E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 25°C

Interview: Landesvorsitzender des VBE kritisiert Lernen unter schlechten räumlichen Bedingungen

Die CDU ist optimistisch, was die Lehrerversorgung betrifft. Doch an vielen Schulen sieht es problematisch aus, weil qualifizierte Vertretungskräfte fehlen. Das sagt Stefan Wesselmann, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, im Gespräch mit Peter Schulte-Holtey. Er erklärt auch, wo es Ausfälle geben wird.
Schülerin im Unterricht Foto: Daniel Karmann (dpa) Eine Schülerin meldet sich eifrig – doch nicht immer ist das Lehrpersonal ausreichend qualifiziert oder sind die Räume in gutem Zustand.

Sind Hessens Schulen gut vorbereitet worden auf den Schulstart? Wo ist jetzt schon absehbar, dass es Engpässe bei der Unterrichtsversorgung geben wird?

STEFAN WESSELMANN: Die Schulen sind besser vorbereitet, als sie vorbereitet wurden. Mit zunehmendem Lehrermangel sind sie immer mehr auf sich selbst gestellt, die Lücken in der Lehrerversorgung zu stopfen. Das Kultusministerium stellt die Stellen zur Verfügung, die Staatlichen Schulämter stellen Verträge aus, aber die Menschen, die diese Verträge erfüllen sollen, müssen sich die Schulen in der Regel selbst suchen.

Und da sieht die Situation an jeder Schule unterschiedlich aus.

WESSELMANN: Ja! Wer beispielsweise Lehrkräfte im Vorbereitungsdienst ausgebildet hat, hat natürlich größere Chancen, dass diese nach ihrem Examen der Schule auch mit einer festen Planstelle erhalten bleiben. Schulen in Universitätsnähe können meistens auf interessierte Lehramtsstudierende zurückgreifen. Aber bei vielen Schulen sieht es da eher problematisch aus. Und wenn dann noch zufällig im Sommer mehrere Lehrkräfte gleichzeitig gehen – Pensionierung, Versetzung, Mutterschutz, Elternzeit, Bewerbung auf Funktionsstelle an einer anderen Schule, dann ist es in der Regel nicht möglich so viele Vertretungkräfte zu finden.

An den meisten Schulen wird zudem schon länger auf Personal ohne Lehramt und teilweise ohne jegliche pädagogische Qualifizierung zurückgegriffen.

WESSELMANN: Stimmt – aber das heißt nicht, dass die alle ihre Arbeit nicht ordentlich machen. Im Gegenteil, da gibt es viele Menschen, die die Schulen sehr wertvoll unterstützen. Aber es darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit steigenden Zahlen an nicht-pädagogischem Personal, die als Lehrkräfte tätig sind, eine Deprofessionalisierung des Lehrerberufes einhergeht. Vor allem mit Blick darauf, dass für diese befristet beschäftigten Personen keine grundlegenden Fortbildungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. In Sachen Unterrichtsversorgung wird es hessenweit wahrscheinlich so aussehen, dass die Grundunterrichtsversorgung – also der Pflichtunterricht – noch gesichert werden kann, aber eben oftmals nicht durch qualifizierte Lehrkräfte. Ausfälle wird es in erster Line in den Zusatzangeboten geben – in Arbeitsgemeinschaften, Ganztagsangeboten, Förderunterricht etc.

Die Zahl der Klassenräume in Containern nimmt ja rasant zu. Ist das noch zumutbar für Lehrer und Schüler?

WESSELMANN: Ja, die Zahl der Container-Klassenräume nimmt im Rhein-Main-Gebiet weiter zu. Der neue Schulentwicklungsplan des Kreises Offenbach spricht da beispielsweise eine sehr deutliche Sprache. In Rodgau-Hainhausen wurden in den letzten Tagen erst welche aufgestellt. Das Leben und Lernen im Container kann man nun zurecht kritisieren, es ist in der Regel mit vielen Einschränkungen und zusätzlichen Belastungen – weniger Platz, schlechteres Raumklima – vor allem bei diesen Temperaturen etc. verbunden. Kritisieren muss man es deswegen, weil es nicht selten an einer mangelhaften Bedarfsplanung in der Vergangenheit liegt. Wenn Container genutzt werden müssen, weil eine Schule renovierungsbedürftig ist und im laufenden Betrieb saniert werden muss, ist das nun mal etwas anderes, als wenn eigentlich erwartbare Kapazitätsprobleme – zum Beispiel aufgrund der Erschließung von Baugebieten – entstehen, weil Baumaßnahmen für nötige Raumerweiterungen vom Schulträger nicht rechtzeitig eingeplant werden und deshalb Container-Lösungen her müssen. In beiden Fällen stellt es eine Belastung für alle Beteiligten da. Im letzteren Falle ist es die größere Zumutung, weil es oft vermeidbar gewesen wäre.

Was wird aus Ihrer Verbandssicht die größte Herausforderung im neuen Schuljahr an Hessens Schulen sein?

WESSELMANN: Herausforderungen haben wir an Hessens Schulen viele: Die schleppende und in der Regel mangelhaft ausgestattete Umsetzung der Inklusion ist und bleibt ein Dauerthema. Auch die Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung wird uns weiter herausfordern. Und beides muss man besonders vor dem Hintergrund des Lehrermangels sehen: Die Lehrerstellen, die für Inklusion und Deutsch für Seiteneinsteigern zur Verfügung stehen, können ja oftmals gar nicht besetzt werden. Und wenn es dann noch außerdem zu Krankheitsfällen und Langzeiterkrankungen kommt, bricht das Kartenhaus nicht selten zusammen. Aber in den genannten Bereichen sind die Schulen in Hessen regional und individuell völlig unterschiedlich aufgestellt – und bewerten die Frage nach der größten Herausforderung daher individuell.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen