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Lärm ist Schall, der stört

Der Deutsche Fluglärmdienst wertet die Daten von 120 Lärmmessanlagen im Rhein-Main-Gebiet aus und stellt die Ergebnisse ins Internet. Der Flughafenbetreiber Fraport erhebt seine Werte an 28 eigenen Messstationen. Ob der Lärm auch gesundheitsschädlich ist, ermittelt derzeit eine Studie im Auftrag der hessischen Landesregierung.
Frankfurt. 

Jetzt kommt gleich ein A 380, kündigt Astrid Rupp an. Jeden morgen um 9.52 Uhr hat die Flörsheimerin Gelegenheit, sich den Doppeldecker-Airbus aus der Nähe anzuschauen. Um diese Zeit donnert der Riesen-Flieger in nur 450 Metern Höhe über ihr Haus hinweg.

76 Dezibel hinterlässt er auf der Flugspur, die auf dem Computer der Familie Rupp erscheint. Denn am Dach ihres Hauses thront ein Mikrofon mit vier kleinen Antennen. Der Verein zum Schutz der Lebensqualität in Flörsheim betreibt hier eine Lärmmessstation.

Die verrät, dass der A 380, der angeblich viel leiser sein soll als etwa ein Jumbo, gar nicht wesentlich leiser ist. "Bei einem Jumbo messen wir um die 80 Dezibel", berichtet Astrid Rupp. Das Geräusch des A 380 sei aber wenigstens nicht ganz so schrill", erklärt die Hausbesitzerin.

Familie Rupp wohnt in der Weilbacher Straße. Sie liegt direkt unter der Abflugschneise. Es gibt nur wenige Orte im Rhein-Main-Gebiet, wo Anwohner mehr Fluglärm ertragen müssen als hier.

Doch es kommt noch schlimmer: Wenn am 21. Oktober die Nordwestbahn am Frankfurter Flughafen eröffnet wird, sind es nicht mehr nur die startenden Flieger, die Erholung im 1600 Quadratmeter großen Garten der Rupps unmöglich machen. Dann kommen die landenden Maschinen hinzu, die in noch viel geringerer Höhe über das Dach hinwegrauschen. Dieser äußerste Zipfel von Flörsheim wird dann in 275 Metern Höhe überflogen. Kaum vorstellbar. Wirken die Flieger doch jetzt schon so nah und vor allem so ohrenbetäubend.

Doch was ist es eigentlich, was die Menschen am Fluglärm so stört? Hören doch viele Musikfans ihre Lieblingssongs gerne in noch viel größerer Lautstärke, und Sportwagenfahrer genießen regelrecht das dröhnen ihres Ferrari- oder Porsche-Motors.

Individuelle Wahrnehmung

Die Lärm-Definition des Fraport-Experten Mathias Brendle liefert die Erklärung dafür: "Lärm ist Schall, der stört." Der eine sei beispielsweise hingerissen von einem bestimmten Musikstück, für einen anderen bedeutet es Lärm. "Weil er die Geigen nicht mag", erläutert Brendle.

Da aber nur die allerwenigsten Menschen das Dröhnen von Triebwerken über ihren Dächern als melodisch empfinden, will die hessische Landesregierung mit einer strengen Schallschutzverordnung das schlimmste Leid lindern. Das Regelwerk zum passiven Schallschutz soll in Kraft treten, noch bevor der erste Flieger auf der Nordwestbahn landet.

Der Flughafenbetreiber muss demnach 120 000 Menschen in der Region Schallschutzfenster und Lüftungsanlagen einbauen lassen. Das kostet nach Schätzung von Fraport-Chef Stefan Schulte 150 Millionen Euro. Kosten, die Fraport auf die Fluggesellschaften umlegt.

Schon in einem früheren Programm hat der Flughafen 50 Millionen Euro in passiven Schallschutz an Häusern investiert. Diesmal hat die Landesregierung jedoch niedrigere Grenzwerte festgelegt.

Damit nicht alle Lärmopfer, wie gesetzlich vorgesehen, sechs Jahre auf die Schallschutz-Einbauten warten müssen, hat Fraport in Aussicht gestellt, das Geld für die am schlimmsten betroffenen Menschen in der neuen Einflugschneise sofort bereitzustellen.

Lärmopfer wie Familie Rupp finden es mehr als selbstverständlich, dass Fraport dies anbietet. Denn das novellierte Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm aus dem Jahr 2007 sei von der Politik sehr stark an den Bedürfnissen der Fluggesellschaften ausgerichtet worden, meint Horst Weise vom Deutsche Fluglärmdienste (DFLD). Sein Verein betreibt keine eigenen Lärmmessstationen, stellt aber anderen Vereinen, wie hier in Flörsheim, Computerprogramme zur Verfügung, um Lärmmessungen auszuwerten und ins Internet zu übertragen. So auch die Werte, die auf dem Dach von Familie Rupp gemessen werden.

Der Vorsitzende des Vereins für Flörsheim, Hans Jakob Gall, befürchtet, dass die Flieger auf der Nordwestbahn in sehr kurzen Zeitabständen landen werden, weil dort nur kleinere Flieger zugelassen sind. "Da helfen uns Schallschutzfenster nur wenig", erklärt er. Gerade Kinder müssten ja auch draußen spielen können. "Der Lärm, der hier auf die Menschen zukommt verstößt gegen die Menschenwürde", meint Gall. Deshalb sei sein Verein bereit, bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen.

Gesundheitsgefahr?

Er sieht sogar die Sicherheit der Kinder im Straßenverkehr gefährdet: "Wenn in so geringer Höhe ein Flugzeug über einen hinwegfliegt, geht der Kopf automatisch nach oben, und Kinder auf der Straße werden abgelenkt", befürchtet Gall.

Außerdem ist der Flörsheimer fest davon überzeugt, dass Fluglärm krank macht.

Ob das tatsächlich so ist, soll eine Studie ermitteln, die von der hessischen Landesregierung in Auftrag gegeben wurde. Die Studie NORAH (Noise-Related Annoyance and Health) untersucht allerdings auf Druck des Flughafenbetreibers und der Fraktionen von CDU und FDP im Landtag nicht nur Fluglärm, sondern auch Belästigungen auf Straßen und Schienen.

Der Epidemiologe Professor Eberhard Greiser hatte zuvor in einer umstrittenen Untersuchung rund um den Flughafen Köln-Bonn einen Anstieg von Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen im Zusammenhang mit Fluglärm festgestellt.

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