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Portrait: Marlene (18) bietet mit Instagram dem Krebs die Stirn

Marlene bekommt mit 18 Jahren die Diagnose Krebs. Doch sie kämpft und bietet der Krankheit auf ganz besondere Weise die Stirn. Hier erzählt sie ihre Geschichte – in ihren eigenen Worten.
Krankenhausaufenthalte gehören plötzlich zum Alltag im Leben von Marlene. Nach der Operation stehen viele Termine für Chemotherapie und Bestrahlung an – bis heute.

Warum ich? Die Frage stelle ich mir nicht. Ich habe Pech gehabt. Es war einfach ein großer dummer Zufall, dass es mich getroffen hat. Niemand hätte etwas im Vorhinein dagegen tun können. Krebs gab es bislang in meiner Familie nicht. Bei meinen Eltern nicht und bei meinen Großeltern auch nicht. Ich war 18, als ich die Diagnose bekam: Medulloblastom, ein bösartiger Hirntumor.

Eigentlich führte ich, Marlene aus einer kleinen Stadt bei Gießen, bis dahin ein ganz normales Leben. Ich ging in die 13. Klasse einer Gesamtschule und war mitten im Abitur. In meiner Freizeit machte ich Kram wie jeder andere Teenager auch: Fotografieren, lachen, Freunde treffen, ins Kino gehen oder Zeit mit meinem Pferd verbringen. Nebenbei arbeitete ich in einem Supermarkt an der Kasse.

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So sah Marlene früher aus: mit langen Haaren.

Die Symptome

2016, ich weiß gar nicht mehr genau wann, fing alles an. Ich hatte immer mal wieder Gleichgewichtsstörungen. Zum Beispiel knickte ich auf dem Bürgersteig einfach so um, als ich die Straße hinunter ging. Beim Turnen im Sportunterricht bemerkte ich, dass ich Schwierigkeiten hatte, auf dem Schwebebalken zu balancieren (was mir davor immer relativ leicht gefallen war).

Dann war mir dauernd übel. Ich musste mich oft übergeben, vor allem direkt nach dem Aufwachen. Anfangs dachte ich noch, ich sei schwanger. War aber nicht so. Ich vermutete stattdessen eine Essstörung. Vor meiner Familie verheimlichte ich die ganze Sache, weil es mir schon richtig peinlich war, auch vor meinen Mitschülern, als wir im September auf Abschlussfahrt nach Irland fuhren. Nur mein Freund wusste Bescheid. Ihm fiel auch auf, dass ich immer sehr müde war und in kürzester Zeit einschlief. Ich kann mich noch erinnern, dass wir einen Film gleich fünf Mal anfangen mussten.

Dazu kamen die merkwürdigen Schmerzen im Nackenbereich und hinter dem rechten Ohr, die mit der Zeit immer schlimmer wurden. Später strahlten sie bis in den Schädel und in die Augenhöhlen aus. Ich schob es auf den Stress: Arbeit, Führerscheinprüfung, Hobby, Abitur, Freunde.

Im Februar 2017 trat dazu noch ein Pochen in meinem rechten Ohr auf, und ich hörte immer schlechter. Dann das Symptom, durch das alles „aufgedeckt“ wurde: Ich sah plötzlich Doppelbilder! Dinge, die ein bis zwei Meter von mir entfernt waren, konnte ich nicht mehr klar erkennen. Teilweise musste ich mit eingedrehtem Kopf Auto fahren, weil es mit einem Auge besser war. Es ging so weit, dass ich mir in engen Straßen das rechte Auge zuhielt, um wenigstens mit dem linken alles genauer sehen zu können. So konnte es aber definitiv nicht weitergehen.

Ich bekam schließlich einen Termin beim Augenarzt, und ich weiß noch genau, was er zu mir sagte. Er sah mich an und fragte mich:

„Sind Sie alleine hier?“

„Es handelt sich bei Ihnen um einen Notfall.“

„Sie müssen sofort in eine Augenklinik und dürfen auf keinen Fall mehr alleine fahren.“

Mein Papa holte mich ab.

Die Diagnose

In der Klinik wurden stundenlang Tests gemacht, der Neurologe entschied sich für ein MRT. Es war mittlerweile 18 Uhr, und in Gedanken war ich immer noch bei meiner Abi-Prüfung in Biologie in der nächsten Woche. Stunden später teilten uns die Ärzte mit, dass ich einen gutartigen Hirntumor hinter dem rechten Ohr habe.

Ich fing an zu weinen und sagte nur noch: „Ich will doch eigentlich nur mein Abitur schreiben.“

So paradox das auch klingen mag: Irgendwie war ich damals aber auch erleichtert. Bevor ich nicht wusste, was los war, ging es mir nie konstant gut. Jetzt war ich froh, nicht mehr kämpfen zu müssen, sondern dass mir geholfen wurde. Ich war so unendlich froh, dass wir nun wussten, woher das alles kam und es einen Grund dafür gab.

Teilweise ist es beängstigend, wenn man das, womit ich zu kämpfen hatte, alles hört, und man fragt sich: Hätte man es nicht früher erkennen können? Eindeutig: Nein. Solche Tumore entdeckt man meistens nur durch Zufälle oder wenn die Symptome schon sehr weit fortgeschritten sind, so wie es bei mir der Fall war.

Im Nachhinein sagte mir mein Vater einmal, wenn man alle Symptome zusammen hätte betrachten können, wäre man natürlich sofort zum Arzt gegangen. Doch keiner kommt auf die Idee, bei Nackenschmerzen, Übelkeit und ein bisschen Schwanken auf der Straße ein MRT machen zu lassen.

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Freund Daniel ist immer an ihrer Seite.

Die Operation

Ich musste jedenfalls nie zuvor wegen einer Sache ins Krankenhaus. Hier stand ich jetzt und musste innerhalb weniger Tage meine erste schwere Operation im Leben antreten. Neun Stunden dauerte der Eingriff, bei der ein großer Teil meines Tumors entfernt wurde. Doch es kam noch schlimmer.

Zwei Wochen später, am Tag der Entlassung, lautete der Befund: Der Tumor ist doch bösartig. Ich müsse Chemotherapie bekommen. Ein Schock!

Ich schrieb Daniel, meinem Freund, eine SMS. Er saß gerade in einer Vorlesung, für ihn hörte es sich natürlich genauso unwirklich an, wie für mich, sogar heute noch.

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