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500 Jahre Reinheitsgebot: Kein Einheitsgeschmack

Von Es ist die Urformel deutschen Bierbrauertums, und sie gilt bis heute: „Hopfen und Malz – Gott erhalt’s!“ So fasst der Volksmund zusammen, was am Samstag 500. Geburtstag feiert: Das deutsche Reinheitsgebot.
Berufsschule für Brauer und Mälzer Foto: Ina Fassbender (dpa) Ohne Hopfen wird’s nichts: Hier wandern Pellets für die Herstellung einer Rauchbier-Maische in die Sudpfanne.
Frankfurt. 

Es ist die wohl einmalige Geschichte eines Lebensmittelgesetzes, das bis heute den Verbrauchern ein reines, unverfälschtes Produkt garantiert. Und doch ist gerade heute das Reinheitsgebot unter Druck wie nie: Als Einheitsgebot und Langweiligkeitsgebot schmähen es Kritiker – und die Deutschen trinken so wenig Bier wie nie.

107 Liter Bier trinkt unsereiner im Schnitt pro Jahr, 145 Liter waren es mal in den 1980er Jahren. Da steckte Deutschland in den Wirtschaftswunderjahren, Bier war das Getränk der schaffenden Massen und erfolgreichen Schaffer. „Es gibt Umstrukturierungen, das Konsumverhalten hat sich verändert“, sagt Wolfgang Koehler, Präsident des Bierbrauerverbandes Hessen und Rheinland-Pfalz.

Vor 20 Jahren machte seine Darmstädter Privatbrauerei noch 18 Prozent ihres Umsatzes mit Kantinenbier, heute ist dieser Umsatz auf Null gesunken. Dazu verzichten heute die deutschen Autofahrer deutlich konsequenter auf Alkohol am Steuer. „Gott sei Dank“, sagt Koehler. Doch die Bierbranche schwächelt, das Kneipensterben macht der Branche zusätzlich zu schaffen. Stattdessen boomen Selbstbrausets im Internet – mit allen Zutaten, die einem so einfallen.

Bilderstrecke Die schönsten Brauhäuser an Rhein und Main
"Nur Wasser trinkt der Vierbeiner, der Mensch findet's Bier feiner.": Peter Badenhop führt in seinem Reiseführer der etwas anderen Art durch "Die schönsten Brauhäuser an Rhein und Main". Eine kleine Auswahl der porträtierten Gasthöfe und Brauereien aus dem im Societäts-Verlag erschienen Band zeigen wir in dieser Bilderstrecke.<br><br>Für 12,80 Euro ist das Buch im <a href="http://www.societaets-verlag.de/buecher/buecherdetails/article/die-schoensten-brauhaeuser-an-rhein-und-main/">Online-Shop des Verlags</a> zu erwerben.<br><br>Im Bild: Das Darmstädter Braustüb'l bietet eine beachtliche Bier-Auswahl.Der Autor regt den Leser zu Entdeckungstouren durch das Rhein-Main-Gebiet an und informiert kompakt über die Qualität der Braustuben: Bewertet werden Ambiente, Service, Speisen und natürlich der Gerstensaft.<br><br>Das Gasthaus "Zum Riesen" (im Bild) in Miltenberg überzeugt mit stilvollem Interieur, anspruchsvoller Küche und charaktervollen Bieren.In Frankfurts Traditionshaus und erster Gasthausbrauerei "Zu den Zwölf Aposteln" passt das hauseigene helle oder dunkle Bier zu den zünftigen Speisen und dem urigen Keller.

Es war genau am 23. April 1516 als der bayerische Herzog Wilhelm IV. zu Ingolstadt per Verordnung die Regel erließ, zum Bierbrauen seien nur drei Zutaten erlaubt: Hopfen, Malz und Wasser. Die Bedeutung der Hefe für den Gärprozess kannte man damals noch nicht, als viertes Element kam sie später dazu. Herzog Wilhelms Regelung aber schrieb Weltgeschichte, das deutsche Reinheitsgebot ist weltweit berühmt. USA, Niederlande, Frankreich und sogar China sind die wichtigsten Absatzmärkte für deutsche Bierbrauer, mehr als 50 Millionen Hektoliter Bier werden pro Jahr exportiert.

Das Reinheitsgebot bewirkte noch mehr: Es bildete einen Schutz vor überzogenen Bierpreisen, und es schützte das Brotgetreide Weizen vor der Verwendung fürs Bierbrauen. Damals war Bier als flüssiges Brot auch Nahrungsmittel und wurde zur Bezahlung von Arbeitern verwendet. Und es gibt wohl kaum ein Getränk, das mehr deutsches Kulturgut ist, als Bier: Die Germanen brauten es, später ließen die Mönche in den Klöstern eine reiche Bierkultur entstehen. Das Gebräu war gesünder als Wasser, weil die Gärung Keime abtötete. Kölsch, Alt, Weizenbier, Pils – jede Region entwickelte ihre ganz eigene Bierkultur.

Das hessische Bier ist eindeutig das Pils: Knapp 70 Prozent beträgt hier sein Marktanteil. 75 Bierbrauer gibt es im Lande offiziell, darunter sind zwei der ganz Großen: Die Radeberger Gruppe, zu der auch das Frankfurter Binding Bräu gehört, sowie die Licher Privatbrauerei. Dahinter folgen vielleicht zehn mittelgroße Brauereien, der Rest aber sind kleine Brauereien und Event-Gastronomien.

Und dann gibt es da noch Leute wie Holger Erbe und Daniel Benker in Wiesbaden. Seit Juni 2015 brauen die beiden Informatiker Wiesbadener Ale mit Citrus- und Karamell-Malznote. Craft Beer heißt der Trend, der seit etwa sechs Jahren aus Amerika nach Deutschland schwappt, handgemachte Tropfen mit neuen Rezepten. „Unser Bier ist eine Rebellion gegen den Einheitsgeschmack“, sagt auch Philipp Vogel. Der Kommunikationsdesigner wollte eigentlich nur eine Bachelor-Arbeit über Bier schreiben – seit November 2013 gibt es das „Eulchen Bier“ in Mainz. Ihr Gebräu sehen die Macher als Belebung der alten, individuellen Bierkultur, als Gegenpol zum Geschmackseinerlei der Großkonzerne.

Steht das Reinheitsgebot also vor seinem Aus? Nein, sagt Koehler, es sei doch bezeichnend, dass sich auch die allermeisten Craft-Bier-Brauer an die 500 Jahre alte Verordnung hielten. Und bei 200 verschiedenen Hefen, 160 verschiedenen Hopfensorten und 40 Malzarten seien schließlich weit über eine Million Geschmacksvarianten möglich.

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