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Symposion Paartherapie: Liebe als Bildungsauftrag

Von Die Liebe sollte in Parteiprogrammen und Regierungserklärungen stehen, sie sollte an Schulen gelehrt werden und von Arbeitgebern, Wissenschaft und Kirche aktiv gefördert werden. Das ist eine Forderung beim Symposion Paartherapie in Darmstadt an diesem Wochenende.
Bilder > 300 Paartherapeuten gönnen sich auf dem Symposion Paartherapie einen Moment der Zugewandtheit, der in Beziehungen häufig fehlt. In der Pauluskirche in Darmstadt unterhält sich jeder drei Minuten mit einem Menschen, den er bis dahin nicht kannte.
Darmstadt. 

Liebe auf dem Stundenplan? Das mag im ersten Moment nach Phantastereien nach dem Schema „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb“ klingen. Doch wer lieben kann, wer beziehungsfähig ist, der ist nicht nur glücklicher, er ist auch gesünder. Liebende sind nach Expertenmeinung die besten Arbeitnehmer. Stünde Liebe auf Lehrplänen, dann würden die Krankheitsraten sinken, das Gesundheitssystem würde entlastet werden und Unternehmen würden von einer produktiveren Belegschaft profitieren. „Liebe ist die Keimzelle der Gesellschaft und der Lebensqualität, und sie braucht Unterstützung auf allen gesellschaftlichen Ebenen“, sagt Dr. Sigrid Goder-Fahlbusch, Leiterin des Odenwald-Instituts, das das Symposion gemeinsam mit der Gesellschaft für integrative Paar-/Sexualtherapie (GIPP) veranstaltet.

Krankenkasse zahlt nicht

Das romantisierte Bild von der Liebe, die vom Himmel fällt und dann gelingt oder eben nicht, hält sich hartnäckig in der Gesellschaft – auch in der Politik. Die gelungene Beziehung läuft von selbst, und wenn nicht, dann trennt man sich eben, so die häufige Meinung. Zum Paartherapeuten zu gehen käme vielen wie eine Bankrotterklärung vor. Dabei kann man laut Experten Liebe und Beziehungsfähigkeit lernen. Die Kosten für Paartherapie werden von den Krankenkassen aber nicht übernommen. Die Paartherapeuten wollen, dass sich das ändert – seit Jahren.

Und obwohl Paare Beratungen und Unterstützung zu ihrem Miteinander selbst bezahlen müssen, und obwohl der Gang zum Therapeuten für viele immer noch ein Tabu ist, steigt die Nachfrage. Mittlerweile hat die Paartherapie mit den größten Anteil an der therapeutischen Arbeit. Rund 1500 Paarberatungsstellen gibt es laut Goder-Fahlbusch in Deutschland. Zu 70 Prozent sind es die Frauen, die zum Paartherapeuten gehen und ihren Mann mitschleppen. „Die Männer kommen erst, wenn die Frauen schon mit dem Liebhaber vor der Tür steht“, sagt der Diplom-Psychologe Michael Göllen von der GIPP.

Zum Thema: Das Odenwaldinstitut und das Symposion

Das Symposion Paartherapie ist aus einer Reihe von Arbeitstagungen des Odenwald-Instituts gemeinsam mit der Gesellschaft für Sexual-/Paartherapie hervorgegangen.

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Ob Liebe und Beziehung gelingen, hängt von vielen Faktoren ab. Die inneren Faktoren habe man durch Selbstreflektion und stetiges Lernen selbst in der Hand – das ist es, wenn man an der Beziehung arbeitet. Für die äußeren Bedingungen müsse die Gesellschaft sorgen. „Es ist viel schwieriger geworden, allen Ansprüchen des Alltags gerecht zu werden“, sagt Goder-Fahlbusch. Den Menschen bleibe immer weniger freie Zeit für leidenschaftliche Momente und zärtliche Geborgenheit. Liebe, Vertrautheit, und Geborgenheit müssten sich entwickeln, entfalten und nachhallen können. „Die Intimität beginnt in der Seele und nicht in der körperlichen Vereinigung“, macht Cöllen deutlich. Zeitnotstand ist der Notstand der Liebe. „Statt müde von der Arbeit nach Hause zu kommen sollte man auch mal müde von der Liebe zur Arbeit gehen können“, wünscht sich Cöllen.

Fünf Säulen

Die digitale Gesellschaft fördere die Vereinzelung. „Wenn Sie nebeneinander, jeder vor seinem Laptop sitzen, dann ist das kein Dialog“, macht Cöllen klar. Aber die Zeit ist eine der fünf Säulen der Liebe: „Hinzu kommen die Körpersäule, die Gefühlssäule, die Sprechsäule und die Sinn-/Seelensäule. Wenn eine dieser Säulen dauerhaft unter- oder überversorgt ist, dann schädigt das auch alle anderen Säulen.“

Die Verweildauer der Paare in Beziehungen wird immer kürzer. Es gibt immer mehr Patchworkfamilien. Die Beziehungsfähigkeit des Menschen wird in der Kindheit gelegt: keine Familie, keine Zeit, keine Entfaltungsmöglichkeit. Die Kränkungen, alleine schon durch fehlende Aufmerksamkeit für das Kind, nehmen zu. Je höher die Kränkungs-Empfindlichkeit, desto schwieriger wird es in Beziehungen. Die narzisstische Kindlichkeit bringe man als belastende Mitgift in die Beziehung. Und sie zeige sich auch darin, „dass wir mit überdimensionierten Autos mit Allradantrieb durch die Städte fahren, obwohl wir wissen, dass wir damit die Umwelt unserer Nachkommen zerstören“, so Cöllen. Immer weniger Menschen ließen sich auf eine Lebensgemeinschaft ein, sehnten sich aber danach. In Frankfurt leben 50 Prozent der Menschen alleine.

Mit ein paar Klicks kann man sich im Internet innerhalb von Minuten ein Sex-Erlebnis organisieren. „Und wir haben keine Vorbilder für Liebe und Beziehung mehr, nur noch im Kino“, so GIPP-Mitbegründerin Ulla Holm. Immer häufiger kämen junge Menschen in die Beratung, weil sie die Fehler ihrer Eltern nicht wiederholen wollen.

Es fehle den Menschen an Werten und Orientierung. „Achtsamkeit, Dankbarkeit, Demut, Friedfertigkeit, Güte, Mitgefühl, Staunen. Damit kann Beziehung gelingen“, so Cöllen. Und Gesellschaft. Er zitiert Fromm: „Ohne Liebe könnte die Menschheit nicht einen Tag existieren.“

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