E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige Frankfurt am Main 21°C

Frauen heute: Mandy Pauses Berufung geht unter die Haut

Von Auf Mandy Pauses Körper geht es verrückt zu: Ein Rotkehlchen trägt eine Trommel auf dem Kopf und ein Elefant hängt an einem Heißluftballon. Die junge Tätowiererin liebt ihren Beruf. Ein Tattoo ist für die 23-Jährige mehr als ein gemaltes Bild: Es ist ein Geschenk, ein Ausdrucksmittel und ein Stück Leben.
Foto: (Privat) Das Werkzeug wirkt grob, doch Mandy Pause beherrscht den feinen Umgang mit der Tätowiermaschine.
Glauburg. 

Wer beim Tattoo-Studio von Mandy Pause mit einer dunklen Hinterhofabsteige und düsterer, fast mystischer Rocker-Atmosphäre rechnet, der wird überrascht sein. In freundlichem weiß, hellen Licht und mit einem wohligen ersten Eindruck empfängt das Tattoo-Studio „nadel.tante“ im ländlichen Glauburg-Stockheim seine Gäste. Hier könnte sich auch ein Kosmetikstudio verbergen. Die Motivation der Betreiberin ist ähnlich: Ihre Gäste sollen schöner aus dem Studio hinausgehen, als sie hineingekommen sind. Geschmückt und verziert.

Narben und Tränen

Seit einem Jahr führt die 23-Jährige ihr eigenes Studio und das sehr erfolgreich. Quartalsweise vergibt sie Termine, das erste Quartal ist längst ausgebucht. Mandy Pause lächelt bei nahezu jedem Wort, das sie sagt: „Ich habe den schönsten Job der Welt“, betont sie. Ruhig und ohne große Gesten sitzt sie am Beratungstisch im vorderen der zwei kleinen Räume ihres Studios. Hier führt sie Gespräche, lernt ihre Kunden kennen und nimmt sich Zeit.

„In vielen Studios fühlt sich der Kunde bloß wie eine Nummer“, erklärt sie. Bei ihr soll die Körperbemalung zu einem besonderen Moment werden. „Für viele ist das ein einschneidendes Erlebnis“, erklärt die Künstlerin. Mandy Pause zeichnet nicht bloß, sie verewigt ihre Bilder auf fremden Körpern: „Das ist etwas sehr Persönliches, man verschenkt ein Stück Haut für immer.“ Um dieses Geschenk zu würdigen, investiert sie viel Zeit, um die gewünschten Motive zu entwerfen – auch das gehört zum Job.

Eine Frau – viele Projekte

Schon zu Ausbildungszeiten spendete Mandy Pause all ihre Trinkgelder für den guten Zweck. Auch jetzt im eigenen Studio lässt sie sich viel einfallen, um gemeinnützige Organisationen zu

clearing

„Als Tätowiererin bin ich nicht nur Künstlerin, ich bin Dienstleister, Therapeut und beste Freundin“, beschreibt sie. Denn Tattoos können mehr als Schmuck sein. Sie erzählen Geschichten, beschreiben Lebensmomente; sind Erinnerungen. So geschieht es häufiger, dass Pause Gedenktattoos sticht oder Narben verziert. Nicht selten erfährt sie die emotionalen Geschichten dahinter. Wem man seine Haut anvertraut, dem offenbart man gerne auch sein Seelenleben.

Das Tränen vor Schmerzen vergossen werden, passiere hingegen selten – ein Tattoo gestochen zu bekommen, tue in etwa so weh, wie sich zu epilieren, beschreibt Pause und fügt eine eindeutige Erkenntnis hinzu: „Männer sind wesentlich schmerzempfindlicher als Frauen.“

Mandy Pause geht den Menschen unter die Haut. Etwas mit und nahe an den Menschen zu machen, das war schon immer ihre Passion. So studierte sie eigentlich aber voller Überzeugung Erziehungswissenschaften. Da sie zu dieser Zeit selbst schon einige Tattoos hatte, bemühte sie sich um einen Nebenjob in einem Tattoo-Studio und wurde bei Inkaholic in Bruchköbel fündig. Eigentlich dachte sie, dort nur an der Theke helfen zu wollen, doch es galt die Devise: „Hier darf niemand arbeiten, der nicht auch zeichnen kann.“ „Ich wusste gar nicht, dass ich zeichnen kann“, blickt Mandy Pause heute zurück. Ein paar Kritzeleien konnte sie dennoch zusammenkramen und ein Glücksfall nahm seinen Lauf. Bereits nach vier Wochen im Studio durfte sie ein Tattoo selbst stechen.

Eine offizielle Ausbildung zum Tätowierer gibt es nicht, so müssen Interessierte für gewöhnlich lange Klinken putzen, ehe sie einen Profi finden, der sie in die Geheimnisse des Tätowierens einführt. Mandy Pause hatte Glück und nach zwei Jahren Lehre stand ihr Entschluss fest: Dies ist ihre Berufung. Just zur selben Zeit entdeckte ihre Mutter in der Stockheimer Vogelsbergstraße ein kleines Ladenlokal und ermutigte sie, ihr eigenes Studio „nadel.tante“ zu eröffnen.

Eine große Verantwortung

Menschen mit Tattoos zu schmücken, ist keine selbstreferenzielle Kunst. Der Kunde nimmt das Kunstwerk mit nach Hause, er muss damit leben, die Künstlerin behält bestenfalls ein Foto. Mandy Pause ist sich dieser Verantwortung bewusst. Motive, die nur ein kurzer Trend sein werden, wie Pusteblumen, aus denen Vögel davon fliegen, sticht sie kategorisch nicht – der Kunde würde es irgendwann bereuen. Auch vom beliebten Unendlichkeitszeichen rät sie vehement ab: „Die sieht man immer zweimal: Einmal zum Stechen und einmal zum Covern“, berichtet sie und lacht. Rund 20 Prozent ihrer Kunden kämen, um sich ein altes Tattoo verschönern oder übermalen zu lassen. Ohnehin sieht sie die meisten ihrer Kunden wieder – denn die Wenigsten blieben bei einem Tattoo.

Tattoos auf Händen, Hals und im Gesicht sticht sie allerdings nur, wenn der restliche Körper des Kunden schon tätowiert ist. Rechtsextreme Symbole haben bei Mandy Pause hingegen gar keine Chance. Diese zu kennen, ist dabei gar nicht so einfach: „Gerade im Nazi-Bereich gibt es unglaublich viele Zahlen-Kombinationen mit Bedeutungen“, erklärt sie. Tätowierer sind dabei ganz auf sich alleine gestellt, sich dieses Wissen anzueignen.

Doch abgesehen von diesen Regeln gilt bei ihr: Je verrückter, desto lieber. Erst gestern, so erzählt sie, habe sie sich ein Tattoo selbst am Bein gestochen. Denn lebenslange Bilder unter der Haut zu tragen und Spontanität: Für Mandy Pause schließt sich das nicht aus.

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutz Über unsere WerbungRSS

© 2018 Frankfurter Neue Presse

Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen