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Flugbegleiter fordern Abhilfe gegen verseuchte Kabinenluft: Macht Kabinenluft in Flugzeugen krank?

Von Mehrere hundert Betroffene des "Aerotoxischen Syndroms", darunter viele Flugbegleiter - aber auch Passagiere haben ihrem Unmut mit einer Demonstration Luft gemacht. Sie fordern Anerkennung ihrer Krankheit.
Flugbegleiter hielten beim Demonstrationszug durch das Terminal 1 am Frankfurter Flughafen gestern Transparente .
Frankfurt. 

Es war am Frankfurter Flughafen kurz vor dem Abheben, als Karolin Otto in den hinteren Teil ihres Flugzeuges gerufen wurde. Ein „komischer Geruch“ hatte sich breit gemacht, alle rochen es – doch der Techniker sagt: „Da ist nichts.“ Nach dem Ausstieg bekam Otto auf einmal wahnsinnige Kopfschmerzen und einen unangenehmen Druck auf der Brust, ihre Finger kribbelten stark – sie fühlte sich total schlapp und richtig krank.

Karolin Otto ist seit 29 Jahren Stewardess einer großen Airline und arbeitete zuletzt als Kabinenchefin, seit April ist sie dienstuntauglich geschrieben. „Meine Ärzte warnen mich davor, ein Flugzeug zu betreten“, sagt die 53-jährige Darmstädterin: „Meine Lunge hat nur noch 68 Prozent ihrer Fähigkeit, Sauerstoff zu verarbeiten.“

Otto und ihre Ärzte sind überzeugt: Die Stewardess wurde krank durch giftige chemische Dämpfe in der Kabinenluft. Fume Events nennen die Fachleute Vorfälle, bei denen Spuren von synthetischen Ölen, verdampfter Hydraulikflüssigkeit, Enteisungsmitteln und anderen Chemikalien in die Kabinenluft der Flugzeuge gelangt. Der Grund: Bei den meisten Flugzeugen wird die Kabinenluft von außen angezapft – und zwar direkt neben den Flugzeugturbinen.

Gestern machten deshalb Betroffene mit einer Demonstration am Frankfurter Flughafen auf das Problem aufmerksam und forderten eine Anerkennung ihrer Krankheit. „Seit 70 Jahren weiß man davon“, sagte Initiatorin Kerstin Konrad, auch eine Fume Event-Geschädigte, doch gehandelt werde nicht. Rund 30 Personen zogen mit Transparenten und Trillerpfeifen durch das Terminal 1 am Frankfurter Flughafen und forderten giftstofffreie Atemluft in Flugzeugen.

Ein Vorfall pro Tag

Denn Otto ist kein Einzelfall: Laut Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen gab es zwischen 2006 und 2013 mehr als 660 Ereignisse mit „deutlichen Anzeichen“ auf eine gesundheitliche Belastung für Flugzeugbesatzungen, die Pilotenvereinigung Cockpit schätzt, dass es bei einem von 2000 Flügen zu einem Unfall mit vergifteter Kabinenluft kommt – das wäre ein Vorfall pro Tag. Das betreffe auch die Passagiere, sagt die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di: „Ich halte es für Vielflieger für genau so gefährlich“, sagt Uwe Schramm von Ver.di.

Mediziner der Universität Göttingen stellten fest, dass die vergiftete Bordluft das Nerven- und Herz-Kreislauf-System angreift. „Manchmal kann ich kaum noch klar denken“, erzählt Otto. Konzentrationsstörungen habe sie dann, dazu kämen Gelenkschmerzen. Andere Betroffene berichten von heftigen grippeähnlichen Symptomen, Migräne und Abgeschlagenheit, viele klagen über Lungenprobleme.

Hilfe vom Arbeitgeber gibt es meist nicht: „Von denen kommt nichts, die Berufsgenossenschaft verniedlicht es als Geruchserlebnis“, sagt Otto empört. Die Betroffenen fordern deshalb, das Aerotoxische Syndrom endlich als Berufskrankheit anzuerkennen. „Es darf nicht länger verschwiegen werden, weder von der Politik noch von der Industrie“, fordert Schramm. Zumal es einfache Abhilfe gäbe: Die Kabinenluft könnte am Heck des Flugzeugs angesogen, Flieger mit Filteranlagen nachgerüstet werden. Passieren tue das nicht, sagt Schramm: „Das ist den Airlines zu teuer.“ Es gehe aber um Menschen, um Gesundheit und um Arbeitsplätze, betont der Gewerkschafter. Otto und K. haben nun eine Patientenvereinigung gegründet, P-Coc will Betroffenen helfen – und der Politik Druck machen. „Wir hatten gerade heute morgen wieder einen Vorfall, eine Kollegin flog von New York nach Frankfurt – nach der Landung musste sie ärztlich betreut werden“, berichtet Schramm: „Es kann jeden treffen.“

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