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Notfallnummer unbekannt: Kaum ein Patient kennt den ärztlichen Bereitschaftsdienst

Von Das Problem besteht seit Jahren: Viele Patienten kommen direkt in die Notfallaufnahme der Kliniken, obwohl sie Beschwerden haben, die auch in einer Arztpraxis behandelt werden könnten. Warum das so ist, hat die Hessische Krankenhausgesellschaft jetzt abfragen lassen.
Symbolbild Symbolbild
Eschborn. 

Erkrankt ein Patient außerhalb der üblichen Sprechzeiten der Arztpraxen an einem nicht lebensbedrohlichen Leiden, sollte er den ärztlichen Bereitschaftsdienst aufsuchen – den Notdienst der niedergelassenen Ärzte. Sollte.

Soweit die Theorie. Tatsächlich kommen immer mehr Menschen direkt in die Notfallaufnahmen der Kliniken mit Krankheitsbildern, die dort schlicht nichts zu suchen haben. So ist die Zahl der ambulanten Notfälle in den hiesigen Kliniken von 2013 bis 2015 um 8,5 Prozent auf gut 301 000 gestiegen, berichtet die Hessische Krankenhausgesellschaft (HKG). Manchen plagt lediglich ein Schnupfen oder Rückenschmerzen, die keineswegs akut sind, sondern bereits seit drei Wochen zwicken.

Info: Hilfe unter 116 117

Bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen während der üblichen Sprechstundenzeiten sollte der Weg zum Haus- oder Facharzt führen. Außerhalb der Sprechstundenzeiten (Nacht/Wochenende) hilft der Ärztliche

clearing

Warum das so ist, wollte die HKG wissen und hat im Zeitraum von Dezember 2016 bis Februar 2017 knapp 4500 Patienten befragt, die von alleine – also ohne Einweisung eines Arztes oder vom Rettungsdienst gebracht – in die Notfallaufnahme kamen.

Die wichtigste Erkenntnis: den ärztlichen Bereitschaftsdienst und dessen Rufnummer kennt kaum jemand. 83 Prozent der Befragten gaben an, die bundesweit gültige Nummer 116 117 nicht zu kennen. Von den knapp 17 Prozent derer, die erklärten, die Nummer zu kennen, konnten allerdings nur sechs Prozent tatsächlich die korrekte Nummer aufschreiben, wie der Geschäftsführende Direktor der HKG, Rainer Greunke, gestern berichtete.

Direkt in die Notaufnahme

Ein weiteres Indiz dafür ist, dass mehr als drei Viertel der Befragten, die außerhalb der Sprechstundenzeiten kamen, gar nicht erst den Kontakt zum Bereitschaftsdienst der niedergelassenen Ärzte gesucht haben, sondern direkt in die Notaufnahme kamen. Lediglich elf Prozent der Patienten kamen nach einer vorherigen Untersuchung dort hin.

Doch auch abseits der Bereitschaftszeiten scheint es einen starken Drang zum unmittelbaren Weg in die Notaufnahme zu geben: Knapp 55 Prozent der Befragten kamen während der regulären Sprechzeiten der Arztpraxen – montags bis freitags zwischen 8 und 18 Uhr – in die Kliniken. Fast jeder vierte Befragte begründete dies mit der Aussage, er fühle sich dort besser versorgt oder ginge grundsätzlich in die Notaufnahme.

Auf der Suche nach den Gründen, mutmaßt Greunke, dass die Patienten „sich in der Notaufnahme grundsätzlich besser, weil vollumfänglich versorgt, fühlen“. Vermutlich führe auch eine höhere Mobilität der Menschen zu einer nachlassenden festen Arztbindung.

Der direkte Gang in die Klinik ist für die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) ein großes Problem, weil sie für ambulante Behandlungen in Krankenhäusern zahlen muss. Wird ein Notfallpatient hingegen stationär aufgenommen, rechnet die Klinik direkt mit der Krankenkasse ab. Eine bundesweite Regelung sieht seit 1. April vor, dass ein Arzt in der Notfallaufnahme entscheiden muss, ob der Patient dort zu Recht erschienen oder eine Behandlung in einer Arztpraxis oder beim ärztlichen Bereitschaftsdienst ausreichend ist. Dafür erhält er neuerdings eine Pauschale in Höhe von 4,74 Euro.

Zu wenig, sagen Notfallmediziner, dies entspräche der Entlohnung für rund zwei Minuten Arbeitszeit. So schnell könne keine fundierte Diagnose erstellt werden. Die KVH hingegen verweigerte in vielen Fällen die Übernahme der von den Krankenhäusern in Rechnung gestellten Kosten mit der Begründung, dort seien – weil kein echter Notfall – nicht notwendige Leistungen erbracht worden.

Hilfe im Sozialministerium

Dieser Streit ist in den vergangenen Wochen derart eskaliert und in die Öffentlichkeit getragen worden, dass es in der vergangenen Woche zu einem Krisengipfel im Sozialministerium mit HKG und KVH in Wiesbaden kam. Als „konstruktiv“ bezeichneten Teilnehmer die Sitzung. Vereinbart wurde zunächst die Notrufnummer 116 117 intensiver zu bewerben und bekannt zu machen. Außerdem soll eine sogenannte Clearing-Stelle bei der KVH künftig unklare Abrechnungsfälle aufklären helfen. Weitere Treffen sind vereinbart.

Die Umfrage der Krankenhausgesellschaft hat jedoch noch einen weiteren Mitspieler aufgezeigt, der viele Patienten unnötigerweise in die Notaufnahme der Kliniken bringt: den Rettungsdienst. So hätten allein die zehn Kliniken, die an der Umfrage teilgenommen hätten, in den ersten drei Monaten dieses Jahres mehr als 6000 vorhersehbar ambulante Fälle per Krankentransport angeliefert bekommen. Darunter auch 249 urologische Ursachen wie einen Katheterwechsel. „Das ist kein Fall für ein Krankenhaus“, betont Greunke.

Auch wenn die KVH im Zuge der Auseinandersetzungen argwöhnte, den Krankenhäusern wäre der Zulauf in den Notaufnahmen als „Staubsauger für leere Klinikbetten“ möglicherweise nicht unrecht, stellt Direktor Greunke klar: „Die Krankenhäuser legen keinen grundsätzlichen Wert auf ambulantes Klientel – aber dies zu vermitteln ist schwierig.“

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