gegnerin.

 

Ein Stück Zeitgeschichte

 

„Es geht auch um moralische Erwägungen, um Vorurteile gegenüber Politikern, um ein Grundmisstrauen: Was erlauben die sich?“, sagt Rosita Nenno: „Das steckt jetzt alles in diesem einen Stück Tasche drin.“ Am heutigen Dienstag wird die Tasche an das Deutsche Ledermuseum übergeben, dort wird sie neben den Turnschuhen von Joschka Fischer stehen, jenen weißen Tretern, mit denen Fischer bei seiner ersten Vereidigung als Minister im Hessischen Landtag einen Skandal auslöste. „Jetzt kommt das weibliche Gegenstück dazu“, sagt Nenno schmunzelnd. Sie steht dann also im Museum, als ein Gegenstand bundesdeutscher Zeitgeschichte – Tabeas Tasche.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse