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Mehr Einnahmen: Kassel erzielt bereits zum fünften Mal in Folge ein Plus im Haushalt

Die ehemals hoch verschuldete Stadt setzt ihren Aufwärtstrend fort. Die frühere Schutzschirmkommune erzielt erneut ein dickes Plus und baut kräftig Schulden ab. Doch im Rathaus reagiert man nüchtern – und scheut auch die Absage eines teuren Prestigeprojekts nicht.
Rathaus Kassel Foto: Uwe Zucchi (dpa) Das Rathaus von Kassel: Der Schuldenstand ist um 52 Millionen Euro reduziert worden.
Kassel. 

Kassel und Defizit – diese beiden Worte gehören seit dem vergangenen Spätsommer wieder zusammen. Da bescherte die Kunstausstellung Documenta – eigentlich kulturelles Aushängeschild in Nordhessen – der Stadt miese Schlagzeilen. Doch das Millionen-Defizit der Documenta dürfte Kassel rückblickend kaum kratzen.

Im Documenta-Jahr 2017 habe man 40,4 Millionen Euro Überschuss erzielt, dreimal so viel wie prognostiziert, sagte Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) am Dienstag. Gleichzeitig sei der Schuldenstand um 52 Millionen Euro reduziert worden. Doch statt Jubel gibt es aus dem Rathaus nüchterne Einschätzungen: Der fünfte Haushaltsüberschuss in Folge zeige, dass man in Kassel in den vergangenen Jahren „mehr richtig als falsch gemacht hat“, sagte Geselle.

Zahlen sprechen für sich

Die Zahlen sprechen dafür: Rekorderträge von 170 Millionen Euro aus der Gewerbesteuer, mit 93 Millionen Euro das „beste Ergebnis“ beim Einkommensteueranteil. Wichtig für Kassel bleibt aber die Unterstützung vom Land Hessen, das zuletzt 184 Millionen Euro Zuweisungen zahlte.

Früher war Kassel als Armenhaus Hessens bekannt. Knapp 800 Millionen Euro Schulden hatte die Stadt vor fünf Jahren, heute ist es nur noch die Hälfte. 2012 war Kassel die erste Großstadt, die unter den Finanzschutzschirm des Landes Hessen schlüpfte. Danach ging es finanziell nur noch in eine Richtung: nach oben.

Trotz der Überschüsse bleibt man in Kassel auf dem Boden. Vor wenigen Tagen hat die Verwaltungsspitze empfohlen, aus dem Rennen um den Titel Kulturhauptstadt 2025 auszusteigen. Eine erfolgreiche Bewerbung hätte mindestens 200 Millionen Euro gekostet. Und Kassel sei immer noch eine Stadt, „die jeden Cent umdrehen muss“, erklärte Geselle.

Es läuft nicht alles rund

Denn es läuft nicht alles rund. Das kalkulierte Minus der Documenta von 5,4 Millionen Euro muss Kassel als Gesellschafter zu Hälfte tragen. Der dauerhaft defizitäre Regionalflughafen Kassel Airport kostet die Stadt pro Jahr rund 800 000 Euro – rentiert laut Geselle aber. Und für ein ungenutztes Flüchtlingsheim muss die Stadt Kassel in den nächsten sieben Jahren insgesamt acht Millionen Euro zahlen.

Dass Kassels Höhenflug bald endet, ist kaum zu erwarten. Laut Wirtschaftsvertretern hat das Wachstum Substanz: „Wir haben inzwischen eine Exportorientierung der regionalen Wirtschaft über dem Bundesdurchschnitt von über 50 Prozent der Unternehmen“, sagte Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel. Diese Zahl habe in den 90er Jahren unter 20 Prozent gelegen.

Laut Wittrock ist die Entwicklung der Region auch an den Gewerbeflächen abzulesen. Mittlerweile verfüge der interkommunale Industriepark Kassel zum Beispiel über 550 Hektar Fläche. Zum Vergleich: Der Industriepark Höchst in Frankfurt hat 460 Hektar. Das in Kassel 2005 in Betrieb genommene Containerterminal operiert laut Wittrock an der Auslastungsgrenze.

Als ein Erfolgsgeheimnis gilt, dass Kassels Industrie keinen Schwerpunkt hat. „Durch den gesunden Branchenmix schlagen Krisen in einzelnen Wirtschaftsbereichen weniger stark durch“, erklärte Jörg Ludwig Jordan, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg. Die Aussichten seien gut: Nur 13,3 Prozent der Unternehmen der Region erwarten laut IHK-Umfrage „eine eher ungünstige zukünftige Geschäftslage“.

Über einen Wachstumsmotor sind sich Wirtschaftsvertreter und Politiker in Kassel stets einig: „Ein entscheidender Treiber war 1971 die Gründung der Gesamthochschule Kassel, der heutigen Universität“, sagte Jordan. Aus der Uni, die ebenfalls seit Jahren wächst, sind Ausgründungen wie der Solartechnikhersteller SMA hervorgegangen. Von der guten Entwicklung profitiert der Arbeitsmarkt: Die Arbeitslosenquote liege im IHK-Bezirk mit 4,8 Prozent nicht nur unter dem Bundesdurchschnitt von 5,7 Prozent, sondern auch unter dem hessischen Durchschnitt von 5 Prozent, sagte Jordan. Zeiten, in denen die Stadt Kassel eine Quote von über 19 Prozent hatte, sind vergessen.

Selbst der Bund der Steuerzahler hat für die Entwicklung der Stadt nur Lob: „Mit einer solch positiven Entwicklung innerhalb kurzer Zeit hätte wohl kaum jemand gerechnet“, erklärte Sprecher Moritz Venner. Kassel habe bei der Haushaltskonsolidierung in den vergangenen Jahren offensichtlich vieles richtig gemacht – auch wenn die gute Konjunktur geholfen habe. Die Nordhessen zeigten, dass sich „strikte Vorgaben und eiserner Sparwille vor Ort auszahlen können“.

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