Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 24°C

Ein Mainzer Arzt berichtet: Krisengebiete: Eine Oase im Chaos von Syrien

Von Der Mainzer Arzt Gerhard Trabert hat schon viele Krisengebiete auf der Welt gesehen. Jetzt war er in Nordsyrien unterwegs. Und berichtet vom zarten Pflänzchen der Demokratie in der einzigen autonomen Provinz in Syrien.
Mainz. 

Der Norden von Syrien ist eigentlich nur als vermintes Kriegsgebiet in den Nachrichten, ein Kampfgebiet, in dem die kurdische Armee die Stellung gegen die Terrormilizen des Islamischen Staates (IS) hält. „Rojava praktiziert Demokratie“, sagt Gerhard Trabert, „das ist die einzige Region im Mittleren Osten, wo es ein demokratisches Konzept gibt.“

Rojava bezeichnet den nordwestlichen Teil von Syrien, der im Norden an die Türkei und im Osten an den Irak angrenzt. Hier habe sich quasi im Windschatten des Krieges die autonome, von den kurdischen Truppen geschützte Demokratische Föderation Nordsyrien gebildet, berichtet Trabert. Der Arzt ist gerade von einem einwöchigen Besuch in der Region zurückgekehrt, und zeigte sich tief beeindruckt.

Es gebe dort in den Orten ein basisdemokratisches Modell, eine paritätisch gewählte Regierung aus allen Stämmen, Kulturen und Religionen, berichtete Trabert. Die einzelnen Themen des öffentlichen Lebens seien Räten zugeteilt, so gebe es etwa einen Bildungsrat, einen Nachbarschaftsrat, einen Stadtplanungsrat, in ihnen werde die Versorgung organisiert. „Es gibt keine Führungselite, darauf legt man einen großen Wert“, sagte Trabert.

Von heute auf morgen

„Es gab ja von heute auf morgen nach dem Rückzug des syrischen Staates keine staatliche Verwaltung mehr“, berichtet Maike Nack, so hätten die Menschen begonnen, sich selbst zu organisieren. Wasser, Kanalisation, Stromversorgung, alles werde von den Menschen selbst gestemmt, berichtet sie. Nack ist Soziologin und Mitarbeiterin der Stiftung der Freien Frau in Rojava (WJAR), ein Jahr lang lebte sie selbst in Rojava.

„Alles basiert auf einem Gesellschaftsvertrag, der von allen Bevölkerungsgruppen mitgetragen wird“, berichtet sie, das sei „eine große Chance“ für den Frieden in der Region. Trotzdem seien die Vertreter der Föderation zu den Friedensgesprächen in Genf nicht eingeladen, sagt Maike, „ein Unding.“ Denn in Rojava werde ein Modell des demokratischen Föderalismus, wie es in Genf diskutiert werde, bereits gelebt: „Das könnte ein Lösungskonzept für ganz Syrien sein“, sagt sie.

Zumal das Konzept wirklich gut funktioniere, berichtete Trabert: „Überall in Kobanê wird neu gebaut“, sah der Arzt, „neue Mietwohnungen etwa, in großer Geschwindigkeit.“ Felder würden bewirtschaftet, Ernten eingeholt, der Alltag kehre zurück, besonders in befriedeten Städten wie Qamishli. In Tepke übergab er ein Ultraschallgerät an das Gesundheitszentrum der kurdischen Stiftung der freien Frauen von Rojava, einer der Gründe für die Reise.

Neue Zentren

„Es entstehen neue Ausbildungszentren in der Bildung, man gründet jetzt Akademien“, berichtete Trabert beeindruckt. Im Oktober werde in Serê Kaniyê ein Medizinstudium gestartet, eine Ausbildung für Krankenpfleger. Vertreter des Zentrums für Traumapädagogik aus Hanau seien vor Ort gewesen, um Schulungen zur Versorgung von traumatisierten Kindern durchzuführen. Der Wissenshunger sei enorm, betonte Trabert. Bei Dêrik entstehe ein neues Reha-Zentrum für rund 250 Kriegsopfer.

Das Modell der Basisdemokratie funktioniere sogar in Flüchtlingslagern der Region, berichtete er weiter: Trabert besuchte das Flüchtlingslager Roj bei Dêrik im äußersten Nordosten der Region, dort gebe es einen Flüchtlingsrat, das ganze Lager sei in kleinere Einheiten von Familien unterteilt. Toiletten und Wasserstellen seien dezentral angelegt und würden von den Flüchtlingen selbst gepflegt.

„Ich war in vielen Flüchtlingslagern in verschiedenen Ländern, aber ich habe noch nie so ein sauberes Lager gesehen“, sagte Trabert, „das war sehr beeindruckend.“ Auch Gewalt solle es in dem Lager nicht geben, „ich hatte den Eindruck, dass es dort sehr gelassen zugeht.“ 3,5 Millionen Menschen lebten in der Region, die Grenzen zur Türkei seien geschlossen, im Süden tobe der Kampf gegen den IS. Trotzdem schaffe es die Demokratische Föderation, die Masse an Flüchtlingen solidarisch zu versorgen, „das ist eine immense Herausforderung.“

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse