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Demo gegen Flughafen: Krawall und zwei Tote: Startbahn West wird 30

Ein Symbol des Widerstands gegen Großprojekte wird 30. Von der Startbahn West hebt mittlerweile mehr als jedes zweite Flugzeug in Frankfurt ab. Die erbitterten Proteste beim Bau der Piste sind nicht vergessen. Damals ging es um Bäume und nicht vorwiegend um Fluglärm.
Hessische Bereitschaftspolizisten räumen das von Umweltschützern besetzten Baugelände für die umstrittene Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Seit 30 Jahren ist die einst umstrittene Asphaltrampe nun in Betrieb. Hessische Bereitschaftspolizisten räumen das von Umweltschützern besetzten Baugelände für die umstrittene Startbahn West am Frankfurter Flughafen. Seit 30 Jahren ist die einst umstrittene Asphaltrampe nun in Betrieb.
Alle paar Minuten donnert ein startendes Flugzeug über die Idylle. Es ist ohrenbetäubend laut. Im Naturschutzgebiet Mönchbruch bei Mörfelden-Walldorf singen die Vögel seit 30 Jahren gegen Fluglärm an. Sie müssen Pausen machen, sonst werden sie nicht gehört und finden keinen Partner. Das Gebiet grenzt im Süden an die «Startbahn 18 West». Das einst am heftigsten umstrittene Bauprojekt der Republik wurde am 12. April 1984 in Betrieb genommen. Inzwischen geht 400 Mal am Tag von der vier Kilometer langen Piste eine Maschine in die Luft. Routinebetrieb am Frankfurter Flughafen.

Als der Lufthansa-Airbus «Lüneburg» als erstes reguläres Flugzeug von der 18 West abhob, atmete die Luftfahrtbranche auf. Nach jahrzehntelanger Planung und jahrelangen, erbitterten Auseinandersetzungen hatten die Gegner der Flughafenerweiterung letztlich verloren. Eine offizielle Eröffnungsfeier gab es nicht.

Bilderstrecke Startbahn West wird 30
Ein vermummter "Knüppelwerfer" demonstriert am 14. April 1984 gegen die heftig umstrittene Startbahn West des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens (Archivbild). Der Bau der neuen Startbahn sorgte für einen "hessischen Herbst". Zum 30. der Asphaltgeraden blickt die FNP auf die Randale auf Seiten der Protestler und dem zum Teil unverhältnismäßig brutalen Vorgehen der Polizei. Fotos: Rolf Böhm, Walter Keber, FNP-ArchivDie Startbahn West ist ein Symbol des Widerstands gegen Großprojekte. Dieses Protestplakat zeugt davon, wie sich Bürger gegen ein Projekt vernetzten und wehrten.Blick auf die Startbahn West des Rhein-Main-Flughafens in Frankfurt: Die 4000 Meter lange Piste wurde trotz der heftigen Proteste am 12. April 1984 für den Betrieb freigeben. Eine offizielle Eröffnungsfeier gab es nicht. Man wollte nicht provozieren.


Man wollte nicht provozieren. Zu heftig war der Widerstand in der Region gegen das Projekt, gebaut wurde unter massivem Polizeischutz. Der Protest gegen die Naturzerstörung stand im Vordergrund - er prägte damals auch die politische Diskussion im Land. Fluglärm, das Hauptthema bei der Diskussion um die letzte Flughafenerweiterung, spielte zu dieser Zeit eine untergeordnete Rolle.

Gerade erst hatten sich die Grünen aus der Umweltbewegung gegründet, 1983 zog die Partei erstmals in den Bundestag ein. Unter den Demonstranten waren auch Tarek Al-Wazir und Priska Hinz, heute grüne Minister im schwarz-grünen Landeskabinett.

Unter dem Druck der Proteste verdoppelte der Flughafenbetreiber seinen Umweltschutzfonds von 2,5 auf 5 Millionen D-Mark (etwa 2,5 Millionen Euro). Damit wurden Aufforstungen als Ersatz für den gerodeten Startbahn-Wald bezahlt. Insgesamt kostete das Projekt 225 Millionen Mark (etwa 112 Millionen Euro).

Hunderttausende hatten demonstriert, sich Woche für Woche im Wald getroffen, ein Hüttendorf mit Kapelle errichtet, bis die Hütten entfernt und der Wald gerodet wurde. Den Dorfbewohnern des Hüttendorfs schlug Sympathie und Solidarität entgegen. Viele brachten warmen Kaffee und Kuchen in den Startbahn-Wald. Aber nach einer Blockade 1981, als Tausende den Verkehr lahmlegten, schlugen die bis dahin friedlichen Proteste in Krawalle um. Demonstranten und Polizei lieferten sich Gefechte mit Steinen, Molotowcocktails, Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken.

Auch nach Fertigstellung der Bahn gingen die Proteste an der Starbahn-Mauer weiter und eskalierten 1987, als zwei Polizisten während einer Demonstration erschossen wurden. Erst danach wurde es ruhiger. Aber noch heute treffe sich ein Häuflein Unentwegter regelmäßig zum Sonntagsspaziergang an der Bahn, sagt Dirk Treber, damals einer der Mitbegründer der Protestbewegung und bis heute aktiver Fluglärmgegner. Die kleine Kapelle, die Ausbaugegner im Wald gebaut hatten, stehe heute zwischen den Ortsteilen Mörfelden und Walldorf. An Weihnachten sei sie stark besucht. Im Sommer gibt es monatlich einen Gottesdienst mit gesellschaftspolitischen Themen.


Es wurde alles viel teurer


Die Hoffnungen, eine gründliche Diskussion mit allen Beteiligten vorab könnte Proteste gegen die nächste Flughafenerweiterung verhindern, erfüllten sich nicht: Trotz Mediationsverfahren mit allen Beteiligten weckte auch der Bau der Nordwestlandebahn, die 2011 eröffnet wurde, wieder den Zorn der ganzen Region. Diesmal rückte die Diskussion um Fluglärm und die persönliche Betroffenheit der Anwohner in den Vordergrund.

Seit der ersten Landung auf der Bahn - Kanzlerin Angela Merkel saß im Flugzeug - wird jeden Montag im Flughafen-Terminal lautstark demonstriert. Im Mai steht die 100. Montags-Demo an. Krawalle wie zu Zeiten der Startbahn West gab es nicht, aber die hartnäckigen Proteste und unzählige Gerichtsverfahren brachten den Gegnern Erfolg: Für den Lärmschutz wurden Programme in dreistelliger Millionenhöhe aufgelegt - allein der Flughafenbetreiber Fraport bringt nach eigenen Angaben rund 300 Millionen Euro auf.

Auch sonst wurde alles viel teurer: Die neue Landebahn kostete Fraport neben den reinen Baukosten von 600 Millionen Euro einen Umweltausgleich für rund 160 Millionen Euro. Die Verlagerung des Chemiewerks Ticona schlug zusätzlich mit 670 Millionen Euro zu Buche.

Ein Demonstrant steht zwischen Polizisten. Foto: Roland Holschneider/Archiv
Heftige Demos vor 30 Jahren Startbahn West: Ausstellung erinnert an Proteste

An den Bürgerprotest gegen den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens vor drei Jahrzehnten erinnert eine Ausstellung in Mörfelden-Walldorf.

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